ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2001Fortpflanzungsmedizin: Die Gewichte verschieben sich

POLITIK

Fortpflanzungsmedizin: Die Gewichte verschieben sich

Dtsch Arztebl 2001; 98(7): A-363 / B-305 / C-285

Richter, Eva A.

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LNSLNS Ob die Präimplantationsdiagnostik in Deutschland zugelassen werden soll, ist weiterhin umstritten. Die Zahl der Befürworter nimmt jedoch zu.

Obwohl eine Novellierung des Embryonenschutzgesetzes vorerst in die Ferne gerückt ist, bleibt die Fortpflanzungsmedizin ein brisantes Thema. Besonderer Streitpunkt: die Präimplantationsdiagnostik (PID). Das Positionspapier von Ex-Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer, das unter anderem das Verbot der PID vorgesehen hatte, ist inzwischen in einer Schublade des BMG verschwunden. Konkrete Vorstellungen, in welchen Punkten das Embryonenschutzgesetz geändert werden sollte, liegen jedoch auch von anderen Seiten vor.
Bei einer Podiumsdiskussion der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft, der Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie und der Kaiserin-Friedrich-Stiftung tauschten sich Ende Januar in Berlin Ärzte, Ethiker, Naturwissenschaftler, Juristen und Politiker über aktuelle Entwicklungen und Kontroversen innerhalb der Fortpflanzungsmedizin aus. Prof. Dr. med. Heribert Kentenich, Chefarzt der Frauenklinik der DRK-Kliniken Westend, Berlin, stellte sein Konzept zur Änderung des Embryonenschutzgesetzes vor, das großen Zuspruch fand.
Kentenich plädierte für eine „limitierte, jedoch positive Regelung der PID in Deutschland“. Die Information und Beratung der Paare müsse verbessert werden, um es ihnen zu ermöglichen, sowohl den Weg der PID als auch den „normalen“ Weg zu einer Schwangerschaft zu gehen, sagte der Gynäkologe. Im Fortpflanzungsmedizingesetz müsse es hierfür eine klare gesetzliche Regelung geben. Die Grenzen, die das Embryonenschutzgesetz derzeit setzt, hält Kentenich für „unzeitgemäß und an die Konfliktsituation nicht konkret genug adaptiert“. Die spezifische Geschichte Deutschlands dürfe nicht dazu führen, dass die Reproduktionsmedizin generell in Deutschland einer sehr restriktiven Regelung unterworfen werde. Paare würden im Zweifelsfalle die PID im Ausland vornehmen lassen oder eine „Schwangerschaft auf Probe“ eingehen.
„Die PID kann nicht unabhängig von der Pränataldiagnostik diskutiert werden“, betonte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe. Die momentane „Unlogik im Schutz des Lebens“ hätte er auch beim Kanzlergespräch Anfang Januar dargestellt und auf den dringenden Regelungsbedarf hingewiesen. Die Meinung innerhalb der BÄK zur PID sei heterogen, aber würde prinzipiell dem im Frühjahr 2000 vorgelegten Diskus-sionsentwurf entsprechen, so Hoppe.
„Vor dem Hintergrund der „Schwangerschaft auf Probe“ müsste die PID erlaubt sein“, meinte Dr. med. Christiane Woopen, Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin der Universität Köln, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK. In dessen Arbeitsgruppe „Präimplantationsdiagnostik“ sei über mögliche Änderungen des Entwurfs gesprochen worden, berichtete sie. So müsse der Screeningeffekt bei der PID noch deutlicher ausgeschlossen und die psychosoziale Beratung verstärkt werden.
Dass der Forderung nach einer humangenetischen Beratung vor einer PID im Diskussionsentwurf der BÄK nicht genügend Rechnung getragen werde, monierte Prof. Dr. rer. nat. Karl Sperling, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik. Im Übrigen vertrete seine Fachgesellschaft die Ansicht, dass die PID grundsätzlich allen Frauen zur Verfügung stehen sollte, die ein erhöhtes genetisches Risiko für eine schwerwiegende kindliche Erkrankung tragen. Die PID sei eine Möglichkeit der vorgeburtlichen Diagnostik, die Schwangerschaftsabbrüche und die damit verbundene Belastung der Betroffenen vermeiden könne. „Eine PID darf jedoch nur unter Einhaltung strikter Richtlinien erfolgen“, betonte Sperling.
Prof. Dr. jur. Friedhelm Hufen, Lehrstuhl für öffentliches Recht der Universität Mainz, plädierte nicht nur für die Zulassung der PID. Er ging sogar noch weiter: „Da die Pränataldiagnostik zur Verfügung steht, ist ein absolutes Verbot der PID unangemessen.“ Aus verfassungsrechtlicher Sicht bedürfe nicht die Zulassung, sondern das Verbot der PID einer Rechtfertigung.
Freiräume gefordert
Auch andere Änderungen des Embryonenschutzgesetzes, für die sich Kentenich in der Berliner Veranstaltung einsetzte, wären nach Ansicht Hufens verfassungsrechtlich in vollem Umfang möglich. Kentenich forderte unter anderem die Zulassung der Eizellspende. Es sei ein „Skandal“, dass die Eizellgewinnung in Deutschland schwieriger sei als die Samenzellgewinnung und sich ein Arzt potenziell strafbar mache, wenn er die Adresse eines Behandlungszentrums im Ausland weitergebe. Für die Samenzellspende forderte Kentennich klare gesetzliche Regelungen. Ferner sprach er sich dafür aus, die Forschung an Embryonen und ihre Selektion unter strengen Limits zu erlauben.
Gegner der PID waren bei der Podiumsdiskussion in Berlin nicht anwesend. Dr. med. Eva A. Richter
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