ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2001US-Gesundheitspolitik: Wenig Reformeifer

THEMEN DER ZEIT

US-Gesundheitspolitik: Wenig Reformeifer

Dtsch Arztebl 2001; 98(6): A-310 / B-246 / C-234

Thomas, Kurt

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS George W. Bush, den neuen Präsidenten der USA,
erwarten drängende Probleme im Gesundheitswesen.


Amerika hat einen neuen Präsidenten. Gesundheitspolitisch wird sich freilich nach Ansicht von Experten in Washington zunächst wenig ändern. Dennoch wird der Texaner George W. Bush nicht daran vorbeikommen, die dringendsten Reformen durch den Senat zu boxen. Der Streit mit den bei den Wahlen im November nur sehr knapp unterlegenen Demokraten ist damit programmiert.
Die Gesundheitspolitik spielt im amerikanischen Wahlkampf erfahrungsgemäß eine eher bescheidene Rolle. Weder Bush noch sein Kontrahent Al Gore hielten es für sinnvoll, damit auf Stimmenfang zu gehen. Stattdessen dominierten Wirtschafts- und Verteidigungspolitik. Bush stellt sich dabei gerne als der starke Mann aus Texas dar, Wächter über den Weltfrieden und Hüter der vom Bürgertum geprägten amerikanischen Moral.
In der Gesundheitspolitik ist Bush dagegen eher ein unbeschriebenes Blatt. „Tatsache ist, dass wir bisher nur wenig über seine gesundheitspolitischen Ideen wissen“, sagt der für den amerikanischen Nachrichtensender CNN tätige Journalist Mike Ferullo. Das dürfte sich bald ändern. Lobbygruppen wie die bestens organisierten Rentner, die einflussreichen privaten Kran­ken­ver­siche­rungen und Health Maintenance Organizations (HMOs) drängen den Präsidenten und seinen Ge­sund­heits­mi­nis­ter Tommy Thompson, Farbe zu bekennen.
Der 59-jährige Thompson gilt als enger und langjähriger Vertrauter des Bush-Clans. Er deutete bereits an, als Erstes das Problem der stark steigenden Kosten für verschreibungspflichtige Arzneimittel angehen zu wollen. Die Ausgaben für Verordnungen dürften in diesem Jahr nach Schätzungen von CNN „mindestens 110 Milliarden Dollar“ verschlingen. Zum Vergleich: 1990 waren es lediglich rund 38 Milliarden Dollar.
Jeder dritte in diesem Jahr in Amerika für verschreibungspflichtige Arzneimittel ausgegebene Dollar kommt aus den Taschen der Rentner. Viele von ihnen müssen aufgrund niedriger Renten gut haushalten. „Oftmals lautet die Entscheidung, entweder ein teures Medikament zu kaufen oder die Heizkostenrechnung zu bezahlen“, sagt Mike Ferullo. Die staatlichen medizinischen Versorgungsangebote wie Medicare können in den meisten Fällen die Lücken im individuellen privaten Versicherungsschutz nicht ausfüllen.
Alle Versuche der Clinton-Regierung, das US-amerikanische Gesundheitswesen auf ein sozial verträgliches Fundament zu stellen, das allen Bürgern guten und preiswerten Zugang zu Gesundheitsleistungen gewährt, verliefen im Sande. Clintons ehrgeizige Gesundheitsreform scheiterte 1994 am Kongress, bereits zwei Jahre nach seinem Amtsantritt. Immer wieder sorgen in den USA Berichte über „traveling Grannies“ (übersetzt: reisefreudige Omas) für Schlagzeilen. Die cleveren Senioren fanden heraus, dass viele verschreibungspflichtige Medikamente im Nachbarland Kanada deutlich billiger zu haben sind. In Bussen fahren die Pensionäre über die Grenze, um dort in grenznahen Apotheken ihren Medikamentenbedarf zu decken.
Der unterlegene Präsidentschaftskandidat Al Gore warb im Wahlkampf unter anderem mit dem Vorschlag, Medicare für die Arzneimittelversorgung der Senioren aufkommen zu lassen. Die Kosten von rund 253 Milliarden Dollar über zehn Jahre, so Gore, sollten aus Steuermitteln finanziert werden. Präsident Bush lehnt derartige Großzügigkeit ab: „Das ist nichts anderes als Sozialismus durch die Hintertür.“ Er will das drängende Problem der steigenden Arzneimittelausgaben, das Millionen amerikanische Privathaushalte finanziell belastet, wie folgt lösen: Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll Medicare modernisiert und bürokratisch entrümpelt werden. Dafür stellt die Bush-Regierung rund 110 Milliarden Dollar bereit. Bush verspricht, dass Medicare von 2002 an 25 Prozent der Arzneimittelkosten für die rund 20 Millionen am schlechtesten gestellten Rentner übernehmen wird. Gibt ein Medicare-Patient jährlich mehr als 6 000 Dollar für Medikamente aus, trägt der Staat die Kosten, die diesen Grenzwert überschreiten. Landesweit vertrauen rund 39 Millionen Patienten auf Medicare.
Steuervorteile für private Zusatzversicherungen
Senioren, die sich freiwillig privat zusatzversichern, verspricht der neue Präsident Steuervorteile. Bushs gesundheitspolitischer Berater Dr. Gail Wilensky: „Präsident Bush glaubt daran, Patienten die Wahl zu geben zwischen staatlicher Medicare-Medizin und qualitativ besseren privaten Versorgungsangeboten.“ Derartige Rhetorik kommt bei den Amerikanern gut an. Kritiker befürchten, der Bush-Plan von reformierter Medicare kombiniert mit größerer Wahlfreiheit unter den HMOs könnte leicht den erwünschten Effekt verfehlen. „Ich rechne damit, dass die HMOs Millionen finanziell nicht sonderlich attraktive Patienten einfach fallen lassen“, meint Amanda McCloskey von der Organisation „Families USA“. 6,2 Millionen Medicare-Patienten sind zugleich HMO-Patienten. McCloskey bezweifelt, dass die von Bush in Aussicht gestellten 110 Milliarden Dollar über zehn Jahre ausreichen, um Medicare zu reformieren und gleichzeitig die Arzneimittelkosten für Millionen von Rentnern zu subventionieren.
George W. Bush hat darüber hinaus angekündigt, Patienten mehr Rechte gegenüber den HMOs einzuräumen. Rund 56 Millionen freiwillig privat Krankenversicherte sollen in die Lage versetzt werden, ihre HMO verklagen zu können. Der von den Republikanern kontrollierte US-Senat steht hinter den Plänen. Allerdings sollen Gerichte maximal eine Entschädigung von 350 000 Dollar gewähren können. Die freie Arztwahl – bis heute keine Selbstverständlichkeit – soll ausgebaut werden. Interessant: US-Krankenversicherer unterstützten CNN zufolge den Wahlkampf von Bush mit mindestens 1,5 Millionen Dollar. Das ist fünfmal mehr, als Gore erhielt.
Bush plant außerdem die Reform des Children Healthcare Insurance Program (CHIP). Dabei handelt es sich um ein staatlich mitfinanziertes Hilfsprogramm für Eltern, deren Einkommen für eine kostenfreie Medicare-Behandlung ihrer Kinder zu hoch ist, die aber nicht in der Lage sind, diese privat zu versichern. Bush will die Bundesstaaten stärker in die finanzielle Verantwortung nehmen, um mehr Familien den CHIP-Zugang zu ermöglichen. In Texas wurde auf diese Weise bereits rund 400 000 Kindern geholfen. Weiterhin gilt jedoch eine Einkommensgrenze von 41 000 Dollar jährlich pro Familie, um in den Genuss von CHIP-Leistungen zu kommen.
Bush gewann die Wahl nicht zuletzt wegen seines Versprechens, die Steuern senken zu wollen. Steuervorteile und Abschreibungsmöglichkeiten für private Kran­ken­ver­siche­rungen dürften nach Ansicht von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Thompson rund 18 Millionen Patienten den Zugang zur Privatversicherung ermöglichen. Um ihre Angestellten privat krankenversichern zu lassen, erhalten auch kleine und mittelständische Unternehmen zusätzliche steuerliche Vorteile.
Kurt Thomas


Präsident George W. Bush und Ge­sund­heits­mi­nis­ter Tommy Thompson


Präsident Bush hat versprochen, dass Medicare von 2002 an 25 Prozent der Arzneimittelkosten für die rund 20 Millionen am schlechtesten gestellten Rentner übernehmen wird.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema