ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2001Organtransplantation: Gleiche Chancen für alle

POLITIK

Organtransplantation: Gleiche Chancen für alle

Dtsch Arztebl 2001; 98(6): A-285 / B-245 / C-229

Richter, Eva A.

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LNSLNS Die Bundes­ärzte­kammer hat ihre Richtlinien zur Organtransplantation überarbeitet und Missverständnisse ausgeräumt.

Transplantierbare Organe sind „Mangelware“ – die Liste der wartenden Patienten ist lang. Sie alle knüpfen große Hoffnungen an eine Transplantation, bei vielen geht es um Leben oder Tod. Die von der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) erarbeiteten und am 16. Juli 2000 in Kraft getretenen Richtlinien zur Organtransplantation sollten die Organverteilung in Deutschland gerecht und transparent regeln. Durch sie wurden aber auch erstmals Menschen von einer medizinischen Leistung ausgeschlossen: Nicht nur eine nicht kurativ behandelte bösartige Tumorerkrankung, sondern auch eine HIV-Infektion, Alkohol-, Nikotin- und Drogenabhängigkeit sowie eine angenommene unzureichende Compliance gelten als Kontraindikationen. Dies war in den letzten Monaten in der Öffentlichkeit heftig kritisiert worden.
Inzwischen hat die Bundes­ärzte­kammer ihre Richtlinien überarbeitet. „Eine HIV-Infektion ist nicht zwangsläufig eine Kontraindikation“, betonte Prof. Dr. jur. Hans-Ludwig Schreiber, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundes­ärzte­kammer, bei einem Seminar am 30. Januar in Berlin. Eine HIV-Infektion könne eine Kontraindikation sein, wenn durch die Immunsuppression Aids zum Ausbruch komme. Dennoch gebe es Fälle, bei denen eine Transplantation durchaus sinnvoll sei.
Schreiber stellte ferner klar, dass die Richtlinien Raucher und Alkohol-Trinker nicht pauschal von Transplantationen ausschließen. „Als Ausschlusskriterium wird nur ein wirklich schwerer Missbrauch angesehen“, betonte der Kommissionsvorsitzende. Als Beispiel nannte Schreiber einen Zigarettenkonsum von 80 bis 100 Zigaretten täglich. Wer täglich ein Glas Wein trinke, sei nicht gemeint.
Auch die Compliance-Formel will die BÄK sehr eng verstanden wissen. Als Compliance ist die Bereitschaft der Empfänger definiert, nach der Transplantation an der Genesung mitzuwirken. Somit seien nur die Patienten auszuschließen, die dazu völlig unfähig seien und regelmäßig die ärztlichen Anordnungen missachteten, stellte Schreiber richtig. Sprachliche Barrieren stellten dagegen kein Ausschlusskriterium dar (DÄ, Hefte 36/2000, 42/2000). Ärzte seien zudem verpflichtet, auf die Compliance ihrer Patienten hinzuwirken.
Für die Verteilung der Organe geben die Richtlinien einen medizinischen Kriterienkatalog vor. „Die Chancengleichheit aller ist das oberste Gebot“, erläuterte Schreiber. Es spiele keine Rolle, ob der potenzielle Empfänger mehrere kleine Kinder habe, eine prominente Persönlichkeit und vermögend sei oder ob es sich um einen 70-jährigen Sozialhilfeempfänger handele.
Über den Platz auf der Warteliste entscheiden einzig Erfolgsaussicht und Dringlichkeit einer Transplantation. Beide Hauptkriterien widersprechen sich allerdings oftmals, sodass eine Balance zwischen ihnen gefunden werden muss. Deshalb werden verschiedene Einzelkriterien je nach Organ nach einem bestimmten Prozentsatz gewichtet. Beispiel Niere: Die Übereinstimmung der HLA-Merkmale wird mit bis zu 40 Prozent, die Mismatch-Wahrscheinlichkeit mit zehn Prozent, die Wartezeit mit 30 Prozent und die Ischämiezeit mit 20 Prozent bewertet. Durch diesen Isch-
ämiefaktor wird die örtliche Nähe zum Entnahmeort berücksichtigt, um die Konservierungszeit so kurz wie möglich zu halten und die Erfolgschancen zu erhöhen. Einen „Zentrumsvorbehalt“ gibt es nach den Richtlinien allerdings nicht. Die Transplantationszentren, in denen Organe entnommen werden, haben prinzipiell keinen Einfluss auf die Vergabe. Für jede Organtransplantation wird zudem eine Blutgruppenkompatibilität im A-B-0-System verlangt (Näheres zu den Richtlinien in DÄ, Heft 7/2000).
Seit Juli 2000 koordiniert die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) die Organentnahme. Eurotransplant (ET), Leiden, Niederlande, vermittelt die Spenderorgane. Das bereits Ende 1997 verabschiedete Transplantationsgesetz schreibt vor, die Koordinierungsstellen für die Entnahme und die Vermittlung von Organen zu trennen. Die Bun-
desärztekammer war dann damit beauftragt worden,
die Richtlinien für die Warteliste und die Organvermittlung zu schaffen und die Aufgabenverteilung vertraglich zu regeln. „Befremdlich war es allerdings, dass die Erfüllung der gesetzlich übertragenen Aufgaben von Politikern mit dem Vorwurf der Selbstanmaßung kritisiert wurde“, monierte Prof. Dr. med. Karsten Vilmar, Ehrenpräsident der BÄK, in Berlin. Am 16. Juli 2000 genehmigte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium schließlich die Verträge zwischen der Bundes­ärzte­kammer, den Spitzenverbänden der gesetzlichen Krankenkassen und der Deutschen Krankenhausgesellschaft mit Eurotransplant und der DSO.
Die Krankenhäuser melden die Verstorbenen seither an die DSO. Diese
hält in sieben „Organspende-Regionen“ rund um die Uhr Mitarbeiter bereit, die die Intensivstationen unterstützen, die Diagnostik von Gewebetypen organisieren und die Daten des Spenders an Eurotransplant weiterleiten. Dort sind die Wartelisten der Transplantationszentren, bei denen sich die potenziellen Empfänger melden, mit einem computergestützten System zu einer einheitlichen Warteliste für jedes Organ zusammengefasst. In kürzester Zeit wird so der Patient herausgefunden, der an der Reihe ist und für den das Organ geeignet ist.
Zu wenig Organspender
ET organisiert die Verteilung von Spenderorganen in Belgien, Deutschland, Luxemburg, in den Niederlanden und in Österreich. „Deutschland ist ein Organ-Importland“, sagte Dr. Guido
Persijn von Eurotransplant. Während Österreich 1999 genau 24,9 und Belgien 23,8 postmortale Organspenden pro eine Million Einwohner aufwies, waren es in Deutschland nur 12,8.
Durch die straffere Organisation und Aufgabenteilung soll die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland gesteigert werden. Es gibt aber auch kri-
tische Stimmen: „Es ist derzeit nicht abzusehen, ob das komplizierte Regelwerk der Organverteilung erfolgreich sein wird und ob es nicht durch die Komplexität zu Organverlusten und einem schlechteren Ergebnis der Transplantation kommt“, meinte Prof. Dr. Günter Kirste, Transplantationschirurg an der Universitätsklinik Freiburg und Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation der BÄK. Die DSO ist optimistisch. Sie geht davon aus, dass sich die Spenden in den nächsten zwei Jahren um 20 Prozent erhöhen. Dr. med. Eva A. Richter

Nach wie vor herrscht ein Notstand: Den knapp 4 000 Transplantationen jährlich stehen 14 000 wartende Patienten gegenüber.
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