ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2001Minderjährige Drogenabhängige: Ganz unten

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Minderjährige Drogenabhängige: Ganz unten

Dtsch Arztebl 2001; 98(8): A-452 / B-400 / C-342

Richter, Eva A.

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LNSLNS Eine retrospektive Untersuchung des Hamburger
Klinikums Nord/Ochsenzoll stellt zunehmende Not
bei drogenabhängigen Jugendlichen fest.


Sie sind immer jünger und ihre soziale, psychische und somatische Situation ist immer schlechter. Minderjährige Drogenabhängige sind längst keine Seltenheit mehr. „Es ist schwierig, mit diesen Patienten eine Perspektive zu erarbeiten“, berichtet Dr. med. Jochen Brack vom Klinikum Nord/Ochsenzoll Hamburg. Er hat drogenabhängige minderjährige Patienten in Hamburg sieben Jahre lang untersucht.
Ihre Zahl habe sich in den letzten Jahren erhöht, berichtet Brack. Fast alle der von ihm untersuchten 187 Jugendlichen zwischen 16 und 17 Jahren sind heroinabhängig. Die meisten von ihnen haben im Alter zwischen 12 und 15 Jahren mit dem Heroinkonsum begonnen. Zusätzlich steige der Konsum von Kokain in den letzten Jahren kontinuierlich (von 50 Prozent im Jahr 1993 auf 96 Prozent 1999). Auch der Beginn des Kokainkonsums habe sich inzwischen zu den jüngeren Jahrgängen verlagert. 1995 waren zwei Drittel der Patienten bei Beginn des Kokainkonsums 16 beziehungsweise 17 Jahre alt. 1999 hatten 75 Prozent der Untersuchten bereits im Alter von zwölf bis 15 Jahren mit dem Kokainkonsum angefangen. Verändert hat sich tendenziell auch die Konsumform: Während sich die Drogen 1994 jedoch nur 35 Prozent der
Untersuchten intravenös applizierten, taten dies 1999 bereits 60 Prozent intravenös.
Besorgniserregend ist für Brack der somatische Zustand der minderjährigen Drogenabhängigen. „Es ist eine deutliche Zunahme der Infektionen mit dem Hepatitis-B- und dem Hepatitis-C-Virus festzustellen. Dies ist vor allem auf den gestiegenen intravenösen Konsum von Kokain und Heroin zurückzuführen“, erläutert der Psychiater. 1999 waren 35 Prozent Anti-HBV positiv und 56 Prozent Anti-HCV positiv. Auch habe der Anteil der Jugendlichen, die sich in einem schlechten bis sehr schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand befinden, im Untersuchungszeitraum drastisch zugenommen.
Eine ähnliche Entwicklung stellte Brack bei der psychischen Situation der Jugendlichen fest. 1997 wiesen nur 23 Prozent eine zusätzliche psychiatrische Diagnose nach den ICD-10-Kriterien auf, 1999 waren dies schon 50 Prozent. Die meisten Patienten leiden unter Verhaltensstörungen, Depressionen, posttraumatischen oder dissoziativen Störungen. „Viele haben nie eine stabile, vertrauensvolle Beziehung erlebt und haben Gewalt und Missbrauch erfahren“, berichtete Brack. Fast die Hälfte der jugendlichen Drogenabhängigen sei in einem Heim aufgewachsen, bei 61 Prozent lägen Suchtprobleme in der Familie vor.
Niedrigschwellige Hilfe fehlt
Die Arbeit mit diesen Patienten ist schwierig – zu groß ist ihr Misstrauen. „Bereits in den Aufnahmegesprächen wird deutlich, dass bei den Jugendlichen eine sehr große Angst vorherrscht, was während des Aufenthaltes mit ihnen passieren könnte“, erläutert Brack. Während sich Erwachsene auch meist selbst zum Entzug anmelden, werden die Jugendlichen häufig von Angehörigen oder Betreuern des Jugendhilfesystems in die Klinik gebracht. Die Abbruchraten der Behandlung sind hoch. „Wir brauchen niedrigschwellige Übergangseinrichtungen für Minderjährige, in denen sie Unterstützung erhalten“, fordert der Hamburger Psychiater. Die meisten Jugendwohnungen seien mit der Betreuung überfordert. ER
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