ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2001Pharmazeutische Betreuung: Kompetente Berater für kompetente Patienten

THEMEN DER ZEIT

Pharmazeutische Betreuung: Kompetente Berater für kompetente Patienten

Dtsch Arztebl 2001; 98(9): A-520 / B-419 / C-396

Nagel, Gerd A.

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LNSLNS Eine neue Patientengeneration verlangt nach neuen Formen der Kooperation von Ärzten, Apothekern und Patienten.


Der Begriff „kompetenter Patient“ geht über den des „mündigen Patienten“ hinaus. Letzterer will informiert werden, um medizinisches Handeln verstehen, mitentscheiden oder besser hinter dem Therapieplan stehen zu können. Der kompetente Patient geht einen Schritt weiter: Er will medizinisches Handeln durch aktives Mitwirken in eigener Sache ergänzen.
Für Patienten mit Krebs sind die Motive zur Entwicklung eigener Handlungskompetenz bekannt. Was sich hinter den Aussagen von Patienten zur Selbsthilfe verbirgt, ist die Vorstellung, das medizinische, vorwiegend auf die Therapie der Krebserkranung ausgerichtete Maßnahmen ergänzt werden müssen durch Maßnahmen zur Stärkung der Selbstheilung. Zur dauerhaften Überwindung von Krebs genüge das medizinische, pathotrope Handeln nicht. Dazu bedürfe es komplementär eines salutotropen Handlungsmodells.
Wie auch immer man als Arzt zu diesem Salutogenesemodell steht, man kann dem Patienten nicht das Recht absprechen, im Rahmen eigener Vorstellungen zur Krankheitsentstehung und -bewältigung komplementär zu handeln. Vielmehr gibt es inzwischen genügend Hinweise, dass Patienten, die ihre Angelegenheiten kompetent in die eigenen Hände nehmen, günstigere Krankheitsverläufe aufweisen als passive Kranke. Selbsthilfeaktivitäten sollten daher gefördert werden.
Um Selbsthilfekonzepte zu entwickeln, sie sinnvoll auf die medizinische Therapie abzustimmen und aus den unüberschaubaren medizinischen und paramedizinischen Angeboten auszuwählen, sind Patienten jedoch auf kompetente Berater angewiesen. Die wachsende Flut an Informationen und Angeboten vor allem im Bereich der Komplementärmedizin verunsichert die Patienten zunehmend – ein Zustand, der nur durch individuelle Beratung kompensiert werden kann.
Beratungsbedarf sehen die Patienten vor allem bei Neuentwicklungen der medizinischen Forschung, unkonventionellen Arzneimitteln, bei Mitteln und Methoden zur Stärkung der Abwehrkräfte sowie in Fragen der Ernährung, Psychosomatik und Rehabilitation. Darüber hinaus benötigen sie allgemeine Hilfestellungen wie die Vermittlung von Adressen von Selbsthilfegruppen, Auskunfts- und Kontaktstellen oder von seriöser Literatur.
Ärztliche Beratung wird zunehmend kritisiert
Zweifellos wird Beratungskompetenz in erster Linie von den Gesundheitsberufen erwartet, also von Ärzten, Apothekern, Psychologen, Ökotrophologen, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern oder besonders geschultem Pflegepersonal. Aber auch Betroffene, besonders diejenigen, die sich in fachlich betreuten Selbsthilfegruppen organisieren, entwickeln oft besondere Fachkompetenz, die nicht selten über die von Ärzten hinausgeht.
Alarmierend ist, dass Patienten, die Orientierung und Rat suchen, immer häufiger Beratungskompetenz und -bereitschaft vor allem der Ärzte kritisieren. Das Selbstverständnis des Schulmediziners, vor allem für die Krankheit im Menschen und weniger für den Menschen in der Krankheit zuständig zu sein, lässt ihn als Berater ungeeignet erscheinen. Das System der ärztlichen Ausbildung, das noch aus dem letzten Jahrhundert stammt, ist auf den Erwerb von Fachkompetenz und nicht den von Sozialkompetenz ausgerichtet. Letztere ist jedoch bei der Beratung kompetenter Patienten unabdingbar. Angesichts des steigenden Beratungsbedarfs kompetenter Patienten ist ein Defizit an Beratungsangeboten entstanden, in das nun Berufsgruppen und Organisationen hineindrängen, die für solche Beratungsleistungen nicht qualifiziert sind.
Von ihrer Qualifikation her sind Ärzte und Apotheker die berufenen Patientenberater. Die ärztliche Zuständigkeit betrifft eher die Bereiche Krankheit, Diagnostik und Therapie, während die Apotheker eher mit Fragen vertraut sind, die die pharmazeutische Betreuung, die Gesundheitsorientierung, Salutogenese oder Eigeninitiative, Lebensstil und Wellness betreffen.
Wie Daten aus der Beratungsambulanz, vor allem aber Erfahrungen mit der Second opinion belegen, sind Ärzte nur in Ausnahmefällen bereit und in der Lage, Patienten zu Fragen, die über das Krankheitsmanagement hinausgehen, kompetent zu beraten. Es bedarf eines profunden Spezialwissens um kompetente Patienten zum Beispiel über seriöse Phytotherapie zu beraten. Zudem lohnt es sich für die meisten Ärzte nicht, die Zeit für solche Gespräche aufzubringen.
Dennoch haben Ärzte nach Wegen gesucht, ihre Patienten ganzheitlicher zu betreuen. Sie haben sich beispielsweise mit Apothekern zu „Betreuungsallianzen“ zusammengeschlossen und koordinieren, wer was wie mit ratsuchenden Patienten bespricht. Allerdings sind Allianzen von Ärzten und Apothekern zur umfassenden Patientenbetreuung noch nicht an der Tagesordnung. Das Verhältnis der Berufsgruppen ist derart von Vorurteilen belastet, dass allein die Idee einer engeren Kooperation nicht emotionsfrei diskutiert werden kann. Die Vertreter der Berufsorganisationen der Ärzte und Apotheker sind hier aufgerufen, im Interesse der Patienten das gegenseitige Verständnis zu fördern. In diesem Sinne soll auch das nächste Seminar zur Kompetenzschulung auf dem Gebiet der Beratung von Krebs-Patienten gemeinsam für Ärzte und Apotheker veranstaltet werden. Prof. Dr. Gerd A. Nagel
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