ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2001Goethes „Faust I“ und „Faust II“: Intelligenz pur

VARIA: Feuilleton

Goethes „Faust I“ und „Faust II“: Intelligenz pur

Dtsch Arztebl 2001; 98(7): A-410 / B-347 / C-324

Beyerle, Ludger

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LNSLNS Die wichtigste Anweisung von Regisseur
Peter Stein lautet: „Weg vom Frontaltheater!“

Peter Stein machte im Schatten der Expo 30 Millionen DM locker, um erstmals ungekürzt Goethes wichtigstes Werk, den „Faust“, am Ort der Weltausstellung aufzuführen. Leider stürzte sein Hauptdarsteller Bruno Ganz bei den Proben und fiel für die zentrale Rolle des alten Faust aus. Der Darsteller des jungen Faust – Christian Nickel – musste kurzfristig auch diesen Mammutpart auf die Bühne bringen. Die Kritiken für die Expo-Aufführungen fielen enttäuschend aus. Im Oktober 2000 zog das Ensemble nach Berlin (Arena, Berlin-Treptow), wo das Stück bis zum Juli mit dem wieder genesenen Bruno Ganz gespielt wird.
Die häufigste Frage im Vorfeld: Kann man an einem Wochenende 13 ½ Stunden Theater aufnehmen? Die Antwort: Wenn’s Goethes „Faust“ ist, Peter Stein Regie führt und sechs Stunden Pausen dazukommen – ohne Probleme. Darauf ließen zumindest die bis zur letzten Szene voll besetzten Zuschauerränge (inklusive der Behindertenplätze) schließen.
Fast durchweg junge Schauspieler
Die Aufführung beginnt im dunklen Hallendurchgang. Ein Gast des Ensembles steckt den Kopf aus der Wandnische, liest die Zueignung vor und hinterlässt ein ambivalentes Publikum mit „hohen Augenbrauen“. Nach den ersten Szenen wird dann klar, dass sich ein Faszinosum anbahnt – mit einer vorübergehenden Einschränkung: Als Bruno Ganz das Feld nach Hexenkücheneinwirkung dem Jungfaust Christian Nickel bis zum zweiten Teil überlässt, zeigt sich, dass die Kritiker der Expo-Version nicht ganz Unrecht hatten. Nickel ist als junger Faust nicht die Starbesetzung. Sein Metier scheint weniger das Schauspiel als die Deklamation zu sein. Es ist amüsant zu sehen, wie er selbst gegenüber einem hübschen jungen Gretchen nicht den Hauch eines Knisterns auf die Bühne bringt. Mit ihm als Zentralfigur der Gesamtaufführung in Hannover musste das Werk – vom Verfasser unbesehen – in ein schwieriges Fahrwasser geraten.
Anders die Lage in Berlin: Mit Bruno Ganz steht ein durchschlagendes Faust-Kaliber auf der Bühne. Eine Superidee von Peter Stein teilt die Rolle des Mephisto zwischen Johann Adam Oest und Robert Hunger-Bühler auf, deren diabolische Luftherrschaft das Stück virtuos beherrscht. Das Trio lässt die bisher als Standard betrachtete Gründgens-Interpretation in den Hintergrund treten. Auch die übrige Schauspielertruppe – fast durchweg junge Leute – ist glänzend aufgelegt. Dorothee Hartinger kann das als Gretchen am ausführlichsten beweisen. Ihre Einstellung und die prägnante Dur-Stimme halten die Rolle ausdrucksstark und frei von vordergründigem Pathos.
Ein Beispiel für die gelungene Besetzung fast aller Nebenrollen ist Michael Rotschopf als dreister Baccalaureus: In der Schülerszene des zweiten Teils versenkt er seinen alten Lehrer mit einer Serie verbaler Breitseiten, so-dass selbst dem Teufel vorübergehend die Spucke wegbleibt.
Die hervorragende Motivation der Schauspieler zeigt sich auch in der Szenenperipherie und den sehr schwierigen, akustisch aber gut verständlichen Gruppentexten (zum Beispiel der Trojanerinnen).
Einfallsreiche Kostüme und Figuren
Peter Stein zieht in Regie und Bühnenbildern höchst beachtliche Register. Seine wichtigste Anweisung lautet: „Weg vom Frontaltheater!“ Die schätzungsweise 500 Zuschauer sitzen im ausverkauften Haus mal en bloc, dann wie die Konzilsväter zu Rom. Auf der Straße stehend, schauen sie in Auerbachs Keller und in die Hexenküche. Inmitten der Kaiserpfalz finden sie sich umgeben von Schauspielern wieder, um anschließend für den Karnevalszug Spalier zu stehen. Peter Stein hat keine Probleme, voll besetzte Publikumsblöcke während der Vorstellung herumzufahren. Im Rittersaal des Kaisers bittet er die Zuschauer gar zu Wein und Brot an lang gedeckte Tische, von denen aus sie Paris’ Anmache der Helena und Faust als unfreiwilligen Feuerwerker verfolgen können.
Das Publikum bewegt sich nach kurzer Zeit immer zügiger von Spielort zu Spielort, um der nächsten Szene möglichst nahe zu sein. Das wäre eigentlich nicht erforderlich, da die Handlung von allen Plätzen aus gut zu sehen und zu verstehen ist – mit Ausnahme vielleicht des letzten Aktes, in dem der alte Faust ein wenig von der Mikrophonverstärkung gebrauchen könnte, die in anderen Szenen – zum Beispiel der Walpurgisnacht – geradezu rockbandartig zum Einsatz kommt. In dieser imposanten Show zieht Stein den Bogen ebenso gekonnt wie scharf am Obszönen vorbei.
Bei den Bühnenbildern ist es wie in der Musik: Eine gute Idee ersetzt eine Menge Instrumente. Stein hat beides. Neben einfallsreichen Kostümen und Figuren zeigt er große Bergkulissen, Wasserläufe, die technisch anspruchsvolle Himmelsspirale mit dem Höllenrachen und zahlreiche aufwendig gestaltete Einzelheiten wie den Fortitudo- oder den Knabe- Lenker-Wagen. Gut gelungen erscheint der Homunkulus: Ein Kind in einer kleinen schwebenden Glaskuppel wirkt als Pantomime zur Stimme einer Schauspielerin. Amüsant ist die Hexenküchen-Szene mit der erstaun-lichen Physiognomie der Meerkatzen. Für einen Schuss Nervenkitzel sorgt Euphorions Überflug ohne Sicherheitsnetz.
Wo Goethe vom Bühnenbildner geradezu „Bäume, die sich täglich neu begrünen“ verlangt, lässt Stein Intelligenz pur wirken. Als Mephisto in der Schlachtszene das Kriegsglück mit scheinbar unterlegenen Mitteln zugunsten des skeptischen Kaisers wendet, begleitet Stein den Abflug der Kampfvögel – der Rabenpost – akustisch durch den Überflug von Düsenjägern. Eine Anspielung auf spätere Erkenntnisse, dass die Luftwaffe Schlachten entscheidet.
Ein ziemlich einmaliges Geschenk
Per saldo setzt die Aufführung die geballte Lebens-ladung des Denk- und Sprachgenies Johann Wolfgang von Goethe frei. Natürlich kann der „Faust“ nicht die Wegzapp-Attitüde einer in die Braunsche Röhre gekrochenen Sehergeneration bedienen. Neben ausgiebigen Pausen und einem eigens angedockten Restaurant-Schiff auf der Spree gibt es keine Werbeeinblendungen zur Regeneration etwa angestrengter Geister. Die Entwicklung des Bühnentheaters in den letzten zehn Jahren und sein zunehmender Ersatz durch – in jeder Hinsicht so zu nennende – Flachbildschirm-Programme lässt die Aussichten, dass ein Regisseur erneut viel Geld für die Realisation des Werkes erhält, nicht gerade riesig und die Chance, Goethes Zentralstück noch einmal ungekürzt zu sehen, eher gering erscheinen. So haben die Expo und die Sponsoren dem Publikum ein ziemlich einmaliges Geschenk gemacht.
Dr. med. Ludger Beyerle

Bruno Ganz ist eine ideale Besetzung für die zentrale Rolle des alten Faust.


Bis zum 7. Juli wird der „Faust“ in Berlin, anschließend in Wien aufgeführt.
Zeiten: Marathonvorstellung:
samstags von 15 bis 22.30 Uhr,
sonntags von 10 bis 22.25 Uhr, sechsteilige (sechstägige) Spielfassung: jeweils von 19.30 bis 23 Uhr. Kartenpreis: 346,75 DM
(für beide Aufführungsarten),
Karten-Hotline: Telefon: 0 18 05/46 38 43, schriftliche Bestellung per Fax: 0 30/ 53 21 61 99


Der junge Faust (Christian Nickel) und Gretchen (Dorothee Hartinger)
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