ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2001Kongressbericht: Radioonkologie

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Kongressbericht: Radioonkologie

Dtsch Arztebl 2001; 98(8): A-469 / B-377 / C-355

Sautter-Bihl, Marie-Luise

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LNSLNS Auf dem gemeinsamen Kongress der Deutschen und Österreichischen Gesellschaft für Radioonkologie und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Physik wurden im Oktober 2000 in München neben anderen Themen Erfolg versprechende Daten zur lokalen Tumorkontrolle mit Hadronen, Konzepte zur optimierten Bestrahlungsplanung und die Strahlentherapie benigner Erkrankungen vorgestellt.
Hadronen als Option der Zukunft
Bei herkömmlichen Strahlenarten lässt sich auch bei sorgfältiger dreidimensionaler Therapieplanung eine Mitbestrahlung gesunden Gewebes nicht ganz vermeiden. Mit Hadronen, also geladenen Teilchen, wie Schwerionen oder Protonen, kann aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften ein steiler Dosisabfall realisiert werden. Hadronen können ohne (zytotoxische) Abgabe von Energie eine längere Strecke durch das Gewebe zurücklegen und dann die Energie gebündelt auf engem Raum abgeben (Abbildung). Sinnvoll ist der Einsatz von Hadronen vor allem bei kleinen Zielgebieten wie Tumoren des Auges oder der Schädelbasis beziehungsweise in der Nähe des Rückenmarks. Bislang wurden weltweit an circa 20 Institutionen etwa 30 000 Patienten mit diesen Verfahren behandelt.
In einer prospektiven Studie der Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI), Darmstadt, in Zusammenarbeit mit der Universität Heidelberg wurden bislang 32 Patienten mit Chordomen oder niedrig malignen Chondrosarkomen der Schädelbasis mit Kohlenstoffionen bestrahlt. Bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 8,5 Monaten wurde bei allen Patienten mit Chondrosarkom und bei 14 von 15 Patienten mit Chordom eine lokale Tumorkontrolle erzielt, erläuterte A. Schulz-Ertner, Heidelberg.
Eine Protonen- oder eine kombinierte Protonen- und Photonentherapie wurde bei 29 Kindern mit Schädelbasistumoren unterschiedlicher Histologie durchgeführt. Bei den bösartigen Tumoren wurde eine lokale Kontrolle bei 60 Prozent der Chordome, bei 100 Prozent der Chondrosarkome und Rhabdomyosarkome und in 66 Prozent bei anderen Sarkomen erzielt. Die Fünf-Jahres-Überlebensraten lagen zwischen 69 und 72 Prozent. Alle sechs Patienten mit gutartiger Histologie überlebten bislang, nur bei einem Kind trat ein Lokalrezidiv auf. Die Nebenwirkungen hielten sich in akzeptablen Grenzen, so E. Hug, Darthmouth, USA.
Strahlentherapie nach radikaler Prostatektomie
Bislang gibt es keine Richtlinien zur Behandlung von Patienten, bei denen nach einer radikalen Prostatektomie positive Schnittränder (R1-Resektion) nachgewiesen werden. Die adjuvante Strahlentherapie stellt hier eine Option dar, die kurative Chance zu wahren. F. Witt, Münster, berichtete über 32 Patienten, bei denen eine postoperative Radiatio nach R1-Resektion durchgeführt worden war. Bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 49,5 Monaten war bei fünf Patienten das prostataspezifische Antigen (PSA) als Zeichen eines Rezidivs erneut gestiegen, ein Patient war an Metastasen und ein weiterer an nicht durch Tumoren bedingter Ursache verstorben. Nach fünf Jahren ergab sich ein rezidivfreies Überleben von 72 Prozent. Bei keinem Patienten wurden relevante Nebenwirkungen (größer als Grad 2) beobachtet.
Auch bei Patienten die nach einer radikalen Prostatektomie wieder eine Erhöhung ihres prostataspezifischen Antigens (PSA) aufweisen und bei denen, falls keine Fernmetastasen nachweisbar sind, ein Lokalrezidiv überwiegend wahrscheinlich ist, gibt es keine standardisierten Behandlungsempfehlungen. Bei 83 Patienten mit PSA-Progression (ohne histologische Sicherung) wurde eine Strahlentherapie der Prostataloge (66 Gy) durchgeführt. Bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von zwölf Monaten zeigten 56 von 83 Patienten (67 Prozent) einen PSA-Abfall auf Werte unter 0,5 ng/ml. Bei 29 von 51 Patienten (57 Prozent), die den Nadir erreichten, fiel das PSA in den Nullbereich. Ein erneutes Rezidiv trat bei vier dieser Patienten auf. Relevante Therapiekomplikationen traten nicht auf. Hieraus folgert T. Wiegel, Berlin, dass bei circa 60 Prozent der Rezidivpatienten durch eine Strahlentherapie eine kurative Chance eröffnet wird.
„Functional imaging“ optimiert Bestrahlungsplanung
Als technische Neuentwicklung stellte T. Beyer, Knoxville, einen Dual-Modalitiy-Scanner vor, der in einer Schicht (bei entsprechend identischer Patientenlage) sowohl ein Positronen-Emission-Tomographie-Bild als auch eine CT-Aufnahme verfügbar macht. Probleme der Bildüberlagerung (Fusion), die bei Untersuchung des Patienten an verschiedenen Geräten mit möglichen Lagevariationen unvermeidbar sind, werden damit umgangen. Ein solches System war an 150 Patienten erfolgreich zum Staging und zur Therapiekontrolle bei unterschiedlichen Tumorerkrankungen eingesetzt worden. Neben der morphologischen Tumordarstellung durch die CT stehen so auch Informationen über die metabolische Aktivität und damit über die Vitalität des Tumors in der interessierenden Region zur Verfügung. Für die Zukunft können solche Bilder zur exakteren Definition des Zielvolumens und damit zur Verbesserung der Bestrahlungsplanung dienen.
Ein neuer PET-Tracer steht für die Darstellung von Meningeomen vor stereotaktischer Bestrahlung zur Verfügung, referierte P. Hipp, Heidelberg. Die Abgrenzung von Meningeomen kann in der Kernspin-Tomographie (MRT) bei duraler Beteiligung oder in enger Nachbarschaft zum Sinus cavernosus gelegentlich Schwierigkeiten bereiten. Meningeome tragen an ihrer Zelloberfläche Somatostatinrezeptoren, die mit einem PET-fähigen Tracer (68-Ga-DOTATOC) zur bildlichen Darstellung des Tumors genutzt werden können. In einer Pilotstudie wurden drei Patienten mit sechs Meningeomen vor stereotaktischer Strahlentherapie mit dem neuen Verfahren untersucht. Bei drei Herden zeigte sich im PET eine zur MRT differente Tumorausdehnung. Derartige Zusatzinformationen können nach Korrelation mit den entsprechenden MR-Bildern die Bestrahlungsplanung optimieren.
Strahlentherapie benigner Erkrankungen
Als akzeptierte Indikationen zur Strahlentherapie benigner Erkrankungen gelten unter anderem:
- chronisch entzündliche Prozesse und degenerative Skeletterkrankungen (zum Beispiel Periarthritis humeroscapularis, Gonarthrose),
- hypertroph-hyperplastische Veränderungen, hier vor allem die Prävention von heterotopen Ossifikationen (zum Beispiel nach Totalendoprothese) und die Prophylaxe einer Restenose nach Angioplastie (zum Beispiel In-Stent-Restenose bei koronarer Herzerkrankung),
- endokrine Orbitopathie und (feuchte) altersbedingte Makuladegeneration.
Als Beitrag zur Qualitätssicherung wurden Richtlinien zur Aufklärung, Durchführung und Dokumentation der Bestrahlung sowie Empfehlungen zur Nachsorge und wissenschaftlichen Auswertung erstellt. Diese Bemühungen finden auf Initiative der Arbeitsgruppe „gutartige Erkrankungen“ auch auf internationaler Ebene statt, erklärten O. Micke, Münster und H. Seegenschmiedt, Essen.
M. Blach, Hannover, erläuterte einen Ansatz zur Behandlung therapieresistenter Organabstoßung nach Transplantation, bei dem eine komplette lymphatische Bestrahlung erfolgt. Bei acht Patienten wurden nach Herz-, Lungen- oder kombinierter Transplantation nach akuter (n = 3) oder chronischer (n = 5) Abstoßungsreaktion, bei der die immunsuppressive Therapie versagt hatte, alle Lymphknotenstationen bestrahlt. Bei keinem der behandelten Patienten kam es zu einer erneuten Abstoßungsreaktion. In allen Fällen trat als Behandlungsfolge eine Leuko- und Thrombopenie auf, die einmal zu einer Sepsis führte; sonst wurde die Strahlentherapie problemlos toleriert.
Neue Substanz zur Strahlensensibilisierung
In der radioonkologischen Forschung wird kontinuierlich nach Substanzen gesucht, die eine Strahlenwirkung an Tumorzellen verstärken, ohne vermehrte Nebenwirkungen an Normalgeweben hervorzurufen. Einen interessanten experimentellen Ansatz erläuterte L. Plasswilm, Tübingen: In vitro wurden humane Tumorzelllinien eines Mammakarzinoms, eines Glioblastoms, eines Pankreaskarzinoms und eines kolorektalen Tumors mit unterschiedlichen Konzentrationen des neu entwickelten Zytostatikums Ukrain behandelt.
Parallel wurden drei verschiedene Zelllinien von Fibroblasten mit der Substanz inkubiert. Die Strahlentherapie erfolgte jeweils mit Dosen von 1 bis 10 Gy. Im Gegensatz zur alleinigen Strahlentherapie zeigten kombiniert behandelte Tumorzellen eine bis zu 100-fache Reduktion des klonogenen Überlebens im Vergleich zu den Fibroblasten-Zelllinien, bei denen im Gegensatz dazu ein protektiver Effekt nachweisbar war. Sollte sich dieser Kombinationseffekt aus Radiosensibilisierung am Tumor und Schutz von Normalgewebszellen in vivo reproduzieren lassen, stünde hier eine überaus interessante Therapieoption zur Verfügung.
Zufriedenheit der Mitarbeiter einer Palliativstation
Die Betreuung von Schwerstkranken stellt für das Personal eine besondere Belastung dar. Um diesen Aspekt näher zu beleuchten, wurden vom Team der Universitäts-Strahlentherapie in Kiel Eindrücke hinsichtlich einer seit kurzem bestehenden Palliativstation vorgestellt. Festgestellt wurde hierbei, dass bei ausgeglichener Arbeitsbelastung, das heißt einer dem erhöhten Zuwendungsbedarf der Patienten entsprechenden personellen Besetzung, eine hohe Arbeitszufriedenheit herrscht.
Bei Personalausfällen führt die erhöhte psychische und physische Belastung allerdings rasch zu Überforderung. A. Goeppert, Kiel, stellt fest, dass unter den Voraussetzungen der Freiwilligkeit des Einsatzes einer fachkundigen Supervision und einer entsprechenden organisatorischen Entlastung die Einrichtung einer Palliativstation nicht nur von Patienten, sondern auch vom Personal als eindeutig positiv bewertet wird.
Bestrahlung von Melanomen sinnvoll
Melanome gelten als wenig strahlensensibel. Um die Effektivität einer Strahlentherapie bei diesem Tumor zu demonstrieren, stellte A. Feussner, Berlin, eine Studie mit 99 Patienten zur palliativen Bestrahlung von Melanommetastasen vor. Dabei zeigte sich bei 16 Prozent eine Vollremission über fünf Jahre.
Bei neun Patienten mit palpablem Tumor war dieser bei Therapieabschluss klinisch nicht mehr nachweisbar, 41 Prozent sprachen auf die Bestrahlung mit einer Größenregredienz des Tumors oder einer Abnahme ihrer Beschwerdesymptomatik an. Bei zehn Prozent trat keine Befundänderung
ein, nur vier Prozent wiesen eine Progression unter der Behandlung auf.
Die vorgestellten Ergebnisse zeigen, dass Melanome durchaus strahlenempfindlich sind und die Radiatio im Rahmen der Palliativbehandlung beim Melanom eine sinnvolle Therapieoption darstellt.

Priv.-Doz. Dr. med. Marie-Luise Sautter-Bihl
Klinik für Strahlentherapie
Städtisches Klinikum Karlsruhe
Moltkestraße 90
76133 Karlsruhe
E-Mail: strahlentherapie@klinikum-karlsruhe.de


Dosisverteilung von Photonen (links) und Kohlenstoffionen (rechts) im Vergleich (mit freundlicher Genehmigung von Priv.-Doz. Dr. J. Debus, Heidelberg).

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