ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2001Großunternehmen: Versorgung vor Ort

POLITIK

Großunternehmen: Versorgung vor Ort

Dtsch Arztebl 2001; 98(9): A-514 / B-416 / C-393

Gerst, Thomas

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LNSLNS Dem Interesse an einer arbeitsplatznahen ärztlichen Versorgung
will die KV Nord-Württemberg Rechnung tragen.


Ein Rundschreiben der Firma DaimlerChrysler im Werk Sindelfingen
(32 000 Mitarbeiter) bei Stuttgart im September 2000 sorgte bei Apothekern und niedergelassenen Ärzten in der Region für Ärger. Darin empfahl die Firma ihren Mitarbeitern, sich bei einem grippalen Infekt an den Betriebsarzt zur Untersuchung zu wenden. Als Vorzüge dieses Verfahrens wurden den Firmenangehörigen genannt: unmittelbare und schnelle ärztliche Versorgung vor Ort im Werk; möglicherweise milderer Verlauf des Infekts infolge des frühen Behandlungsbeginns; Geldersparnis durch kostenfreie Abgabe handelsüblicher Medikamente (Originalpackung). Zudem sollte der Mitarbeiter auf entsprechende Empfehlung des Betriebsarztes bis zu maximal drei Tagen der Arbeit fernbleiben können. Diese Regelung habe bereits seit einem Jahr bei den Mitarbeitern einer Abteilung breite Zustimmung gefunden.
Rechtliche Bedenken
Das Rundschreiben von DaimlerChrysler warf gleich in zweierlei Hinsicht rechtliche Bedenken auf: Zum einen ist gemäß Arzneimittelgesetz Abgabe und Verkauf von verschreibungs- und apothekenpflichtigen Arzneimitteln den Apothekern vorbehalten. Deshalb schaltete der Landesapothekerverband Baden-Württemberg die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs ein; diese erreichte eine Unterlassungserklärung des Autokonzerns, worin dieser sich verpflichtete, künftig kein Informationsschreiben der beschriebenen Art unter den Mitarbeitern zu verbreiten.
Andererseits entspricht die ambulante medizinische Versorgung der Firmenangehörigen, außer in „Erste Hilfe“-Fällen, nicht den Vorgaben des Arbeitssicherheitsgesetzes, wo in § 3 die Aufgaben und Pflichten eines Betriebsarztes genannt werden.
Verständnis für Firmenbelange
Das Vorgehen von DaimlerChrysler habe bei den Allgemeinarztpraxen in der Umgebung des Autowerks zu einem merklichen Rückgang der Fallzahlen geführt, berichtet Dr. med Norbert Metke, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nord-Württemberg. Er geht davon aus, dass mit dem Rundschreiben eine Tendenz – nämlich die hin zu betriebsinterner Versorgung von Niedrigrisikopatienten – offenkundig geworden sei, die auch bei anderen Großkonzernen in der Region immer deutlicher wird. Dies könne in dieser Form nicht hingenommen werden, da in der Folge den Praxen der niedergelassenen Ärzte bei gedeckelten Budgets hauptsächlich die Patienten mit schweren Erkrankungen verblieben.
Allerdings zeigt der Vorstand der KV Nord-Württemberg Verständnis für das Interesse von größeren Betrieben an einer arbeitsplatznahen medizinischen Versorgung der Betriebsangehörigen. Es seien Gespräche vereinbart, bei denen man zu einer einvernehmlichen Lösung gelangen möchte, teilte Metke mit. Die vom KV-Vorstand angestrebte Regelung sehe vor, das in Nord-Württemberg seit mehr als vier Jahren an den stationär-ambulanten Schnittstellen erfolgreich bestehende System der Notfallpraxen – alternierend besetzt durch niedergelassene Ärzte – auszuweiten und den Großunternehmen als neue Versorgungsform während der Betriebszeiten vor Ort anzubieten. Thomas Gerst
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