ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2001Willibald Pschyrembel: Enzyklopädische Fähigkeiten

VARIA: Geschichte der Medizin

Willibald Pschyrembel: Enzyklopädische Fähigkeiten

Dtsch Arztebl 2001; 98(6): A-334 / B-284 / C-266

Schneeweiß, Burkhard; Berndt, Sabine

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LNSLNS Ein Schüler und Mitarbeiter Pschyrembels würdigt anlässlich dessen
hundertsten Geburtstag in einem persönlichen Bericht die Leistungen
des Herausgebers des bekannten medizinischen Wörterbuchs.


Am 1. Januar hätte Prof. Dr. phil. Dr. med. Willibald Pschyrembel seinen 100. Geburtstag begangen. Er wurde an dem markanten Datum 1. Januar 1901 als einziger Sohn seiner Eltern in Berlin geboren. Pschyrembel studierte an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Humboldt-Universität umbenannt wurde, von 1920 bis 1924 Naturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Physik und von 1926 bis 1932 Humanmedizin. Er promovierte 1924 zum Dr. phil. in Physik über das Thema „Entwicklung und Stand der Elektrotechnik in Japan“ bei Ludwig Bernhard. 1935 erlangte er die Doktorwürde in Medizin mit dem Thema „Die Osteomyelitis der Patella“, und zwar bei Ferdinand Sauerbruch.
Talentierter Erzähler
Er war mit der Gabe eines logischen Denkers und begnadeten Lehrers ausgestattet und konnte außerdem als talentierter Erzähler lebhaft und spannend von seinen Lehr- und Wanderjahren berichten. Dabei schilderte er seine Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Max Planck, Max von Laue, August Bier und Ferdinand Sauerbruch. Er liebte besonders auch die französische Literatur, die er nicht nur in der Originalsprache gelesen hatte, sondern bei jeder passenden Gelegenheit auch zu zitieren wusste,
selbstverständlich in fließendem Französisch. In Paris hatte er sogar sein Dolmetscherdiplom erworben; gemeinsam mit Paul Schober gab er ein medizinisches Wörterbuch „Französisch/Deutsch“ heraus. Seinen Horizont erweiterte er durch mehrere Aufenthalte in Frankreich und Weltreisen, die er meist mit beruflicher Tätigkeit verband; so war er zum Beispiel auch für einige Monate als Schiffsarzt tätig.
Seine eigentliche Heimat aber war und blieb Berlin. In Neukölln begann seine berufliche Laufbahn als Frauenarzt. Bereits als Oberarzt genoss er einen Ruf, der weit über die Stadtgrenze hinaus reichte.
Bedeutender Frauenarzt
Dieser Ruf gründete sich einerseits auf seine außergewöhnliche Arztpersönlichkeit, die Patientinnen und Mitarbeiter gleichermaßen verständnisvoll und klug begleitete, überzeugte und lenkte. Andererseits hatte er durch Vermittlung seines Gönners August Bier eine Empfehlung zum Direktor des weltberühmten de Gruyter-Verlages, Dr. Kurt-Georg Cram sen., erhalten und die Herausgabe des Dornblüthschen Wörterbuchs übertragen bekommen. An der wissenschaftlichen Vertiefung und didaktischen Gestaltung dieses Werkes konnte er seine umfassenden enzyklopädischen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen. Und das Ergebnis glich einer Sensation auf dem deutschsprachigen Büchermarkt: Von der 15. bis zur 254. Auflage wurde aus dem relativ dünnen Wörterbuch „der Pschyrembel“, der heute noch in allen Bücherschränken und auf allen Schreibtischen von Fachleuten und gebildeten Laien zu finden ist. „Alle Begriffe, ja selbst die schwierigsten Zusammenhänge müssen von jeder Schwesternschülerin verstanden werden“, lautete die Devise des neuen Herausgebers und vorbildlichen Didaktikers an alle Mitautoren des Klinischen Wörterbuches.
1945 erhielt er den Ruf an das Krankenhaus im Friedrichshain, um dort nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eine Frauenklinik mit Geburtshilfe aufzubauen. Er und seine drei Oberärzte Hoffbauer, Gramatté und Groher bildeten die Friedrichshainer Schule der Geburtshilfe und Gynäkologie, von der ganze Generationen von Ärzten, Schwestern und Hebammen geprägt worden sind. Zu jedermann war er gleich höflich und charmant, gleichgültig, ob es sich um seine Patientinnen, seine ärztlichen Kollegen, Schwestern, Hebammen oder um Reinigungskräfte handelte. Für alle hatte er ein offenes Ohr und war stets gesprächsbereit. Und er half, wo er konnte, mit Rat und Tat. Jede seiner Visiten wurde zu einem Erlebnis; für seine Patientinnen durch sein warmherziges und taktvolles Wesen, für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch stets neue und anregende Gedanken, für seine Studenten und Schüler durch seine verständlichen und aufhellenden Erklärungen. Er wurde Mitglied der Sektion Medizin der Akademie der Wissenschaften. Er leitete die Frauenklinik bis kurz nach dem Mauerbau. Er löste Anfang September 1961 seinen Vertrag mit dem Krankenhaus Friedrichshain in beiderseitigem Einverständnis, weil „eine ungestörte Arbeit unter den politischen Gegebenheiten nicht mehr möglich sei“.
Pschyrembel gehörte zu den herausragenden Hochschullehrern der Nachkriegsgeneration. Seine Vorträge und Vorlesungen waren wie seine Lehrbücher – „Die praktische Geburtshilfe“ und „Die praktische Gynäkologie“: brillant, logisch durchdacht und didaktisch gut aufbereitet.
Er kam an! Auch bei den Studierenden und jungen Ärzten. Einige Beispiele: „Das Gespräch mit Ihrem Patienten führen Sie im Sitzen und nicht im Stehen und schon gar nicht zwischen Tür und Angel.“ „Es nutzt Ihrem Patienten nichts, wenn Sie an eine notwendige Untersuchung denken, Sie müssen sie auch veranlassen.“ „Denken Sie im Interesse Ihres Patienten stets an die jeweils gefährlichere Alternative, und verfolgen Sie diese mit allen diagnostischen Mitteln, aber teilen Sie es Ihrem Patienten nicht gleich mit.“
„Richtige Fragen“
„Hochschullehrer versuchen stets richtige Antworten zu geben, und dabei ist es viel wichtiger, dass sie die richtigen Fragen stellen.“ „Warum wundern Sie sich so sehr, Sie zeigen damit nur, dass Sie keine Menschenkenntnis besitzen.“ „Volle Blase – Wehenbremse.“ „Jede Blutung in der Menopause ist so lange Krebs, bis das Gegenteil bewiesen ist.“
Auch nach 1961 erfreute er sich als Vorsitzender der Berliner Gynäkologischen Gesellschaft der Achtung und Verehrung seiner Kollegen, als praktizierender Frauenarzt der Zuneigung und des Vertrauens seiner Patientinnen und als Herausgeber seiner Bücher der Begeisterung seiner Leserschaft.
Aktualisierungen
Mit zunehmendem Alter zog er sich bewusst von großer Gesellschaft und Öffentlichkeit zurück. Täglich saß er noch mehrere Stunden im Souterrain-Arbeitsraum seines Hauses in Berlin-Charlottenburg und aktualisierte sein Lieblingskind, das Klinische Wörterbuch. Gern verbrachte er Zeit in geistig anregenden Zweiergesprächen mit einem der Autoren. Am 26. November 1987 starb er nach wenigen Tagen Krankheit relativ plötzlich.
Prof. Dr. med. Burkhard Schneeweiß, Sabine Berndt


Pschyrembel leitete die Frauklinik Friedrichshain bis kurz nach dem Mauerbau 1961. Eine Gedenktafel erinnert an ihn

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