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Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2001; 98(7): A-363 / B-305 / C-285

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LNSLNS DÄ: Die Bundesregierung will eine Überarbeitung des Embryonenschutzgesetzes vorerst auf Eis legen. Halten Sie eine Novellierung zurzeit für nötig?
Ulrike Flach: Das wäre nur die zweitbeste Lösung. Besser wäre ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz, das diesen Bereich umfassend regelt. Die Forschung und die medizinischen Anwendungsmöglichkeiten rasen voran, das Recht humpelt hinterher. Eine Verschiebungsstrategie ist grundfalsch. Die FDP meint, dass wir noch in dieser Legislaturperiode entweder ein Fortpflanzungsmedizingesetz oder eine Novellierung des Embryonenschutzgesetzes brauchen.

DÄ: In welchen Punkten würden Sie das Embryonenschutzgesetz ändern?
Ulrike Flach: Wir wollen eine offene, fraktionsübergreifende Diskussion zur Schaffung von rechtlichen Rahmenbedingungen für die Präimplantationsdiagnostik (PID). Dieses Verfahren ist ja nach Meinung anerkannter Rechtsexperten prinzipiell im Embryonenschutzgesetz schon vorgesehen. Die PID könnte bei In-vitro-Fertilisation generell anwendbar sein, müsste aber in der Entscheidungsgewalt der Eltern bleiben. Gleichzeitig müssten natürlich Missbrauchsschranken eingebaut werden. Die PID muss auf die Verhinderung genetischer Erkrankungen dort beschränkt werden, wo die Eltern das Risiko sehen und begründen können.

DÄ: Gibt es für Sie Tabus?
Ulrike Flach: Natürlich! Tabu ist beispielsweise die Züchtung von Menschen. Tabu sind auch alle Manipulationen, die darauf zielen, Kinder nach Wunsch mit blauen oder grünen Augen, blonden oder schwarzen Haaren zu schaffen. Außerdem müssen wir uns immer fragen: Rechtfertigt das Ziel den Eingriff? Die Erfüllung des Kinderwunsches für Eltern mit hohen genetischen Risiken rechtfertigt ihn, nicht aber die Züchtung von Zwitterwesen aus Mensch und Tier. Wir werden aber noch oft vor einem Abwägungskonflikt stehen.

DÄ: Unter welchen Bedingungen würden Sie die PID erlauben?
Ulrike Flach: Die Bundes­ärzte­kammer hat einen Entwurf vorgelegt, den ich als Grundlage für geeignet halte. Darin sind klare Zulassungsbedingungen und berufsrechtliche Voraussetzungen enthalten.

DÄ: Ist die PID nicht der erste Schritt zum „Designer-Baby“?
Ulrike Flach: PID ist eine Methode für einen sehr eingeschränkten Kreis von Eltern. Wenn keine medizinischen Gründe vorliegen, sondern einfach das „Wunschkind“ geschaffen werden soll, würde ich keine Zustimmung zur Anwendung geben. Freilich: Die technischen Möglichkeiten für das „Designer-Baby“ gibt es. Die Gesellschaft muss sich darüber einigen, welche Werteorientierung gelten soll. PID ist ja nur ein Werkzeug; es kommt darauf an, zu welchem Zweck es verwendet wird.
Die Fragen stellte Dr. med. Eva A. Richter
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