ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2001Tatort Berlin: Wer bezahlt das Honorar?

VARIA: Schlusspunkt

Tatort Berlin: Wer bezahlt das Honorar?

Dtsch Arztebl 2001; 98(7): [76]

Ganssen, Olaf

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LNSLNS Unter diesem Titel berichtete die Münchner Medizinische Wochenschrift am 8. September 1886 von einem kuriosen Honorarstreit:
„Am 1. März 1882 – so lange spielt die Geschichte schon, ohne bis jetzt zum Austrag gebracht zu sein – betrat in Berlin ein Herr ein Bierlocal in der Elsasser Strasse, liess sich ein Glas Bier geben und vergiftete sich in der Gegenwart der Gäste und des Wirthes. Auf Anordnung der herbeigeholten Polizei liess der Gastwirth durch seine Tochter den in der Nähe wohnenden Dr. Wilde herbeirufen, welcher nach Verordnung eines Gegenmittels den Selbstmörder nach der Charité überführen liess. Dort wurde der Lebensmüde wieder hergestellt, allein den Arzt zu bezahlen, weigerte er sich standhaft unter dem eigentlich ganz plausiblen Einwande, dass er die Hülfe des Arztes garnicht gewünscht und auch nicht verlangt habe.
Dr. Wilde reichte darauf seine Liquidation in Höhe von 4 Mark bei dem k.Polizeipräsidium ein, wurde aber damit abgewiesen und zwar mit dem Anheimgeben, von Dem jenigen sein Honorar zu fordern, der ihn habe rufen lassen. Das war in diesem Falle der Gastwirth, und Dr. Wilde übergab seine Forderung dem ,Rechtsschutzverein Berliner Aerzte‘, welcher dieserhalb gegen den Gastwirth klagbar wurde. Da nachgewiesen werden konnte, dass der Gastwirth seine Tochter beauftragt hatte, den Arzt herbeizuholen, wurde der Auftraggeber zur Zahlung des taxmässigen Arzthonorars verurtheilt.
Nunmehr legte sich der ,Verein Berliner Gastwirthe‘ ins Mittel, da es für ihn von principieller Bedeutung war, ob Gastwirthe bei plötzlicher Erkrankung von Gästen in ihren Localen gehalten sein sollen, für die etwa nothwendig werdende ärztliche Hülfe zu haften. Auf Kosten des Gastwirthsvereins wurde die zweite Instanz beschritten, jedoch das erstinstanzliche Urtheil bestätigt und dem Gastwirth die Kosten der zweiten Instanz auferlegt.
Damit wollen sich indessen die Herrn Gastwirthe auch noch nicht beruhigen, sondern noch weiter appelliren. Die ganze Affaire schwebt demnach schon 4½ Jahre, ohne endgiltig entschieden zu sein. Der Arzt hat sein beanspruchtes Honorar noch immer nicht erhalten, dagegen sind bereits 47 Mark und 30 Pfennig Gerichtskosten entstanden.“
Ob er es nach so viel Ärger überhaupt noch bekam, wurde nicht mehr berichtet. Tröstlich ist: Unsere Urgroßväter kannten auch schon Honorarkämpfe, nur die Formen und Summen haben sich geändert. Dr. med. Olaf Ganssen
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