ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2001Psychiatrie in der DDR: Stecken geblieben – Ansätze vor 38 Jahren

THEMEN DER ZEIT

Psychiatrie in der DDR: Stecken geblieben – Ansätze vor 38 Jahren

Dtsch Arztebl 2001; 98(6): A-307 / B-259 / C-241

Richter, Eva A.

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LNSLNS Bereits 1963 wurden mit den „Rodewischer Thesen“ sozial-psychiatrische Forderungen in Ostdeutschland laut. Doch auch in der DDR scheiterte eine grundlegende Psychiatrie-Reform.


Mit Psychiatrie in der DDR wird häufig noch Missbrauch asso-
ziiert. Das Klischee, das vor zehn Jahren das Bild der ostdeutschen
Psychiatrie prägte, hält sich hartnäckig. Inzwischen haben Recherchen ergeben, dass es keinen systematischen Missbrauch gab.
Über die Missbrauch-Diskussion in den letzten Jahren ist ein Aspekt völlig in den Hintergrund getreten: die frühzeitigen sozialpsychiatrischen Bestrebungen in der DDR. „Seit 1954 bin ich in jedem Jahr wenigstens einmal in der DDR gewesen, um die DDR-Entwicklung auch innerlich mitvollziehen zu können“, berichtete der Psychiater Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner, ehemaliger Direktor des Westfälischen Krankenhauses für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik Gütersloh, anlässlich des 35. Jahrestages der Rodewischer Thesen. In diesen Thesen von 1963 – zwölf Jahre vor der Psychiatrie-Enquete der Bundesregierung – sind bereits die wesentlichen Ziele der
Psychiatriereform formuliert. Sie fordern die Abschaffung der Verwahr-
psychiatrie, die soziale Integration der Kranken in die Gesellschaft und den Aufbau ambulanter und teilstationärer Dienste. Obwohl damit die konzeptionelle Basis für eine moderne Psychiatrie gegeben war, kam es nur insulär zu durchgreifenden Reformen. Dies lag nach Einschätzung von Experten nicht an den spezifischen Hindernissen der DDR, sondern hauptsächlich an allgemeinen Problemen der deutschen
Psychiatrie: Großkrankenhäuser, eine naturwissenschaftlich orientierte Krankheitslehre sowie Nachwirkungen der NS-Zeit in den Köpfen der Menschen bestimmten die Psychiatrie. Hinzu kamen noch die schlechten materiellen und personellen Bedingungen in der DDR.
Thesen setzten nicht konsequent an
„Das Scheitern der Reform ist schon in den Thesen selbst angelegt“, meint heute Prof. Dr. med. Klaus Weise, ehemaliger Ordinarius der Psychiatrischen Universitätsklinik Leipzig. Er gehörte während seiner Tätigkeit in Leipzig zu den Verfechtern einer sozial orientierten Psychiatrie. „Jetzt wissen wir, dass sich ein sozialpsychiatrisches System nicht aus der Krankenhausperspektive heraus entwickeln kann“, meint Weise. „Wären damals die Ideen von Rodewisch konsequent und radikal verfolgt worden, hätten letztlich die Krankenhäuser entmachtet, ja sogar aufgelöst werden müssen, wie im Auflösungsbeschluss der westdeutschen Sozialpsychiatrischen Gesellschaft gefordert.“ Die „Rodewischer Thesen“ stellen die Krankenhäuser aber noch in das Zentrum der Versorgung. Folge: Die Mehrzahl der Großkrankenhäuser blieb. Mit ihnen die Massenschlafsäle, die unhygienischen Bedingungen und das ungünstige soziale Klima auf den Stationen. „Die Hauptprobleme damals waren – ähnlich wie in Westdeutschland – das Festhalten an der dominierenden Stellung des Krankenhauses und am
medizinisch-naturwissenschaftlichen Krankheitsverständnis“, resümiert Weise heute. Die meisten Psychiater waren auf die Einheit von Psychiatrie und Neurologie fixiert. Psychiatrische Störungen wurden vor allem als neurobiologische Prozesse gesehen, wobei auch die einseitig organisch ausgerichtete Moskauer Psychiatrie eine wesentliche Rolle spielte.
Gesicherter Arbeitsplatz für psychisch Kranke
Kleinere Erfolge erreichten die „Rodewischer Thesen“ in der DDR doch. Sichtbar wurden diese dadurch, dass vielerorts die Gitter von den Fenstern entfernt wurden. Einige Stationen öffneten sich, beispielsweise in Mühlhausen unter Prof. Dr. med. Ehrig Lange. In Brandenburg und Rodewisch wurden arbeitstherapeutische, rehabilitative Programme entwickelt.
Hervorzuheben sind die Möglichkeiten der beruflichen und sozialen Rehabilitation in der DDR. 80 bis 85 Prozent (!) der psychisch Kranken der DDR hatten einen Arbeitsplatz. Sie arbeiteten in regulären Betrieben, die die Auflage hatten, ausreichend Arbeitsplätze bereitzustellen. Den Kranken brachte das Leben in der realen Welt Selbstbewusstsein und nicht zu unterschätzende Hilfe. Trotz dieser besonderen Leistung gibt es eine Schattenseite. Die „Kollektive“ hätten sich – trotz jahrelanger sozialistischer Erziehung – gegen die behinderten Kollegen gewehrt, da mit ihnen der Plan nicht erfüllt werden konnte und die Prämien ausfielen, berichtet Irene Norberger vom Landesverband Thüringen der Angehörigen psychisch Kranker e.V.
Modellprojekt: „Verbund Gemeindenahe Psychiatrie“
In den 70er- und 80er-Jahren gab es erneut Reformbestrebungen. Die Brandenburger Thesen zur therapeutischen Gemeinschaft von 1973 ergänzten die Rodewischer Thesen. Sozial engagierte Psychiater setzten sich in dieser Zeit für eine kommunale Psychiatrie ein. Die Leipziger Gruppe entwickelte Strategien, um die sozialpsychiatrischen Ansätze praxiswirksam umzusetzen. An allen Polikliniken von Leipzig entstanden 1976 neuro-psychiatrische Abteilungen, in denen Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter tätig waren. Drei psychiatrische Kliniken versorgten die Patienten der ihnen zugeteilten Stadtbezirke. 1980 entschied sich das DDR-Ge­sund­heits­mi­nis­terium, dieses Modell als Psychiatrieplan für die gesamte DDR zu fördern. Eine gemeindenahe, dezentralisierte psychiatrische Betreuung wurde als Ziel benannt. Die Polikliniken erhielten die Aufgabe, leistungsfähige psychiatrische Abteilungen mit multiprofessionellen Teams zu schaffen, die für die gesamte psychosoziale Versorgung zuständig waren. „Der Vorteil der Lösung war die Möglichkeit, verschiedene Hilfen von der Therapie bis zur Rehabilitation und Sozialarbeit nach einem ganzheitlichen Versorgungskonzept zu koordinieren“, erläutert Weise das Programm. Die ambulanten Einrichtungen kooperierten mit den Krankenhäusern und stellten gleichzeitig ein Gegengewicht zu deren Dominanz dar.
Nach der „Wende“ 1989 brachen die Versorgungsstrukturen zusammen – zunächst ohne Ersatz. Erst nach und nach ließen sich Psychiater nieder, entstanden sozialpsychiatrische Dienste und Angebote in freier Trägerschaft. In Leipzig gelang es, das ambulante psychiatrische Versorgungssystem beizubehalten. Durch ein Modellprojekt des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums konnten die Abteilungen der Psychiatrie in Leipzig zu dem „Verbund Gemeindenaher Psychiatrie“ zusammengefasst werden. „Die Ärzte des Sozialpsychiatrischen Dienstes besitzen im Gegensatz zu vielen Altbundesländern eine Behandlungsermächtigung“, erklärt Thomas Seyde, Psychiatriekoordinator der Stadt Leipzig. „Sie betreuen gemeinsam mit niedergelassenen Ärzten und Sozialarbeitern an sieben Standorten in der Stadt Leipzig ihre Patienten wohnortnah. An fünf Standorten werden zudem tagesklinische Betten angeboten.“
Doch die psychiatrische Versorgung in Sachsen ist ein Sonderfall. In den meisten Städten und Gemeinden Ostdeutschlands entstand ein Vakuum, da der Aufbau der neuen Strukturen der Auflösung der alten hinterherhinkte. !
Gleichzeitig brachten die Jahre des Umbruchs eine große Errungenschaft, Selbsthilfegruppen der Angehörigen und Betroffenen erweiterten sich. Bisher hatte es sie fast nur in der Suchtkrankenbetreuung gegeben. Für viele psychiatrische Patienten war die „Wende“ jedoch ein tief greifender, nicht sonderlich positiver Einschnitt in ihr Leben. Sie verloren ihre Arbeitsplätze und zum Teil auch ihre Wohnungen. Geschützte Werkstätten und Wohnheime waren noch nicht ausreichend vorhanden. In der freien Marktwirtschaft hatten die chronisch psychisch Kranken, die vorher in der großen „Geschützten Werkstatt DDR“ tätig waren, kaum mehr eine Chance. „Mit dem
Betreuungssystem nach dem Muster der alten Bundesländer übernahmen die östlichen Länder gleichzeitig die Defizite in der Psychiatrie in Westdeutschland, die seit Jahren bemängelt wurden und werden“, beklagt Weise heute. „Positive Ansätze, wie die komplexe und integrierte Behandlung in den Polikliniken, gingen verloren.“
Polikliniken waren „erhaltenswert“ gewesen
19991/92 analysierte eine „Psychiatrieenquete Ost“ die Situation der ostdeutschen Psychiatrie. Die poliklinischen Behandlungsformen wurden als „erhaltenswert“ bezeichnet, die unmenschlichen Bedingungen, unter denen Patienten in den Großkrankenhäusern lebten, angeprangert. Sie glichen den Zuständen in Westdeutschland vor der Psych-
iatriereform, waren jedoch von einem größeren materiellen Mangel geprägt. Es folgte eine „Enthospitalisierungswelle“, die vor allem die Langzeitbereiche der Häuser betraf. Da eine Nachsorge noch nicht vorhanden war, landeten viele der Patienten in Heimen und Obdachlosenunterkünften. Die Bettenzahl wurde drastisch reduziert. Doch die Ziele der Psychiatrie-Enquete wurden auch vor zehn Jahren in Ostdeutschland nicht konsequent verfolgt. Ärzte, Patienten und Angehörige in Gesamtdeutschland kämpfen weiterhin um eine gemeindenahe Psychiatrie und eine Gleichstellung der psychisch
Kranken. Dr. med. Eva A. Richter
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