ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2001DKV und HIV-Patienten: „Ruhe vor dem Sturm“

POLITIK

DKV und HIV-Patienten: „Ruhe vor dem Sturm“

Dtsch Arztebl 2001; 98(7): A-365 / B-292 / C-275

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der größten privaten Kran­ken­ver­siche­rung wird vorgeworfen, unangemessene Streichungen in den Rechnungen von HIV-Patienten vorzunehmen. Einige Geschädigte wollen nun klagen.

Die Deutsche Kran­ken­ver­siche­rung AG (DKV), Köln, wiegt sich in Sicherheit. Ja, es habe in der Vergangenheit durchaus Probleme mit HIV-infizierten Versicherten gegeben, weil die DKV sich bei der Kostenerstattung an den in den USA genutzten „JAMA-Guidelines“ orientiere und zudem die Auffassung vertrete, dass die Behandlung privater Aids-Patienten in den Schwerpunkt-Ambulanzen von Krankenhäusern oder Universitätskliniken kostengünstiger sei als in einer Privatpraxis, erklärt ein DKV-Sprecher, Christian Heinrich, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt und verweist auf das Wirtschaftlichkeitsgebot der Krankenkassen. 50 bis 60 der etwa 350 HIV-Patienten in der DKV seien damals mit den Leistungen nicht zufrieden gewesen. Etwaige Unstimmigkeiten seien aber inzwischen ausgeräumt, man habe ein „Agreement“ gefunden. Wie dieses im Detail aussieht, lässt er offen.
Eine gütliche Einigung der DKV mit ihren HIV-Patienten ist Dr. med. Hans Jäger, Vorstandsmitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (DAGNÄ), Aachen, nicht bekannt. Er spricht von der Ruhe vor dem Sturm. Zahlreiche Patienten seien bereit, gegen ihre Kran­ken­ver­siche­rung zu klagen: „Auf die DKV kommt eine Prozesslawine zu.“
Patienten sind verunsichert
Die in der DAGNÄ organisierten Ärzte berichten von erheblich verunsicherten Patienten, die zum Teil seit Jahrzehnten bei der DKV versichert sind. Die Verunsicherung habe sich vielfach auf das Arzt-Patienten-Verhältnis übertragen. „Vielleicht ist dies auch das Ziel der DKV-Kampagne“, mutmaßt Jäger. Seit mehr als einem Jahr habe es Verhandlungen sowie viele Telefonate und Korrespondenzen gegeben. Auch ein Treffen des DAGNÄ-Vorstands mit DKV-Mitarbeitern habe stattgefunden. „Je nach Verhandlungsstand hat die DKV dann an die Patienten eine Disharmonie unterschiedlicher Beurteilungen zum Beispiel zur Häufigkeit wichtiger Laboruntersuchungen und zur Erstattung derselben mitgeteilt, wodurch ein außerordentlich uneinheitliches Bild für die Patienten entstanden ist“, berichtet der Münchner Internist.
Um die fehlende Kooperationsbereitschaft der DKV zu unterstreichen, nennt die DAGNÄ ein Beispiel: Die Durchführung der HI-Viruslast-Bestimmung sei in der Gebührenordnung für Ärzte bisher nicht als Abrechnungsnummer oder Leistung vorgesehen. Dementsprechend müsse analog abgerechnet werden. Die DKV habe hierzu vorgeschlagen, eine Stellungnahme von Prof. Dr. med. Lutz Gürtler, Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Universität Greifswald, einzuholen, der dann auch ein Gutachten erstellt habe. Inzwischen fühle sich die DKV aber nicht mehr an die Vorgaben aus diesem Gutachten gebunden, sondern habe sich neue Gutachter gesucht, die Gürtlers Empfehlungen unterbieten. Die DKV argumentiere, sie sehe es nicht ein, mehr zu bezahlen als die gesetzlichen Krankenkassen. Hintergrund: Seit dem 1. Juli 1999 ist die HI-Viruslast-Bestimmung im Leistungskatalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung mit einem Festbetrag in Höhe von 180 DM verankert.
Für Dr. Hans Jäger ist das Verhalten der DKV schwer nachzuvollziehen. Zwar seien die Behandlungskosten für einen HIV-Infizierten beträchtlich, aber die Zahl der betroffenen DKV-Patienten liege in einem Bereich, der von einem Unternehmen wie der DKV bezahlbar sein müsse.
Andere private Kran­ken­ver­siche­rungen haben bislang keine Versuche erkennen lassen, bei der Versorgung ihrer HIV-Patienten auf die Preise zu drücken. Sie scheinen abzuwarten, ob der Marktführer DKV (etwa 16 Prozent Marktanteil) neue Standards durchsetzen kann.
Jens Flintrop

Ein durch HIV infizierter T-Lymphozyt. Die blauen Kügelchen sind HI-Viruspartikel. Foto: Boehringer Ingelheim International GmbH
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema