ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2001Geschichte der Psychiatrie: „Am Ende der sozialen Rangordnung“

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Geschichte der Psychiatrie: „Am Ende der sozialen Rangordnung“

Dtsch Arztebl 2001; 98(6): A-304 / B-243 / C-230

Bühring, Petra

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LNSLNS Wie konnte es dazu kommen, dass chronisch psychisch Kranke und geistig Behinderte bis in die 70er-Jahre so vernachlässigt wurden? Warum wurden sie aus der Gesellschaft ausgegrenzt und in abseits gelegenen „Irrenanstalten“ aufbewahrt? „Psychisch Kranke standen seit jeher am Ende der sozialen Rangordnung und der Zuteilung von Le-
benschancen“, meint Prof. Dr. med. Dr. h. c. Heinz Häfner, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, der sich damals aktiv für eine Reform der Psychiatrie einsetzte. Er belegt dies mit einem Blick in die Geschichte der Psychiatrie: Die Ideologie, psychisch Kranke von ihrer gewohnten Umgebung zu isolieren, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von dem Heidelberger Psychiater Christian Friedrich Wilhelm Roller aufgebracht. Der Vertreter der idealistisch pädagogischen Schule lehrte, dass die „Entordnung der Vernunft“ (Immanuel Kants Erklärung für psychische Erkrankungen) auf „unordentlichen“ Umgang oder fehlgeleitete Erziehung in Familie und Umwelt zurückzuführen sei. Die Konsequenz daraus war, die Kranken von ihrer angeblich pathogenen Umgebung zu isolieren. Am besten in einer landschaftlich idyllisch gelegenen Anstalt, denn die sollte „wohltätig auf das Seelenleben wirken“. Die großherzoglich badische Heil- und Pflegeanstalt Illneau, eingeweiht 1840 und geleitet von Roller, wurde zum Vorbild vieler psychiatrischer Anstalten in Europa. Nach und nach wanderten die psychiatrischen Krankenhäuser „aus der bürgerlichen Kultur und den Zentren des medizinischen Fortschritts“. Der Idealismus der Psychiater stieß auf die Unheilbarkeit der meisten schweren Erkrankungen und der unwirksamen Behandlungsmethoden. Das führte zu Resignation und therapeutischer Untätigkeit. Die Kranken wurden in zunehmend vernachlässigten Anstalten oft über Jahre oder lebenslang gehalten.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert erhöhte sich die Zahl der Insassen psychiatrischer Großkrankenhäuser, aufgrund hoher Geburtenraten und des Wandels zur Industriegesellschaft, stark. Die Kapazität der Großkrankenhäuser blieb weit hinter dem Bedarf zurück; der Standard der Unterbringung sank. Die große Zunahme der Hospitalisierten erweckte – aus dem dilettantischen Biologismus jener Zeit – die Angst, die Geisteskrankheiten seien „wegen genetischer Degeneration des Volkskörpers in steiler Zunahme begriffen“. Diese Überzeugung wurde von vielen Bürgern, Professoren, Sozialmedizinern und Politikern geteilt. Sozialdarwinismus und die sich ausbreitende Idee der Eugenik bereiteten die Katastrophe vor: den Massenmord an rund 200 000 psychisch Kranken und die Zwangssterilisation von fast 300 000 „Erbkranken“ während des Nationalsozialismus.
In Großbritannien und den USA wurde bereits 1954 mit Enthospitalisierungsprogrammen begonnen – Soziologen und Journalisten hatten die Verhältnisse in den Anstalten angeprangert. Der Klinikdirektor Franco Basaglia unternahm in Italien eine Reihe spektakulärer Maßnahmen, um die hospitalisierten psychisch Kranken wieder in das normale Leben zu integrieren. Er war überzeugt davon, dass „Freiheit heilt“. In Deutschland dagegen stieg die Zahl der Hospitalisierungen bis 1970 weiter. Als Grund für die verpätete
Psychiatrie-Reform vermutet der Historiker Franz Werner Kersting (1998), dass erst die Studentenrevolte und die Kulturevolution der 68er das gesellschaftliche Umfeld vorbereitet hätten. pb
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