ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2001Die badische Ärzteschaft im Nationalsozialismus

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Die badische Ärzteschaft im Nationalsozialismus

Dtsch Arztebl 2001; 98(7): A-390 / B-328 / C-306

Mack, Cécile

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LNSLNS Medizingeschichte
Mustergültige Regionalstudie

Cécile Mack: Die badische Ärzteschaft im Nationalsozialismus. Medizingeschichte im Kontext, Band 6, Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/Main u. a., 2001, X, 271 Seiten, kartoniert, 75 DM
Regionalstudien zur Geschichte der deutschen Ärzteschaft während der Zeit des Nationalsozialismus sind bisher kaum in Angriff genommen worden. Dass die Bezirksärztekammer Südbaden 1997 den Beschluss fasste, die Erforschung der Rolle der badischen Ärzteschaft im Dritten Reich zu unterstützen, ist ebenfalls eine rühmliche Ausnahme.
Die hohe Affinität der badischen Ärzteschaft zum Nationalsozialismus dürfte viele Leser überraschen und vielleicht auch zum Nachdenken anregen. Bereits im November 1930 wurden in Baden die ersten Ortsgruppen des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes gegründet. 1935 stellte der Gau Baden die zweitstärkste Ortsgruppe. 1936 waren rund 40 Prozent der badischen Ärzte Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Unterorganisationen. Damit lag Baden weit über dem Reichsdurchschnitt.
Cécile Mack analysiert die Gründe, die die badische Ärzteschaft so anfällig für die nationalsozialistische Propaganda machten. Dabei skizziert sie auch die Entwicklung im Reich und beschreibt die standespolitischen Interessenkonflikte in der Endzeit der Weimarer Republik. Es folgt ein Kapitel über die Gleichschaltung der Ärzteschaft. Ihre Nachforschungen lassen keinen Zweifel daran, wie sehr die badische Ärzteschaft nach der Machtergreifung bereit war, die Gesundheitspolitik des nationalsozialistischen Regimes mitzutragen. So wurden beispielsweise in Baden von den Ärzten pro tausend Einwohner fast doppelt so viele Anträge auf Zwangssterilisation gestellt wie in den anderen deutschen Erbgesundheitsobergerichtsbezirken.
Mack geht auf die Verfolgung jüdischer Ärzte in Baden ein und zeichnet das Schicksal Einzelner nach. Zeichen der Solidarität mit den Verfolgten und Entrechteten lassen sich eher aufseiten der Patienten als unter Standeskollegen feststellen. Ein weiterer Schwerpunkt der Darstellung sind „Euthanasie“-Aktionen in badischen Anstalten, die insgesamt über 4 700 Opfer forderten.
Während diese mustergültige Regionalstudie mit guten Gründen auch einen Blick auf die Zeit vor 1933 wirft, wird der Zusammenbruch des Dritten Reiches als Enddatum genommen. Ein abschließendes Kapitel, das die Frage nach den Kontinuitäten und Brüchen in der unmittelbaren Nachkriegszeit gestellt hätte (Stichwort: Entnazifizierung), hätte den Wert dieser Arbeit sicherlich noch erhöht. Robert Jütte
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