ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Virtuelle Realität: Simulator gegen Flugangst

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Virtuelle Realität: Simulator gegen Flugangst

Müllges, Kay

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LNSLNS Während die einen ihrem Traumziel auf Mallorca oder den Malediven entgegenfiebern, beginnen die schönsten Wochen des Jahres für andere mit einem Horrortrip. Feuchte Hände, Kreislaufprobleme, Herzrasen – jeder dritte Deutsche leidet unter Aviophobie (Flugangst). Das konstatiert jedenfalls eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach. Ein neuer Weg zur Therapie solcher Ängste wurde jetzt am Fraunhofer-Institut für graphische Datenverarbeitung in Darmstadt präsentiert. Dort hat die Diplomandin Efi Douloumi den Prototyp eines Simulators gegen Flugangst entwickelt. Flugsimulatoren, wie sie etwa zur Pilotenschulung genutzt werden, ahmen das Cockpit eines Flugzeuges nach. "Wir wollten die Situation eines Passagiers an Bord der Maschine möglichst realitätsnah darstellen", erläutert sie den Sinn des Projektes. Auf sechs stählernen, hydraulisch in alle Richtungen beweglichen Stangen ruht eine Plattform aus Metall. Darauf montiert: ein schwarz-rot gestreifter Recaro-Sessel mit Sicherheitsgurt. Einzig weiteres Zubehör des Simulators ist ein etwa fünfhundert Gramm schwerer Datenhelm mit Brille. Zwei kleine Monitore liefern sechs bis sieben Bilder pro Sekunde. Plattform und Helm sollen gemeinsam ein realistisches Gefühl des Fliegens vermitteln. "Außerdem haben wir in unser VR-System noch Geräusche integriert", erklärt Efi Douloumi. Die Patienten hören also die Turbinen des Flugzeuges, die Sicherheitshinweise der Stewardeß und auch die Informationen des Piloten über Flughöhe und Dauer. Doch das System beschränkt sich nicht darauf, einen Flug mit einer Boeing 737 zu simulieren. Viele Aviophobiker befällt ihre Angst bereits beim Betreten des Flughafengebäudes. Deshalb beginnt die Simulation bereits im Flughafengebäude, und die Probanden am Fraunhofer-Institut werden anschließend durch eine virtuelle Gangway und enge Sitzreihen im Flugzeug selbst geleitet. In Darmstadt treibt man einigen Aufwand, um eine möglichst realitätsnahe Flugsituation zu erzeugen. So kann diese Bewegungsplattform beim Start der Maschine kurzzeitig eine Beschleunigung von bis zu fünf G entwickeln. Das entspricht etwa der Beschleunigung eines Autos von Null auf Hundert in einer halben Sekunde. Schon diese Eigenkonstruktion der Darmstädter Wissenschaftler hat sechzigtausend Mark gekostet. Herzstück des Simulators gegen Flugangst sind aber die beiden Prozessoren, die die Computeranimationen generieren. Allein ihr Arbeitsspeicher umfaßt 128 Megabyte. Das treibt die Kosten in die Höhe. Rund 250 000 DM kostet die Anlage am Fraunhofer-Institut in Darmstadt. Für Fluggesellschaften könnte ein solcher Simulator dennoch interessant sein. Darauf hofft jedenfalls Efi Douloumi. Und auch weitere Verbesserungen der Simulation hat sie bereits angedacht. "Wir könnten beispielsweise die virtuelle Fluglandschaft durch das Abspielen eines realen Videos ersetzen und so den Realitätsgrad erhöhen. Und anstelle des Helms, den die Patienten jetzt aufsetzen, ließe sich eine echte Passagierkabine mit Projektionsleinwänden konstruieren." Jedoch für den Simulator wie auch für Reisende in einem echten Flugzeug gilt auf jeden Fall die alte Binsenweisheit: "Runter kommen sie alle." Kay Müllges
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