ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2001Das besondere Buch: Ärztliche Grundhaltung Unbequeme und irritierende Gedanken

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Das besondere Buch: Ärztliche Grundhaltung Unbequeme und irritierende Gedanken

Dtsch Arztebl 2001; 98(6): A-292 / B-231 / C-218

Labisch, Alfons

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LNSLNS Behutsam geht Klaus Dörner der Frage nach, was das Wesen des Arztseins ausmacht. Sein Buch hilft, die Geschehnisse des Tages als eigene Erfahrungen wahrzunehmen und zu überdenken.

Der gute Arzt“ – dieses Thema bewegt Ärzte seit jeher. Zumindest können wir die Frage, was denn einen guten Arzt auszeichne, zurückverfolgen, soweit es schriftliche Zeugnisse gibt. Nun legt Klaus Dörner ein „Lehrbuch der ärztlichen Grundhaltung“ vor. Dörner ist durch seine Bücher – darunter Bestseller wie „Bürger und Irre“ (1969) oder „Irren ist menschlich“ (1978) – und durch seine vielfältigen Aktivitäten nicht nur in der Psychiatrie zu einer der prägenden Arztgestalten der letzten Jahrzehnte in Deutschland geworden.
Dazu hat besonders die Art und Weise beigetragen, in der sich Dörner mit der Medizin im Nationalsozialismus beschäftigt hat: Er gehörte nicht nur zu den Ersten der „spät Geborenen“, die dieses Thema aufgriffen (Nationalsozialismus und Lebensvernichtung, 1967); er hat nicht nur jenes gigantische, und jetzt abgeschlossene Werk der Aktenedition des Nürnberger Ärzteprozess mit initiiert und begleitet („Der Nürnberger Ärzteprozeß 1946/47“, 2000). Dörner hat sich vielmehr niemals – wie so manche andere auf diesem Gebiet – auf den sicheren Platz des Generalanklägers gestellt und mit Schuldzuweisungen um sich geworfen. Dabei stellte Dörner in Wort und Schrift immer wieder die bohrende Frage, was diese schreckliche Epoche der modernen Medizin mit uns als Ärzten zu tun hat, wie wir uns gegebenenfalls als junge Menschen in dieser Zeit wohl selbst verhalten hätten. Das wirkt, das bringt zum Nachdenken.
Eben dies – unbequeme und damit irritierende Gedanken, Stacheln zum Nachdenken also – bietet uns Dörner in diesem Buch an, einem Buch, das gleichsam eine Summe nicht nur seiner Lebenstätigkeit ist, sondern auch seines persönlichen Lebens und Erlebens als Arzt, als Großvater eines im Koma lebenden Kindes und damit seiner menschlichen Erfahrung insgesamt. Mit einer „Gebrauchsanweisung“ wendet sich Dörner zunächst an Ärzte in unterschiedlichen Phasen ihrer beruflichen Selbstreflexion, zugleich aber auch an alle anderen im Gesundheitsbereich Tätigen. Das Wort „Lehrbuch“ will Dörner dabei durchaus ironisch verstanden wissen: In seinem Buch geht es um die wichtige Kategorie der „Erfahrung“, die die Begegnung von Handelnden und Leidenden in besonderer Weise beein-flusst. Und Erfahrungen muss nun jeder selbst machen, schriftlich zu vermitteln sind sie kaum, zu überdenken sind sie allemal: Hier möchte Dörner Anregungen geben.
Dabei geht es zunächst um die „Sorge um mich selbst“ und dann erst um die „Sorge zur Verantwortung für den anderen“. Der Arzt aus der Sicht des Patienten, der Arzt aus der Sicht von chronisch Kranken, von Menschen mit Behinderung oder im Wachkoma, der Arzt aus der Sicht der Angehörigen, der Arzt aus der Sicht der Gemeinde, der Arzt in den Institutionen des Gesundheitswesens stellen die immer weiteren Kreise dar, in denen Dörner das Arztsein reflektiert. In den letzten Kapiteln wird diese räumlich geordnete Reflexion des Arztseins in ihren zeitlichen Horizont, in die besondere Problematik des menschlichen Leibes als des zentralen Gegenstandes ärztlichen Tuns sowie in die Problematik des modernen Umgangs mit der Körperlichkeit, nämlich der Technik und ihren Konsequenzen, für das Arztsein gestellt.
Dörners Buch ist kein „Schmöker“, den es in einem Zuge zu lesen gilt. Vielmehr ist es ein Buch, in das man immer wieder hineinschauen kann und soll: Stets sind Anregungen zu finden, die Geschehnisse des Tages als eigene Erfahrungen wahrzunehmen und behutsam geleitet zu überdenken. Dieses Buch gibt zu denken – und zwar vornehmlich jenen, die in der täglichen Arbeit stehend durchaus bemerken, dass Nachdenklichkeit von schierem Nutzen wäre, dafür aber weder Zeit noch Gelegenheit finden. Eben in dieser offenen Behutsamkeit und mit den vielen Anknüpfungspunkten wird dieses Buch seinen Weg machen. Besonders berührend sind diejenigen Fragenbereiche, die üblicherweise in der Medizin wenig reflektiert werden, obwohl sie das ärztliche Handeln in besonderer Weise deutlich machen: nämlich der Umgang mit chronisch Kranken, mit Behinderten und mit Menschen, die sich im Zustand fraglicher Zurechnungsfähigkeit befinden. Zu wünschen wäre, dass die sicherlich folgende weitere Auflage des Buches nochmals sprachlich überarbeitet wird: Die komplexen Themen, etwa zur Philosophie des Leibes, könnte Dörner sicherlich noch einfacher und klarer beschreiben, ohne dass die Botschaft verloren geht.
Alfons Labisch

Klaus Dörner: Der gute Arzt. Lehrbuch der ärztlichen Grundhaltung. Schriftenreihe der Akademie für Integrierte Medizin. F. K. Schattauer Verlag, Stuttgart, New York, 2001, 344 Seiten, 69 DM
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