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Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2001; 98(6): A-302 / B-241 / C-228

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LNSLNS DÄ: Warum hat die Psychiatrie-Reform bisher nur Teillösungen erreicht?
Redel: Der Erfolg der Psychiatrie-Reform kann nicht an erreichten oder noch nicht erreichten „Teillösungen“ auf dem Weg zu einer „letzten Lösung“ gemessen werden. Die Reform ist ein Prozess der ständigen Weiterentwicklung. Unbestritten hat ein Strukturwandel der psychiatrischen Versorgung stattgefunden. Es bestehen jedoch deutliche regionale Unterschiede in Angebot und Standard von kommunalen Hilfen, insbesondere für schwer und chronisch psychisch kranke Patienten. Die Bundesregierung ist aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht zuständig für ein „Psychiatrie-Gesetz“, um auf eine flächendeckende gute Versorgung hinzuwirken. Die Umsetzung erprobter Konzepte ist die Aufgabe von Ländern und Kommunen.
DÄ: Die Lösung welcher Probleme erscheint am dringlichsten?
Redel: Die besten Behandlungsergebnisse werden in einer Kombination von medikamentöser Therapie mit psychiatrisch- psychotherapeutischen, soziotherapeutischen und psychosozialen Behandlungsverfahren erzielt. Um dies anbieten zu können, bedarf es der Vernetzung der Dienste und der Kooperation und Koordination. Die sozialrechtlichen Rahmenbedingungen bieten hierfür ausreichenden Spielraum, der aber in der Regel mit Blick auf die Eigeninteressen eher restriktiv genutzt wurde. Für ein ambulantes Gesamtsystem ist entscheidend, dass die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung und Rentenversicherung, die Bundesanstalt für Arbeit, die Sozialhilfeträger und die Pflegekassen gemeinsame Positionen vertreten und gemeinsame Verantwortung übernehmen.
DÄ: Welche Projekte zur besseren Versorgung psychisch Kranker laufen zurzeit?
Redel: Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium unterstützt durch neue Modellprojekte bis zum Jahr 2002 mit einer Million DM pro Jahr innovative Ansätze für die ambulante Versorgung psychisch kranker Menschen. Ziel ist der Paradigmenwechsel von der einrichtungsbezogenen zur personenorientierten Versorgung in der Praxis. In einem „Ökonomie-Projekt“ sollen die durchschnittlichen direkten Gesamtkosten in einer Referenzregion ermittelt werden und die anteilige Kostendifferenzierung in der stationären, ambulanten und rehabilitativen Versorgung erstellt werden. Die Kostenanalyse soll die Basis für die Diskussion um regionale Budgets im Rahmen integrierter Versorgungsformen verbessern. Langjährige Forderungen der Psychiatrie-Reform nach verbindlichen Regelungen, die die Kontinuität von Behandlungs- und Rehabilitationsmaßnahmen sicherstellen, und nach Kooperations- und Koordinationsregelungen sind Gegenstand der Kodifizierung des SGB IX. Weiterhin soll Anfang 2001 den Verantwortlichen in der psychiatrischen Versorgung sowie den Betroffenen Gelegenheit geboten werden, im Rahmen eines Psychiatrie-Forums, Anliegen für die weitere Entwicklung vorzutragen und gemeinsam zu diskutieren. Die Fragen stellte Petra Bühring


Ministerialrätin Dr. med. Christiane Redel, Leiterin des Referats 314 „Neurologische und psychiatrische Erkrankungen, Reform der Psychiatrie“ im Bundesministerium für Gesundheit, Bonn
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