ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2001Psychotherapie: Sitz und Stimme bei den Ärzten

POLITIK

Psychotherapie: Sitz und Stimme bei den Ärzten

Dtsch Arztebl 2001; 98(8): A-432 / B-347 / C-325

Bühring, Petra

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LNSLNS Erstmals wählten die Psychotherapeuten ihre Delegierten
für die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Das Wahlbündnis zeigte bereits erste Risse.

Rund zwei Jahre nach In-Kraft-Treten des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) sind erstmals Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJPs) in die Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gewählt worden. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, Frankfurt, trafen sich am 10. Februar Delegierte der Psychotherapeuten aus den KVen um die Vertreter der Wahlgemeinschaft zu wählen (Tabelle). Zuvor hatten die KVen Bayerns und Nordrhein bereits je einen Delegierten gewählt.* Sieben Psychologische Psychotherapeuten und eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin bilden jetzt die Interessenvertretung im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung. Die Zahl der Psychotherapeuten in der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung (KBV-VV) schreibt das PsychThG (§ 80 Absatz 1 a) vor: im Verhältnis ihrer Zahl zu den ärztlichen Delegierten, höchstens aber mit einem Zehntel (Grafik).
„Die Psychologenseite ist jetzt gut vertreten. Wir hoffen, dass die Gewählten auch die Interessen der ärztlichen Psychotherapeuten berücksichtigen“, sagte Dr. med. Birgit Clever, Mitglied der KV Südbaden und Vorsitzende des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten (BVVP) e.V., Freiburg. „Die ärztlichen Psychotherapeuten sind in den meisten KVen chancenlos – das Nadelöhr zur KBV-VV ist noch enger. Eine ärztliche Psychotherapeutin ist in der KBV-VV vertreten.“
Die Vorgabe der geheimen Wahl schien anfangs fast überflüssig: In den Wahlgängen wurde jeweils ein Kandidat benannt, der eine große Stimmenmehrheit erhielt. Die Arbeitsgemeinschaft der Richtlinienverbände (AGR) und der Verband Psychologischer Psychotherapeuten (VPP) im Berufsverband Deutscher Psychologen e.V. hatten ein Wahlbündnis geschlossen. Sie einigten sich vorab auf bestimmte Kandidaten, um alle relevanten Verbände und Schulen zu vertreten. Doch ein Verband schoss quer: Der Deutsche Psychotherapeuten Verband (DPTV) e.V., die ehemaligen Kostenerstattungs-Psychotherapeuten, schickte zwei Kandidaten gegen die des Wahlbündnisses ins Rennen – und verlor. „Wir haben dem DPTV bis zehn Minuten vor der Wahl Zugeständnisse gemacht, doch deren Forderungen waren unerfüllbar“, erläuterte Anne-Marie Schlösser, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, -Therapie, -somatik und Tiefenpsychologie e.V. (DGPT) die Zwistigkeiten der Verbände.
Die Differenzen zwischen der AGR – der unter anderem vier große Verbände angehören (DGPT, BVVP, Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten, Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten) – und der Allianz Psychotherapeutischer Berufs- und Fachverbände (Allianz) – maßgeblich vertreten durch den DPTV – sind auch in den unterschiedlichen Positionen zur Novellierung des PsychThG zu erkennen. Die ehemalige Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer hatte die Berufsverbände im Oktober 2000 gebeten, Änderungsbedarf beim PsychThG (in Kraft seit dem 1. Januar 1999) bekannt zu geben. Die wichtigsten Forderungen der AGR:
- Wegfall der Zehn-Prozent-Begrenzung für die Zahl der psychotherapeutischen Mitglieder in den Ver­tre­ter­ver­samm­lungen (§ 80 Abs. 1 a SGB V). Der BVVP, der ärztliche und psychologische Psychotherapeuten vertritt, fordert darüber hinaus gemeinsame Wahlen von Ärzten und Psychotherapeuten durch die Einführung des Verhältniswahlrechts in KVen und KBV (§ 80 a SGB V). Damit sollen auch ärztliche Psychotherapeuten die Chance auf einen Sitz in der KBV-VV erhalten.
- Psychotherapeuten soll erlaubt werden, Rehabilitationsleistungen, Belastungserprobung, Arbeitstherapie und Krankenhausbehandlung zu verordnen sowie Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen auszustellen (§ 76 Abs. 2 SGB V).
- Erhalt des ungehinderten Erstzugangsrecht zum Psychotherapeuten auch in integrierten Versorgungsformen. Den Versichertenbonus und das damit geförderte Primärarztsystem lehnt die AGR ab (§§ 65 a, 117 Abs. 2 und § 140 b Abs. 3 SGB V). Hausärzte würden dazu angeregt, psychotherapeutisch Behandlungsbedürftige nur im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung zu betreuen. Rund 50 Prozent der psychischen Erkrankungen würden sie zudem nicht erkennen.
- Der bedarfsgerechte Versorgungsgrad für KJPs soll getrennt von den Erwachsenen-Therapeuten ermittelt werden (§ 101 Abs. 4 SGB V). Nach der geltenden Regelung kam es trotz regionaler Unterversorgung von Kindern und Jugendlichen zu Niederlassungssperren für KJPs wegen allgemeiner Überversorgung nach den Bedarfsplanungsrichtlinien.
- Minderheitenschutz für KJPs in der KBV-VV (§ 80 Abs. 1 a SGB V)
- Gesicherte Mitwirkung im Bewertungs- und im Bedarfsplanungsausschuss sowie in der Qualitätssicherungskommission der KBV.
- Gleiche Honorierung psychotherapeutischer Leistungen von Ärzten, die weniger als 90 Prozent psychotherapeutisch tätig sind (§ 85 Abs. 4 SGB V).
Radikalere Reformen
Die Allianz schließt sich den Forderungen der Richtlinienverbände an oder verhält sich neutral. Sie fordert jedoch radikalere Reformen:
- Eine eigenständige Kassenpsychotherapeutische Vereinigung; zumindest aber eine Psychotherapeuten-Sektion in den KVen, die ein eigenes Verhandlungsmandat erhalten sollte;
- die ersatzlose Streichung der somatischen Abklärung vor Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung
(§ 1 Abs. 3 PsychThG).
- die Abschaffung des Gutachterverfahrens (§ 92 Abs. 6 a SGB V)
- Aufhebung der 40-Prozent-Schutzklausel für psychotherapeutisch tätige Ärzte (§ 101 Abs. 4 SGB V). Auch wenn die Quote von 40 Prozent für diese Arztgruppe nicht erschöpft ist, wird die jeweilige Region für Psychologische Psychotherapeuten und KJPs gesperrt. Das führe zu Versorgungsmängeln.
Die psychotherapeutisch tätigen Ärzte sehen zwar einige Auswirkungen des PsychThG kritisch. Jedoch: „Wenn man die Integration wirklich will, sollte man das Gesetz erst einmal ein paar Jahre ruhen lassen“, erklärt Dr. med. Karin Bell stellvertretend für die Ständige Konferenz ärztlicher psychotherapeutischer Verbände.
Wenn es zu Änderungen am Psychotherapeutengesetz kommen sollte, haben die Vorschläge der Arbeitsgemeinschaft der Richtlinienverbände am ehesten Aussicht auf Verwirklichung. Sie lassen Kompromissbereitschaft erkennen und klammern die ärztliche Psychotherapie nicht aus. Ob Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt den von ihrer Vorgängerin in Gang gesetzten Prozess weiterführt, bleibt abzuwarten. Bislang hat sie sich nicht zur Problematik der Psychotherapeuten geäußert. Petra Bühring


*Eine Auflistung der gewählten Vertreter (mit Stimmverteilung) ist auf den Internetseiten der Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten zu finden: www.vereinigung.de


´Tabelle  
Vertreter der ordentlichen
psychotherapeutischen Mitglieder
Kassenärztliche Vereinigungen Anzahl Vertreter
Berlin 876
Brandenburg 108
Bremen 245
Hamburg 509
Hessen 1 359
Koblenz 107
Mecklenburg-Vorpommern 61
Niedersachsen 1 016
Nordbaden 464
Nordwürttemberg 531
Pfalz 162
Rheinhessen 93
Saarland 149
Sachsen 222
Sachsen-Anhalt 90
Schleswig-Holstein 307
Südbaden 405
Südwürttemberg 345
Thüringen 133
Trier 58
Westfalen-Lippe 1 116
Summe Wahlgemeinschaft: 8 356 5
Bayerns 1 871 1
Nordrhein 1 578 1
Gesamt: 11 805 7


Weil in 21 von 23 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) die Anzahl der Psychotherapeuten – berechnet nach dem D’Hondt’schen Höchstzahlverfahren – zu gering ist, wurde eine Wahlgemeinschaft gebildet. Diese stellt fünf ordentliche Vertreter. Nur die KVen Bayerns und Nordrhein stellen je einen eigenen Vertreter.
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