ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Differenzierte Therapie des Hallux valgus

MEDIZIN: Diskussion

Differenzierte Therapie des Hallux valgus

Wülker, Nikolaus; Holland, C.

Zu dem Beitrag von PD Dr. med. Nikolaus Wülker und Prof. Dr. med. Carl Joachim Wirth in Heft 17/1996
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LNSLNSLNSLNS Zweite Ebene unnötig Die Autoren fordern präoperative "Belastungsaufnahmen" des Vorfußes in zwei Ebenen. Es ist zu fragen, wie die Belastungsaufnahme in der zweiten Ebene angefertigt wird. In dem Übersichtsreferat wird nirgendwo auf diese zweite Ebene zurückgegriffen.
Wofür ist sie dann überhaupt erforderlich, abgesehen davon, daß man den Vorderfuß kaum in einer zweiten Ebene unter Belastung röntgen kann? Außerdem handelt es sich korrekterweise immer um Aufnahmen der Mittel-/Vorfußregion, das heißt, die Basen der Mittelfußknochen sollten mitabgebildet sein.
Da man mit einigen Verfahren die Möglichkeit hat, das Mittelfußköpfchen in der Osteotomie leicht zu senken und damit den Längsgewölbebogen etwas zu verstärken, wären, wenn denn an eine zweite Ebene gedacht wird, eher Röntgenaufnahmen des Fußes seitlich im Stand sinnvoll. Meines Erachtens ist aber die zweite Ebene praktisch nie erforderlich.
Leider ist es tatsächlich so, daß Patienten zur Operation von außerhalb fast immer Röntgenaufnahmen in zwei Ebenen mitbringen, und diese sind dann zudem noch schlecht verwertbar, weil in der ap-Ebene nicht unter Belastung geröntgt wurde – der Operateur also unter Umständen zu einer entsprechenden Neuanfertigung gezwungen ist.
Ergänzen möchte ich, daß auch die Arthrodese des MTP-I-Gelenkes beim Hallux valgus (bevorzugt beim Hallux rigidus allerdings) subjektiv gute und dauerhafte Ergebnisse bringt und deshalb in ausgewählten Fällen als primäres Verfahren durchaus ihre Berechtigung hat. Der Erst-Autor gibt die Arthrodesen – entgegen der Erfahrung zahlreicher Operateure – nur für Fehlschläge anderer Hallux valgus-Operationen an.


Prof. Dr. med. C. Holland
Orthopädie
St. Willibrord Spital
Emmerich-Rees gGmbH
Postfach 10 08 53 46428 Emmerich


Schlußwort
Ziel unseres Artikels war es, darauf hinzuweisen, daß kein einzelnes Operationsverfahren den unterschiedlichen Formen des Hallux valgus gerecht werden kann. Eine differenzierte Therapie ist erforderlich. Dementsprechend müssen vor der Operation die in unserer Arbeit angegebenen Ausmessungen vorgenommen werden und dann über das geeignete Operationsverfahren entschieden werden. Obwohl die seitliche Vorfußaufnahme unter Belastung beim Hallux valgus nicht unabdingbar notwendig ist, haben wir es uns zur Regel gemacht, bei allen Patienten mit Vorfußdeformitäten Belastungsaufnahmen in zwei Ebenen anzufordern. Technisch ist die seitliche Aufnahme gut durchführbar: Der betroffene Fuß wird auf ein etwa fünf Zentimeter dickes, strahlendurchlässiges Brett gestellt. Der gegenseitige Fuß wird, etwas rückwärts gesetzt, auf den Röntgentisch aufgestellt. Der Patient wird angehalten, das Gewicht gleichmäßig auf beide Beine zu verteilen. Die Röntgenröhre wird an der Gegenseite horizontal eingestellt, so daß der Strahlengang am betroffenen Fuß von medial nach lateral gerichtet ist.
Wir verwenden die seitliche Vorfußaufnahme, um die Neigung der Mittelfußknochen nach plantar zu beurteilen. Das Gelenk zwischen den Sesambeinen und dem Metatarsale-I-Köpfchen ist ebenfalls gut einsehbar, eine Verschiebung der Sesambeine nach proximal oder nach distal wird abgebildet. Die seitliche Belastungsaufnahme dient auch dazu, die Gelenkspaltbreite des Metatarsophalangealgelenks der Großzehe zu beurteilen. Verschleißerscheinungen an diesem Gelenk beginnen in der Regel im mehrbelasteten dorsalen Anteil und treten oft im Frühstadium auf dem Röntgenbild im dorsoplantaren Strahlengang noch nicht sicher in Erscheinung.
Die Arthrodese des Metatarsophalangealgelenks zur Therapie des Hallux valgus verwenden wir nur ganz gelegentlich. Die Indikation hierzu ist selten, da wir die Indikation zur Arthrodese in der Regel nur bei Patienten unter 60 Jahren stellen und jenseits des 60sten Lebensjahres der Resektionsarthroplastik den Vorzug geben. Arthrotische Erscheinungen beim Hallux valgus treten aber oft erst jenseits des 60sten Lebensjahres auf.


Literatur:
1. Akin OF: The treatment of hallux valgus: a new operative procedure and its results. Med Sentinel 1925; 33: 678–679
2. Cracchiolo A: Chevron-Osteotomie. In: Wirth CJ, Ferdini R, Wülker N (Hrsg.) Vorfußdeformitäten. Springer, Berlin Heidelberg New York 1993; 251–258
3. Mann RA: Distaler Weichteileingriff und proximale Metatarsaleosteotomie. In: Wirth CJ, Ferdini R, Wülker N (Hrsg.) Vorfußdeformitäten. Springer, Berlin Heidelberg New York 1993; 285–299
4. Viladot A: Hallux valgus: Resektionsinterpositionsarthroplastik. In: Wirth CJ, Ferdini R, Wülker N (Hrsg.) Vorfußdeformitäten. Springer, Berlin Heidelberg New York 1993; 225–231
5. Wülker N, Wirth CJ: Decision making in hallux valgus surgery. Eur J Foot Ankle Surg 1994; 1: 11–19
6. Wülker N, Wirth CJ, Maßmann J: Erkrankungen an den Sesambeinen der Großzehe. Z Orthop 1991; 129: 431–437


Für die Verfasser:
PD Dr. med. Nikolaus Wülker
Orthopädische Klinik der
Medizinischen Hochschule Hannover
im Annastift e. V.
Postfach 61 01 72 30625 Hannover

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