ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2001Schilddrüsenerkrankungen : Von den Folgen der politischen Wende

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Schilddrüsenerkrankungen : Von den Folgen der politischen Wende

Dtsch Arztebl 2001; 98(8): A-480 / B-385 / C-363

Herberhold, Cornelia

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Deutschland gilt als eines der letzten „Kropfländer“ Europas. Während die jetzigen Heranwachsenden wahrscheinlich von der besseren Versorgung mit Jod profitieren werden, müssen die heute 30-Jährigen die Folgen des Jodmangels auch in Zukunft tragen. „Bei den über 30-Jährigen nimmt die Zahl der Schilddrüsenknoten zu. Im Senium findet man dann riesige Knotenkröpfe und hat erhebliche Probleme mit Autonomien“, sagte Prof. Christoph Reiners (Universität Würzburg) bei einem von der Firma Henning gesponserten Symposium in Berlin.
Schilddrüsenkrankheiten verlaufen unspektakulär: Sie werden oft vom Patienten, aber auch vom Arzt nicht erkannt oder bagatellisiert. Doch der Kropf wächst bis ins hohe Alter weiter. Je länger die Schilddrüsenkrankheit besteht, desto aufwendiger ist die Diagnostik und Therapie. Aktuelle Zahlen gehen von 100 000 Operationen jährlich und 60 000 Radiojodbehandlungen aus. Deshalb, so Reiners, sollten sich Erwachsene prophylaktisch untersuchen lassen, um die Folgekosten so niedrig wie möglich zu halten.
Nach der „Wende“ war in den neuen Bundesländern die Jodversorgung zunächst drastisch gesunken. In der DDR hatte es seit 1983 eine allgemeine Strumaprophylaxe gegeben. Mit der Wiedervereinigung gingen die gesetzlichen Grundlagen hierfür verloren, und die Jodversorgung sank auf die Ausgangswerte wie vor Beginn der Prophylaxe. Die Bevölkerung sei damals auf das „Freiwilligkeitsprinzip“ nicht vorbereitet gewesen, sagte Prof. Wieland Meng (Universität Greifswald). Inzwischen hat sich die Lage wieder entspannt. Bei den Sieben- bis Zehnjährigen konnten in diesem Jahr in Mecklenburg-Vorpommern fast normale Schilddrüsenvolumina festgestellt werden, während 1991/92 etwa die Hälfte der Schüler eine vergrößerte Schilddrüse hatte.
Auch in Berlin haben sich die Werte bei Jugendlichen nahezu normalisiert. Wer jetzt bei Jugendlichen eine vergrößerte Schilddrüse feststellt, muss nach Auffassung von Dr. Annette Grüters (Humboldt-Universität Berlin) umdenken: „Wir sind in der prekären Situation, dass viele Kollegen von der veralteten Annahme einer Jodidmangelstruma beim Jugendlichen ausgehen und reflexartig Jodid verordnen.“
Mängel sieht Grüters auch beim Hypothyreosescreening von Neugeborenen. Obwohl das Hypothyreosescreening in Deutschland seit Anfang der 80er-Jahre gesetzlich geregelt ist, werden nur 60 bis 70 Prozent der Kinder erfasst. In Berlin erfolgen Labordiagnostik und Behandlung koordiniert. In anderen Bundesländern sei die Lage unklar. Hier ende der Informationsfluss im Labor: Man wisse nicht, wann und wie die Kinder behandelt werden.
Wichtig, um eine „normale“ Intelligenz zu erhalten, sei aber der frühe Behandlungsbeginn mindestens in der zweiten bis dritten Lebenswoche. Mütter, die das Krankenhaus sofort nach der Geburt verlassen, sollten unbedingt noch im Kreißsaal über das Neugeborenen-Screening aufgeklärt werden, so Grüters.
Dr. med. Cornelia Herberhold
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema