ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2001Der Arzt als sozialmedizinischer Gutachter: Ein alternatives Berufsfeld

THEMEN DER ZEIT

Der Arzt als sozialmedizinischer Gutachter: Ein alternatives Berufsfeld

Dtsch Arztebl 2001; 98(6): A-299 / B-238 / C-225

Ueberschär, Ina; Heipertz, Walther

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LNSLNS Gefragt sind unabhängige Sachverständige mit breitem medizinischen
Wissen. Sozialmediziner kooperieren mit Kollegen in Klinik und Praxis.


Von den zum 31. Dezember 1999 bei den Lan­des­ärz­te­kam­mern gemeldeten 291 171 berufstätigen Ärzten waren 137 466 (= 47 Prozent) in Krankenhäusern und 118 681 (= 41 Prozent) in einer Arztpraxis und damit 88 Prozent der berufstätigen Ärzte in den klassischen ärztlichen Einsatzfeldern tätig (1). Die quantitative Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Ärzten nahm in den 90er-Jahren kontinuierlich zu. Die Steigerung betrug zuletzt von 1998 auf 1999 nochmals 1,4 Prozent.
Die zurzeit noch relativ günstigen Arbeitsmarktdaten sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch der ärztliche Arbeitsmarkt sehr angespannt ist und es sich derzeit nur um ein „Zwischenhoch“ handeln dürfte (4).
Bei Beachtung der in vielen Regionen und zahlreichen ärztlichen Fachgebieten geltenden Zulassungssperren für die vertragsärztliche Niederlassung und der begrenzten Zahl von Planstellen im Krankenhaus können derzeit und auch künftig nur noch etwa die Hälfte der zur Facharztanerkennung gelangten jungen Ärzte ihren meist auf den kurativen Bereich fixierten Berufs- und Einsatzwunsch verwirklichen. Eine Befragung von Studienanfängern im Rahmen der Lehrveranstaltungsreihe „Berufsfelderkundung“ ergab jedoch, dass sich immerhin 50 Prozent der jungen Medizinstudenten auch eine berufliche Zukunft außerhalb der klassischen Berufsfelder in Klinik und Praxis vorstellen können. Als bevorzugte alternative Tätigkeitsbereiche wurden vor allem „Forschung“ und „Rehabilitationswesen“ genannt (7). Da zurzeit 60 000 Medizinstudenten bereits ihr Studium aufgenommen haben und weiterhin jährlich 11 000 bis 12 000 approbierte Ärzte die deutschen Universitäten verlassen, während nur etwa 6 000 Ärzte pro Jahr aus dem Beruf ausscheiden, ist es wichtig, alternative nichtkurative ärztliche Einsatzmöglichkeiten adäquat zu beachten. Zukunftsträchtige ärztliche Einsatzmöglichkeiten zeichnen sich in Deutschland insbesondere im Bereich der Gesund­heits­förder­ung und des Gesundheitsma-
nagements, beim Krankenhaus-Controlling, bei der Gentechnologie, in der Medizintechnik und Medizinischen Informatik und in der Pharmaindustrie ab.
Einsatzfelder für Sozialmediziner
Sucht ein Arzt eine nichtkurative Sparte nahe dem klassischen Arztberuf, bietet sich insbesondere auch eine sozialmedizinische gutachterliche Tätigkeit an. Auf der Grundlage des § 62 SGB I („Wer Sozialleistungen beantragt oder erhält, soll sich auf Verlangen des zuständigen Leistungsträgers ärztlichen und psychologischen Untersuchungsmaßnahmen unterziehen, soweit diese für die Entscheidung über die Leistung erforderlich sind.“) beschäftigen die Sozialleistungsträger haupt- und auch nebenamtlich sozialmedizinische Gutachter. Als Beispiele seien hier der Ärztliche Dienst der Bundesanstalt für Arbeit, der Ärztliche Dienst der Rentenversicherungsträger, der Medizinische Dienst der Kran­ken­ver­siche­rung (MDK) sowie der Ärztliche Dienst bei den Versorgungsämtern erwähnt.
Eine Tätigkeit als sozialmedizinischer Gutachter verlangt insbesondere eine hohe Ausprägung aller vier tradierten ärztlichen Werte, des ärztlichen Wissens, des ärztlichen Könnens, der ärztlichen Erfahrung und des ärztlichen Verhaltens (5) und stellt damit hohe Anforderungen an den Arzt. Begutachtung verlangt eine gesamtorganismische und damit auch fachgebietsübergreifende Betrachtung der Gesundheitsstörungen hinsichtlich der bestehenden Funktionsdefizite, der Leistungseinschränkungen und der daraus resultierenden sozialen Beeinträchtigung entsprechend der International classification of impairment, disability and handicaps. Es gilt dabei die krankheitsbedingten Auswirkungen auf die Partizipation der unterschiedlichen Lebensbereiche des Betroffenen zu berücksichtigen.
Das sozialmedizinische Gutachten stellt für den Auftraggeber, den jeweiligen Sozialleistungsträger, die fachliche Entscheidungsgrundlage für die Bewilligung oder Ablehnung einer beantragten Sozialleistung dar. Der sozialmedizinische Gutachter muss dabei als unabhängiger Sachverständiger sowohl die berechtigten Interessen des Betroffenen (Wiederherstellung der Gesundheit beziehungsweise bestmögliche Bewältigung von Krankheitsfolgen) als auch die der Versicherten- beziehungsweise der Solidargemeinschaft (Finanzierbarkeit, Abwehr unberechtigter Ansprüche) berücksichtigen. Überflüssige, weil medizinisch nicht erforderliche Sozialleistungen müssen im Interesse der Versichertengemeinschaft vermieden, medizinisch notwendige Sozialleistungen im Interesse des Betroffenen und der Solidargemeinschaft dagegen zeitnah realisiert werden. Somit muss das Gutachten Aussagen enthalten, die dem Auftraggeber Entscheidungen über Art und Umfang der notwendigen Leistungen und auch über deren Dringlichkeit ermöglichen.
Die Verantwortung des Gutachters ist dabei sehr groß. Zwar geht es in der Regel nicht um Leben oder Tod, aber immerhin um wichtige Fragen wie etwa die Notwendigkeit einer medizinischen und/ oder beruflichen Rehabilitationsmaßnahme, eine Rentengewährung oder die Anerkennung des Schwerbehindertenstatus mit teilweise hohen finanziellen Auswirkungen für die Solidargemeinschaft. Auch wenn der ärztliche Gutachter formaljuristisch nicht über Gewährung oder Ablehnung einer Leistung entscheidet, stellt das sozialmedizinische Gutachten eine wesentliche, unverzichtbare Grundlage für die Distribution von Sozialleistungen dar (9).
Enge Zusammenarbeit mit Kollegen in Klinik und Praxis
Sozialmedizinische Begutachtungen werden sowohl mit spezieller ärztlicher Untersuchung als auch per Aktenlage auf der Basis aktueller und aussagefähiger Befundunterlagen durchgeführt. Doppel- oder sogar Mehrfachuntersuchungen für die verschiedenen Sozialleistungsträger sind – soweit fachlich vertretbar – im Interesse des Betroffenen und aus ökonomischen Aspekten unbedingt zu vermeiden. Das entspricht auch dem sozialgesetzlichen Auftrag nach § 96 SGB X (2). Die sozialmedizinische Begutachtung mit Untersuchung erfolgt nicht losgelöst von der bisherigen Krankheitsdokumentation der behandelnden Ärzte und von Vorgutachten. Hier ist die enge Zusammenarbeit mit den Krankenhausärzten und niedergelassenen Ärzten sehr wichtig. Je aussagefähiger die entsprechenden Befundberichte beziehungsweise Krankheitsdokumentationen sind, umso besser werden diese Befunde und Kenntnisse der behandelnden Ärzte im sozialmedizinischen Gutachten berücksichtigt werden können. Der behandelnde Arzt ist zwar entsprechend § 100 SGB X verpflichtet, „dem Leistungsträger im Einzelfall auf Verlangen Auskunft zu erteilen. . .“, allerdings sollte es zu dem Selbstverständnis eines behandelnden Arztes gehören, diese notwendigen Auskünfte auch ohne „gesetzlichen Druck“ im Interesse seines Patienten dem Sozialleistungsträger oder dem sozialmedizinischen Gutachter zeitnah und in angemessenem Umfang zu
geben.
Zu einer optimalen Patientenbetreuung gehören nicht nur eine umfassende Diagnostik und Therapie, sondern auch eine adäquate sozialmedizinische Beratung des Patienten bezüglich der für
ihn angezeigten Sozialleistungen zur Vermeidung oder zur Bewältigung der sozialen Krankheitsauswirkungen. Die richtige „Weichenstellung“ durch das für den Patienten häufig undurchschaubare Dickicht des sozialen Netzes ist eine ebenso wichtige Aufgabe des behandelnden Arztes wie die klassische medizinische Diagnostik und Therapie. Obwohl bei einer entsprechenden Befragung immerhin 97 Prozent der kurativ tätigen Ärzte sozialmedizinische Kenntnisse für essenziell erforderlich hielten, stuften 70 bis 85 Prozent ihre eigenen sozialmedizinischen Kenntnisse als „nicht ausreichend“ ein (8). Die Ursachen dafür dürften zum einen in einer nicht ausreichenden Wissensvermittlung während des Studiums und der sich anschließenden Facharztweiterbildung liegen, zum anderen aber auch in einem zunächst nicht adäquat entwickelten Interesse des angehenden Arztes für sozialmedizinische Fragen. Umso mehr sollten sich deshalb die kurativ tätigen Ärzte in Zweifelsfragen an ihre sozialmedizinisch tätigen Kollegen wenden, um Nachteile für ihre Patienten zu vermeiden.
Nach der WHO-Definition ist Gesundheit nicht allein das Fehlen von Krankheit oder Behinderung, sondern der Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Das historisch gewachsene und bis auf Reichskanzler Otto von Bismarck zurückgehende gegliederte Sozialversicherungssystem Deutschlands bietet mit seiner Sozialgesetzgebung eine umfassende und engmaschige soziale Absicherung auch im Falle von Krankheit, Unfall und Behinderung. Für die richtige Entscheidungsfindung der individuell „maßgeschneiderten“ Sozialleistungen bedarf es kompetenter neutraler sozialmedizinischer Sachverständiger mit einem soliden Fundament an fachmedizinischem Basiswissen über die gesamte Breite der Medizin hinweg einschließlich ausreichender Kenntnisse der versicherungsrechtlichen Grundlagen und der Bereitschaft des Arztes, sich ständig über neue Erkenntnisse zu informieren und – bezogen auf den konkreten Fall – auch im notwendigen Umfang Literaturstudium zu betreiben.
Handeln mit Distanz und Objektivität
Zusätzlich sollte der sozialmedizinische Gutachter, ähnlich wie ein Richter, über eine sehr hohe menschliche Reife und Integrität verfügen, um ein neutrales, emotionsfreies gutachterliches Denken und Handeln mit der notwendigen Distanz und Objektivität zu garantieren (6). Obwohl die ärztliche Berufsordnung grundsätzlich jedem Arzt die Fähigkeit zur Erstellung von Gutachten zuordnet, ist nicht jeder Arzt tatsächlich in der Lage, den Anforderungen an einen medizinischen Sachverständigen gerecht zu werden. Gerade die ärztliche gutachterliche Tätigkeit muss erlernt werden, ebenso wie beispielsweise eine chirurgisch-operative Tätigkeit.
Dass eine sozialmedizinische gutachterliche hauptamtliche Tätigkeit von vielen Ärzten mittlerweile als eine interessante berufliche Alternative und der klassischen kurativen Medizin ebenbürtige Tätigkeit gesehen wird, bestätigen die Erfahrungen der letzten Jahre bezüglich der großen und nicht nur hinsichtlich der fachlichen Kompetenz viel versprechenden Bewerberauswahl bei entsprechenden Stellenbesetzungsverfahren (3).

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 299–300 [Heft 6]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Ina Ueberschär
Leitende Ärztin
Landesarbeitsamt Sachsen-Anhalt-Thüringen
Frau-von-Selmnitz-Straße 6, 06110 Halle


Sozialmediziner und sozialmedizinische Gutachter müssen spezielle ärztliche Untersuchungen durchführen.
Foto: Bundesanstalt für Arbeit
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1. Arbeitsmarkt-Information für qualifizierte Fach- und Führungskräfte: Ärztinnen und Ärzte. Herausgeber: Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesanstalt für Arbeit – Arbeitsmarktinformationsstelle –, Arbeitsmarkt-Informationen 3/2000, Bonn, Mai 2000
2. Bahemann A: Der Ärztliche Dienst der Arbeitsverwaltung. Arbeitsmed.Sozialmed.Umweltmed. 1999; 34: 369–362
3. Bahemann A: Zur Ordnung der sozialmedizinischen Begutachtungstätigkeit in der gesetzlichen Sozialversicherung aus Sicht des arbeitsamtsärztlichen Dienstes. Arbeitsmed.Sozialmed.Umweltmed. 2000; 35: 10–13
4. Bausch M: Arbeitsmarkt für Ärzte: Zeitweiliger Rückgang der Arbeitslosigkeit. Dt Ärztebl 1999; 96: A-2967–2970 (Heft 46)
5. Schriewer H: Arzt zwischen Tradition und Wertewandel. Dt Ärztebl 1998; 95: A-2685–2688 (Heft 43)
6. Schröter F: Selbstverständnis des medizinischen Sachverständigen in neuen Strukturen aus Sicht eines privaten Gutachteninstitutes. Med Sach 1999; 95: 23–26
7. Weber A, Strebl H, Weltle D, Lehnert G: Ausbildungs- und Berufserwartungen der Ärztegeneration von morgen. Gesundheitswesen 1996; 58: 629–634
8. Weber A, Strebel H, Weltle D, Zeller W, Lehnert G: Zur Bedeutung von Sozialmedizin in der vertragsärztlichen Praxis. Gesundheitswesen 1998; 60: 80–86
9. Weber A, Lehnert G: Sozialmedizin – Warum eigentlich? Ein Plädoyer für die soziale Dimension in der Humanmedizin. Arbeitsmed.Sozialmed.Umweltmed. 1999; 34: 492–498

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