ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Pharmakotherapie der Adipositas: Gezielte Inhibition von Lipasen

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Pharmakotherapie der Adipositas: Gezielte Inhibition von Lipasen

Wehr, Alexander

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LNSLNS Die Adipositas zählt zu den wichtigsten Stoffwechselerkrankungen überhaupt. Menschen, die unter einer malignen Adipositas leiden, haben ein zwölffach höheres Mortalitätsrisiko, verglichen mit gleichaltrigen (25 bis 35 Jahre) schlanken Menschen. Darüber hinaus deuten Forschungsergebnisse darauf hin, daß die Adipositas ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ II, von kardiovaskulären Erkrankungen, aber auch gewisser Malignome ist.
So ist bei übergewichtigen Frauen beispielsweise die Rate an Mammakarzinomen gegenüber schlanken Vergleichspersonen deutlich höher. Des weiteren belasten übergewichtige Patienten die Gesundheitsbudgets in nicht unerheblichem Ausmaß. Experten schätzen, daß bis zu zehn Prozent der direkten und indirekten Kosten eines Gesundheitssystems der Adipositas zuzuordnen sind. Die steigende Prävalenz der Adipositas – auch in den Entwicklungsländern – hat die Welt­gesund­heits­organi­sation dazu veranlaßt, auf dem "7. European Congress on Obesity" in Barcelona die "WHO International Task Force against Obesity" zu gründen.


Stellenwert der Nahrungsfette
Neben einer Umstellung der Lebensweise, sinnvollen Diäten und einer gesunden Ernährung wird zukünftig die Pharmakotherapie der Adipositas weiter an Bedeutung zunehmen. Wie Dr. A. Golay (Universitätsklinik Genf)
auf einem Symposium des Unternehmens Hoffmann-La Roche erklärte, bestehe eine direkte Beziehung zwischen der Menge an Nahrungsfett und dem Ausmaß der Adipositas. Zahlreiche Faktoren tragen dazu bei, daß eine fettreiche Ernährung – verglichen mit einer kohlenhydratreichen – zu einer deutlicheren Gewichtszunahme führt. Hierzu zählen neben der Sättigung auch die Schmackhaftigkeit und die hohe kalorische Dichte fettreicher Nahrungsmittel. Zudem scheint die Lipidoxidation bei Adipösen gestört zu sein und zur gesteigerten Fetteinlagerung beizutragen.
Eine der möglichen therapeutischen Ansätze ist deshalb, die Fettaufnahme im Gastrointestinaltrakt durch eine Hemmung der Pankreaslipase zu reduzieren. Nach Meinung von Prof. W. Philipp T. James (Rowett Research Institute, Aberdeen) kann eine derartige Pharmakotherapie zur Reduktion von Übergewicht neben der Diät- und Ernährungsberatung als eine der Säulen im Management der Erkrankung betrachtet werden. James: "Im Gegensatz zu Wirkstoffen, die zu einer Unterdrückung des Hungergefühls führen, kann durch die Lipaseinhibition eine bis zu 30prozentige Hemmung der Fettabsorption erzielt werden."
James berichtete über die Ergebnisse einer ersten doppelblinden Langzeitstudie, bei der Tetrahydrolipostatin (THL) gegen Plazebo überprüft wurde. In die Studie eingeschlossen wurden Patienten mit einem Body-MassIndex zwischen 30 und 43 und einem Durchschnittsgewicht von 98 Kilo. Insgesamt wurden je 114 Patienten der Plazebo- oder Verumgruppe zugeordnet, wovon 62 Patienten aus der Plazebo- und 72 aus der THL-Gruppe die Studie beendeten. Bei über 40 Prozent der mit THL behandelten Patienten kam es im Verlauf der Studie zu einem Gewichtsverlust von mehr als zehn Prozent, verglichen mit 17 Prozent der mit Plazebo therapierten.

Veränderte Faeces
Klinisch relevante Veränderungen der Konzentration fettlöslicher Vitamine wurden während der zwölfmonatigen Studie nicht beobachtet, wie James ausführte. Dem Wirkprinzip der Substanz zufolge steigt der Fettgehalt in den Faeces mit zunehmender Dosis an. Die Veränderung der Stuhlzusammensetzung wiederum führt zu einem vermehrten Auftreten weicher Stühle, zu einem Anstieg der Defäkationsfrequenz oder zu Flatulenz. Allerdings seien diese unerwünschten gastrointestinalen Wirkungen auf die ersten zwei bis drei Therapiemonate beschränkt und würden sich dann verlieren.
Nach Angaben von Dr. Roberto Guerciolini (Hoffmann-La Roche) erklärt sich der Wirkmechanismus der Substanz folgendermaßen: THL ist ein starker und selektiver Inhibitor der Magen- und Pankreaslipase. Mit anderen Verdauungsenzymen wie Amylase, Phospholipase, Trypsin oder Chymotrypsin bestehen hingegen keine Interaktionen. Wird die Substanz gleichzeitig mit einer fetthaltigen Mahlzeit eingenommen, kommt es zu einer partiellen Inhibition der Triglyzeridhydrolyse und damit zu einer Absorptionshemmung der Triglyzeride.
Konsekutiv führt dies zu einer dosisabhängigen Fettanreicherung im Stuhl von bis zu 25 g pro Tag. Physiologische gastroenterologische Prozesse wie die Magenentleerung oder -azidität, die Gallenblasenmotilität oder die Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit werden von THL nicht beeinflußt, so Guerciolini abschließend. Die Substanz soll in etwa zwei Jahren zur Verfügung stehen. Alexander Wehr

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