ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2001Europa: Sozialstaat akzeptiert

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Europa: Sozialstaat akzeptiert

Dtsch Arztebl 2001; 98(9): A-493 / B-397 / C-375

Clade, Harald

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LNSLNS Für viele Europäer sind der Sozialstaat und ein gesetzlich abgesichertes Sozialleistungssystem unverzichtbar und eine große soziale Errungenschaft. Eine Umkrempelung des Sozialleistungssystems und eine private (Pflicht-)Absicherung gegen die Wechselfälle des Lebens – Alters-, Krankheits-, Unfall- und Arbeitslosigkeitsrisiko – will in Europa niemand, allenfalls geringfügige Retuschen und eine Kombination von gesetzlichem und privatem (ergänzendem) Versorgungssystem.
Dies ist jedenfalls die Quintessenz einer Studie in Frankreich, Deutschland, Italien und in Spanien, durchgeführt im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge GmbH, Köln/Frankfurt am Main, (zusammen mit anderen Institutionen) zum Thema „Die Reformbereitschaft der Bürger“.
Allerdings ist den Europäern bewusst, dass die ständig steigenden Beiträge und Abgaben auf die Nettoeinkommen drücken und die Lohnnebenkosten erhöhen. In den vier Ländern ist der Anteil der Staatsausgaben, die der Sozialstaat beansprucht, bereits auf die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts gewachsen, mit Ausnahme Spaniens, wo die Sozialquote 42 Prozent beträgt.
Trotz der wachsenden Sozialabgabenlast, der damit einhergehenden Schattenwirtschaft und der Verlagerung von Produktionsaufträgen in Billigländer möchte kaum ein Europäer den Sozialstaat abbauen – selbst wenn dies mit geringeren Steuern und Abgaben verbunden wäre. Große Teile der Bevölkerung sind mit dem derzeitigen Zustand weitgehend zufrieden. Allerdings ist – außer in Spanien – mehr als die Hälfte der Befragten dafür, den Sozialstaat in die Schranken zu weisen, anstatt ihn noch weiter aufzublähen. Im Urteil über die Rentenversicherung sind sich die Arbeitnehmer weitgehend einig: Skepsis über die Solidität und Berechenbarkeit der gesetzlichen Rentenversicherung sind weit verbreitet. Mehr als 80 Prozent der Deutschen und der Franzosen und 72 Prozent der Italiener glauben, dass die Renten nicht langfristig gesichert sind. Die Befragten würden aus dem staatlichen System aussteigen, wenn die private Vorsorge gesetzlich begünstigt wäre. Welche Komponenten in die häufig veränderte Rentenformel eingehen und wie die umlagefinanzierten Altersrenten berechnet werden, darüber weiß kaum jemand Bescheid. Es gibt also noch viel Aufklärungsarbeit im Zuge der Rentenreform 2001. Dr. rer. pol. Harald Clade
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