ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2001Gesundheitsämter im Internet: Chance für den Öffentlichen Gesundheitsdienst

THEMEN DER ZEIT

Gesundheitsämter im Internet: Chance für den Öffentlichen Gesundheitsdienst

Dtsch Arztebl 2001; 98(7): A-376 / B-301 / C-284

Dörr, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die unteren kommunalen Gesundheitsbehörden finden den Weg ins Internet.


Neben dem ambulanten und stationären Versorgungssystem bieten die 439 Gesundheitsämter dem Bürger als institutionelle „Anlaufstelle“ gesundheitsorientierte Dienstleistungen an. Diese basieren auf gesetzlich verankerten Kompetenzen, die insbesondere dem bevölkerungsmedizinischen und sozialkompensatorischen Auftrag Rechnung tragen.
Als Bestandteil (unterer) kommunaler Gebietskörperschaften agieren sie im Unterschied zu anderen Institutionen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes an dessen Basis, das heißt, sie stehen in direktem Kontakt mit dem Bürger.
Voraussetzungen und aktuelle Situation
Der kommunale Kontext verleiht dem Web-Auftritt eines Gesundheitsamtes besondere Akzente: So kann meist auf eine etablierte technische Infrastruktur (Server, übergeordnete Suchmaschinen) zurückgegriffen werden. Die Kommune hostet in der Regel bereits zentrale Hintergrundinformationen, wie Anfahrtsskizze, Wegbeschreibung oder Veranstaltungskalender (4), sodass die Fachämter diese nicht mehr zusätzlich in den eigenen Web-Auftritt integrieren müssen. Das Seiten-Design der „elektronischen Visitenkarte“ des Gesundheitsamtes ist entsprechend den Grundsätzen der Corporate Identity durch die Verwaltung vorgegeben. Somit sind die grafischen Gestaltungsmöglichkeiten zwar begrenzt – umgekehrt muss sich die Amtsleitung nicht mit Layoutfragen beschäftigen, sondern kann sich auf die Inhalte konzentrieren.
Zurzeit gibt es acht Verzeichnisse mit Web-Adressen von Gesundheitsämtern im Netz (siehe Kasten). Berücksichtigt man Recherchen über Metasuchmaschinen, lassen sich gegenwärtig 118 Internet-Auftritte von Gesundheitsämtern ausfindig machen. Dies entspricht 27 Prozent der kommunalen Gesundheitsbehörden in Deutschland.
Die Internet-Adressen orientieren sich an der vorgegebenen URL (Uniform Resource Locator) der kommunalen Gebietskörperschaft beziehungsweise in seltenen Fällen am Domain-Namen eines kommerziellen Dienstleisters und sind daher komplex. Nur zwei Gesundheitsämter – die Gesundheitsbehörden der Landkreise Dachau und Garmisch-Partenkirchen – verfügen bislang über eigenständige, prägnante Adressen (www.gesundheitsamt.de; www.gesundheitsaemter.de).
Das Spektrum der Präsentationen reicht von einer einzigen „Homepage“ über fünf bis zehn Web-Seiten pro Amt bis hin zu einem umfassenden elektronischen Informationsservice (4), den zum Beispiel die Gesundheitsämter Dachau und Garmisch-Partenkirchen im Verbund anbieten. Beide Behörden haben ein breit gefächertes medizinisches Informationsangebot einschließlich wichtiger gesetzlicher Grundlagen auf mehreren Hundert Seiten in unterschiedlichen Sprachen ins Netz gestellt.
Inhaltlich vermitteln die Internet-Auftritte der Gesundheitsämter als zentrifugale Informationsangebote (3) vor allem Basisdaten wie Anschrift, Benennung der Amtsleitung, Abteilungsstruktur und Sprechstundenzeiten. Diese Angaben müssen sich an den berufsrechtlichen Vorgaben orientieren (2) – auch wenn die daraus resultierende informelle Reglementierung die spezielle Situation öffentlich-rechtlicher Organisationen nicht adäquat berücksichtigt.
Weiterführende Informationen bieten bislang nur wenige Gesundheitsämter an. Hierzu zählen gesetzliche Grundlagen, Merkblätter zu Infektionskrankheiten, Selbsthilfegruppenführer, aber auch eigene Mitteilungen oder Veröffentlichungen zu lokalen epidemiologischen Daten. Dabei werden als Informationsquelle Auswertungen eigener Untersuchungen, zum Beispiel aus dem Kinder- und Jugendärztlichen Dienst, berücksichtigt. Darüber hinaus könnten wichtige überregionale Daten und Fakten präsentiert werden, wenn deren Seriosität gesichert und die Veröffentlichung auf der eigenen Website gestattet ist.
Verweise auf andere Quellen
Querverweise zu anderen medizinischen Angeboten und Institutionen in Form von Hyperlinks sind selten. Die Verlinkung zu fremden Informationsquellen muss sorgfältig überdacht werden, da diese elektronischen Verweise ständig auf ihre Gültigkeit überprüft werden müssen. Darüber hinaus darf nur auf rechtlich und medizinisch unbedenkliche Fremdquellen hingewiesen werden (Urteil des Landgerichtes Hamburg vom 12. Mai 1998, Az.: 313 O 85/98).
Die Möglichkeit einer elektronischen Interaktion des Bürgers mit dem für ihn zuständigen Gesundheitsamt setzt eine E-Mail-Funktionalität der Homepage voraus. Nur 19 Prozent der Ämter (eigene Recherche) verfügen über eine eigene oder auch mehrere
E-Mail-Adressen oder ein entsprechendes Versandformular. Elektronische Post muss in allen anderen Fällen alternativ an das Presseamt, den Web-Administrator oder eine zentrale Dienststelle gerichtet werden. Die justiziable Verwaltung einer über die Homepage eines Gesundheitsamtes vermittelten Nachricht und deren Integration in den entsprechenden Verwaltungsvorgang stellen die Gesundheitsämter daher vor neue organisatorische Aufgaben.
Über die Inanspruchnahme der Web-Seiten von Gesundheitsämtern sind keine verlässlichen Daten bekannt. Anhand der integrierten Zählfunktion auf der Startseite des Gesundheitsamtes Bremen, der bislang einzigen kommunalen Gesundheitsbehörde, die einen sichtbaren Counter auf ihren Seiten hat, war eine Frequenz von durchschnittlich 27 Besuchen täglich ermittelbar. Hierbei bleibt allerdings unklar, ob es sich um Abrufe der Einzelseiten (Page Impressions) oder die – wesentlich geringere – Anzahl der Nutzer (Visits, Clickstreams) handelt.
Nutzerfreundliche Navigationselemente wie interne Suchmaschinen finden sich sporadisch unter der übergeordneten Oberfläche der kommunalen Gebietskörperschaft. Sie stellen jedoch das für den Bürger wichtigste Recherche-Instrument dar. Eine stringentere Verwirklichung derartiger Hilfsfunktionen ist daher erforderlich.
Die sachliche und kompetente Darstellung von bevölkerungsmedizinisch relevanten Informationen ist seit jeher Aufgabe der Gesundheitsämter. Insofern betreten diese auch bei Veröffentlichungen im Internet kein Neuland. Allerdings ist hier einer anderen Form der öffentlichen Wahrnehmung Rechnung zu tragen. So erreichen Kommentare zu im Netz abgelegten Informationen mithilfe dieses Mediums häufig ungefiltert und binnen kürzester Zeit ein großes Publikum.
Auf Intranet-Ebene ist der UMINFO-Verbund als dominierende ÖGD-Community zu nennen. Hierbei handelt es sich um eine Initiative der Dokumentations- und Informationsstelle für Umweltfragen (DISU) in Osnabrück und des Robert Koch-Institutes (RKI) in Berlin, die Mitarbeitern aus Gesundheitsämtern seit 1993 die Nutzung einer einheitlichen elektronischen Kommunikationsplattform ermöglicht (6). Infolge der intensiven Inanspruchnahme dieses Forums hat sich UMINFO inzwischen zur wichtigsten informellen Qualitätssicherungsmaßnahme im ÖGD entwickelt.
Künftige Aufgaben
Im Informationsdschungel des Internets werden Gesundheitsämter vor allem die Funktion erhalten, lokal bedeutsame medizinische Fakten, die für die ortsansässige Bevölkerung von Belang sind, seriös zu vermitteln. Als Servicefunktion können entsprechende Nachrichten mit Verweisen zu weiteren kompetenten Quellen, beispielsweise auf Bezirksregierungs- oder ministerieller Ebene, bei Ärztekammern oder Universitäten, angereichert werden.
Web-basierte Interaktionen mit dem Bürger werden herkömmliche Dienstleistungen technisch revolutionieren und inhaltlich erweitern. Beispiele sind das Ausfüllen und Versenden von online verfügbaren Formularen, die Terminwahl für eine Untersuchung, der Abruf des Bearbeitungsstatus eines Vorganges, die elektronische Reservierung von Karten für Gesundheitsveranstaltungen, Newsletter-Abos per E-Mail, betreute Diskussionsforen, die Generierung von persönlichen Impferinnerungen (1) und die datenbankgestützte Suche nach Selbsthilfegruppen. Einige dieser interaktiven Nutzungsformen setzen allerdings adäquate Datenschutzmaßnahmen voraus.
Unified-Messaging-Verfahren werden künftig auch im Gesundheitsamt berücksichtigt werden müssen, um unterschiedliche Mitteilungsformen via Fax, Short Message Service, E-Mail, Voice-Call zu bündeln.
Wichtig wird darüber hinaus die Evaluierung der Inanspruchnahme der Homepage eines Gesundheitsamtes werden. Gästebuch, Chatroom und interne Suchmaschine erhöhen die weitere Attraktivität eines Webangebotes.
Für die permanente Weiterentwicklung des Web-Angebotes der örtlichen Gesundheitsfachverwaltung sowie für die Akquirierung internetfähiger Informationen und deren inhaltliche Umsetzung ist ein versierter, informationstechnologisch geschulter Mitarbeiter notwendig, dem die Aufgaben des ÖGD vertraut sind (5).
Gesundheitsämter erhalten durch die Möglichkeiten der Internet-Darstellung die Chance, ein bevölkerungsmedizinisch relevantes, aktuelles Informationsangebot mit interaktiven Kommunikationsmöglichkeiten aufzubauen und sich über die eigene Web-Präsenz als modernes Dienstleistungsunternehmen zu präsentieren.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 376–378 [Heft 7]

Literatur
1. Arenz B: Die Bedeutung des Internet für das kommunale Gesundheitsamt. Amtsarztarbeit 1998.
2. Bundes­ärzte­kammer: Darstellungsmöglichkeiten des Arztes im Internet. Dt Ärztebl 1999; 96: C 169 [Heft 25].
3. Dörr M: Elektronischer Informationstransfer im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Das Gesundheitswesen 2000; 62: 305–309.
4. Dörr M: Die Internet-Präsenz des Gesundheitsamtes – zwischen elektronischer Visitenkarte und virtueller Gesundheitsbehörde. Blickpunkt Öffentliches Gesundheitswesen 1999: 8.
5. Dörr M: Aufbruch des ÖGD im EDV-Zeitalter. Das Gesundheitswesen 1998; 60: A 16.
6. Kaiser U: Auf- und Ausbau einer europäischen Informations- und Kommunikationsplattform. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2000; 43: 346–350.

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Michael Dörr
Gesundheitsamt des Kreises Neuss
http://www.kreis-neuss.de
(Leiter: Ltd. Kreismedizinaldirektor
Dr. med. Dr. rer. nat. Johannes Laumen)
Oberstraße 91
41460 Neuss

Weitere Informationen sind über die Homepage des Autors (http://home.t-online.de/home/M_Doerr/oegd_edv.
htm) erhältlich.


Verzeichnisse von Gesundheitsämtern im Web
- Arenz B: www.gm-irmen.berg.net/gesundheitsamt/arenz/arenz5.htm#5_1
- Dörr M: www.oegd.de
- Gesundheitsamt Garmisch-Partenkirchen: www.garmisch-partenkirchen.
com/gesundheitsamt/gesetze_behoerden/behoerden/ga/ga_deutschland/
ga_bayern/ga_bayern_index.htm
- Kaunzner A: http://members.aol.com/reisemed/ga_adres.htm#
- Kommunalverwaltung24: www.kommunalverwaltung24.de
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg: www.gesundheitsamt-bw.de/
- Landeszentrale für Gesundheitsbildung Bayern e.V.: www.lzg-bayern.de/
lzg/linkpage.htm#gesundheitsamt
- Quade G: Universität Bonn: www.meb.uni-bonn.de/virtual/
gesundheitsamt.de.html


Zwei Beispiele für Gesundheitsämter im Web: links das Gesundheitsamt Dachau mit dem Überblick über das Informationsangebot, unten
ein Ausschnitt aus dem Auftritt des Landesgesundheitsamtes Baden-Württemberg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema