ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Helicobacter pylori: Nicht nur für den Magen ein unerfreulicher Keim

MEDIZIN: Kommentare

Helicobacter pylori: Nicht nur für den Magen ein unerfreulicher Keim

Sewing, Karl-Friedrich

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LNSLNS Es ist immer wieder gut, wenn sich in kritischen Fragen Fachleute zu Wort melden, die frei von kommerziellen Interessen und mit scharfem Blick Themen aufspießen, die leicht zu Verzerrungen der Betrachtungsweise und – was noch schlimmer ist – zu unbegründeter Verängstigung der Bevölkerung führen. Wohl als Reaktion auf zahlreiche Berichte in der medizinischen Tertiärliteratur und in der Laienpresse, aus denen der mit der Materie nicht ganz Vertraute entnehmen muß, daß eine Infektion mit dem Keim Helicobacter pylori ein hohes Risiko für ein Magenkarzinom darstellt, und daß dies eine baldige und umfassende Keimelimination erfordere, haben sich fünf namhafte Wissenschaftler zumeist aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg im Deutschen Ärzteblatt mit der gebotenen Zurückhaltung über den Zusammenhang zwischen Helicobacter pylori und Magenkarzinom und die sich daraus ergebenden therapeutischen und prophylaktischen Konsequenzen geäußert (1). Sie schreiben unter anderem: "Eine deutsche Studie ist neuerdings aufgrund serologischer Untersuchungen zu dem Schluß gekommen, daß H. pylori keine wesentliche Bedeutung für die Entstehung des Magenkarzinoms in Populationen mit hohem sozioökonomischen Status und niedriger Magenkrebsrate hat." Weiter: "Die chronische Infektion per se kann aber kaum als ausreichendes Krebsrisiko angesehen werden." Diese Klarstellung, die alle vollmundigen Äußerungen und angstmachenden Darstellungen relativiert und auf den Boden der Realität zurückholt, war verdienstvoll und dringend erforderlich, insbesondere vor dem Hintergrund, daß in den vergangenen Wochen und Monaten in mehreren Blättern der medizinischen Sekundär- und Tertiärliteratur mehrfach Äußerungen von gastroenterologischen Meinungsbildnern zu lesen waren, mit denen unter dem Label "Initiative für die neue Ulkus-Therapie" immer wiederkehrend das gleiche Behandlungsschema zur Behandlung von Ulzera (ohne Spezifikation, ob es sich um ein Magen- oder Duodenalulkus handelt) oder – genauer gesagt – zur Eradikation des Helicobacter pylori mit folgenden Worten propagiert wurde: "Wir empfehlen die moderne Tripel-Therapie schon beim ersten Ulkus. Die Therapie ist einfach, sicher und gut verträglich."

Verunsicherung vorprogrammiert
Wählt man die zum Abfragen weiterer Informationen angegebene Rufnummer, landet man im Sekretariat des Instituts für Pathologie des Klinikums Bayreuth. Gerade von diesem Institut aus wurde im Vorfeld und in Begleitung zu der beschriebenen Öffentlichkeitskampagne in der medizinischen Tertiärliteratur und in Vorträgen sowie in den Laienmedien auf die Notwendigkeit gerade des Einsatzes des propagierten (oder eines ähnlichen) Therapieschemas mit dem Hinweis verwiesen, daß dies beim Vorliegen einer Helicobacter-Infektion eine Prophylaxe des Magenkarzinoms darstelle. Daß dies einerseits bei Ärzten Verunsicherung und bei Patienten Verängstigung hervorruft, und dadurch bei den empfohlenen Präparaten – durch die "Initiative für die neue Ulkus-Therapie" wohl gewollte – Umsatzsteigerung herbeiführt, versteht sich von selbst. Daß Umsätze gemacht werden sollen, läßt sich schon an drei Inhalten der – man muß jetzt wohl sagen – Anzeigen ablesen:
¿ Es besteht keinesfalls Einigkeit darüber, daß bereits beim ersten Auftreten eines Ulkus die empfohlene "moderne Tripel-Therapie" durchgeführt werden muß.
À Es gibt keinen Anlaß dafür, die "moderne Tripel-Therapie" über mehr als sieben Tage durchzuführen.
Á Die Dosis von 250 mg Clarithromycin dürfte ausreichend sein.
Alles trägt nur zu einer unnötigen Verteuerung der Ulkus-Therapie bei. Somit muß man sich wohl fragen, wer denn für die "Initiative für die neue Ulkus-Therapie" in den Medien in die Tasche gegriffen hat. Vielleicht ist es nicht ganz abwegig anzunehmen, daß dies die Patentinhaber der namentlich genannten Medikamente waren. Sollte dies der Fall sein, dann muß man wohl die Frage stellen, ob nicht eine Verpflichtung bestanden hätte, den Lesern unmißverständlich zu erkennen zu geben, daß es sich um eine Anzeigenkampagne und nicht um eine unabhängige Initiative gehandelt hat.


Zurückhaltung angebracht
Sollten wir nicht Zurückhaltung üben, die wie hier nicht begründete Angst der Menschen vor Krebs aktiv für Arzneimittelwerbung zu nutzen? Es wäre nur zu wünschen, wenn bei der unter der Rufnummer vom Institut für Pathologie des Klinikums Bayreuth abzurufenden Information auch der Artikel von Bannasch et al. mit gleicher Vehemenz dazu genutzt würde, darauf hinzuweisen, daß eine Helicobacter-Infektion keinesfalls automatisch ein Karzinomrisiko darstellt, und somit nicht ohne weiteres die damit begründete angegebene und propagierte Arzneitherapie erfordert. An dieser Stelle muß übrigens darauf hingewiesen werden, daß der jüngste Übersichtsartikel (März 1996) zum Thema "Helicobacter pylori" in der renommierten amerikanischen Zeitschrift "Gastroenterology" (2) ein Magenkrebs-Risiko durch Helicobacter pylori mit keinem Wort erwähnt.
Die "Initiative" und ihr Umfeld hinterlassen aus verschiedenen Gründen einen schalen Geschmack.
¿ Das Ringen um eine optimale Helicobacter-pylori-Elimination ist noch lange nicht zu Ende. Das zeigt allein schon die Tatsache, daß einige der gastroenterologischen Meinungsbildner bei unterschiedlichen Anlässen unterschiedliche Vorgehensweisen empfohlen haben, die sich mit den in der Anzeige stereotyp wiederkehrenden Empfehlungen nicht oder nur teilweise decken.
À Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten hat auf dem Boden der derzeit verfügbaren Informationen sinnvolle Leitlinien erarbeitet, die sich mit der Anzeigen-Empfehlung nicht decken. An diesen Leitlinien haben die gleichen Leute mitgearbeitet, die die "moderne Tripel-Therapie" schon beim ersten Ulkus empfehlen.
Á Folgt man der Empfehlung der Initiative, dann ist mit etwa 15 Prozent unerwünschten Wirkungen zu rechnen. Das deckt wohl kaum den Begriff "gut verträglich".
 Die Uniformität des Designs der Anzeige sowie die Texte, die Fernsehspots alle Ehre machen würden, lassen keinen Zweifel an der Beteiligung einer versierten Werbeagentur an dieser Aktion.
Wieder einmal erleben wir, daß eine seriöse Information wie die von Bannasch, Bartsch, Oehlert, Wahrendorf und zur Hausen – immerhin mit die renommiertesten Köpfe, die wir in dem Bereich haben – gegenüber dem großen Geld kaum eine Chance hat.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2225–2228
[Heft 36]


Literatur:
1. Bannasch P, Bartsch H, Oehlert W, Wahrendorf J, zur Hausen H: Infektion mit Helicobacter pylori – Verhütet die Eradikation das Magenkarzinom? Dt Ärztebl 1996; 93: A826-828 [Heft 13]
2. Mc Gowan CC, Cover TL, Blaser MJ: Helicobacter pylori and gastric acid: biological and therapeutic implications. Gastroenterology 1996; 110: 926-938
Prof. Dr. med. Karl-Friedrich Sewing
Direktor des Instituts für
Allgemeine Pharmakologie
Zentrum Pharmakologie
und Toxikologie
Medizinische Hochschule Hannover
30623 Hannover

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