ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2001Weimar: Die Stadt im Park

VARIA: Feuilleton

Weimar: Die Stadt im Park

Dtsch Arztebl 2001; 98(9): A-549 / B-463 / C-438

Dressler, Günther

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LNSLNS Die thüringische Stadt ist nicht nur Hort der Klassik, sondern auch
Zentrum der klassischen Moderne.

Weimar ist eigentlich ein Park, in welchem eine Stadt liegt.“ Adolf Stahr, von dem dieser Satz aus dem Jahr 1851 überliefert ist, hätte mit seiner Umkehrung auch heute noch Recht. Vom Stadtschloss oder vom Haus der Frau von Stein sind es nur wenige Schritte bis ins lichte Grün einer ausgedehnten Parklandschaft. Der Park an der Ilm, nach 1778 unter Goethes Mitwirkung angelegt, ist 60 Hektar groß – Natur und Architektur „als eine Folge von ästhetischen Bildern“. Berghang und Flussniederung, Baumgruppen und weite Rasenflächen in wohltuendem Wechsel, die Ilm in ihrem natürlich gewundenen Bett, Sphinxgrotte, Goethes Gartenhaus, Römisches Haus, Dessauer Stein, Tempelherrenhaus, Shakespeare-Denkmal, Borkenhäuschen, Schlangenstein, Felsentor – ein Gesamtkunstwerk.
Den Marktbrunnen ziert eine Neptunsfigur. Die Gebäude ringsum repräsentieren Geschichte: das Hotel „Elephant“, in Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ literarisch verewigt; das Cranach-Haus, in dem Lucas Cranach d. Ä. 1552/53 sein letztes Lebensjahr verbrachte; das Stadthaus im Stil der Frührenaissance; das neugotische Rathaus, in seinem gestuften Turm ein Glockenspiel aus Meißner Porzellan.
Nur wenige Schritte zum Platz der Demokratie. An seiner Südseite das Fürstenhaus, heute Hochschule für Musik „Franz Liszt“. Westlich das Grüne Schloss mit der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. Ein bauliches Juwel ist der Rokokosaal von 1761. Rund neunhunderttausend Bände sind in diesem Haus aufbewahrt. Das Schlossmuseum stellt die „Kunstsammlungen zu Weimar“ aus, darunter zahlreiche Cranach-Gemälde und Dürer-Zeichnungen.
Ein „höchstgebildeter Kreis“ von Literaten und Künstlern
Gegenüber dem Eingang zum Park an der Ilm steht, in warmem Altrosa, das Haus der Frau von Stein. Charlotte von Stein verband eine langjährige enge Freundschaft mit Goethe. Der Dichter wohnte am Frauenplan, Weimars meistbesuchter Adresse. Goethe bewohnte das Haus von 1782 bis 1832, als er hier starb. Im Goethe-Nationalmuseum wird der gesamte Nachlass des Dichters, ausgenommen die Handschriften, verwahrt – alles in allem rund 50 000 Objekte.
Die Amalienstraße führt zum Historischen Friedhof. Linden säumen die Allee hinauf zur 1824/25 errichteten Fürstengruft. Dort stehen die Eichensärge Goethes und Schillers – in Nachbarschaft der Sarkophage von 41 Mitgliedern des Weimarer Herzoghauses. Eine Stadtführerin berichtet: „Seit der Wende kommen nicht mehr so viele Gäste aus den Ostländern, dafür aber Westdeutsche, Franzosen, Amerikaner und Japaner. Die Japaner sind am besten vorbereitet, sie sind sehr interessiert an Goethe, auch an Luther, Bach und Beethoven. Ich staune oft, was diese Leute schon alles wissen.“
Das Schillerhaus gehörte der Familie von 1802 bis 1826. Friedrich Schiller verfasste dort seine letzten großen Dramen: den „Tell“ und die „Braut von Messina“. Das barocke Bürgerhaus ist 224 Jahre alt und dient heute als Schiller-Gedenkstätte. Der neue Anbau mit Elementen des Weimarer Bauhaus-Stils beherbergt das Schiller-Museum.
Wohin man auch kommt in dieser Stadt: Man trifft auf Spuren ihrer Geistes- und Kunst-Koryphäen. Wieland, Herder, Goethe, Schiller – die vier „Weimarer Riesen“. Johann Sebastian Bach, Franz Liszt, Richard Strauss, Lucas Cranach, Max Liebermann, Walter Gropius, Lyonel Feininger, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Gerhard Marcks, Oskar Schlemmer, Henry van de Velde, Georg Muche – es muss schon etwas dran sein am Genius loci, am Geist Weimars, der so viel schöpferische Kraft hier zusammenführte. Weimar ist eben nicht nur Hort der Klassik, sondern auch Hort der klassischen Moderne. Von 1919 bis 1925 arbeitete dort das von Walter Gropius gegründete Staatliche Bauhaus. Die vom Staatlichen Bauhaus ausgehenden Impulse wirken bis heute; seine Tradition lebt fort in der heutigen Bauhaus-Universität. Der Van-de-Velde-Bau gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Im Deutschen Nationaltheater tagte 1919 die verfassungsgebende Weimarer Nationalversammlung. Vor dem Barockbau das „Wahrzeichen“ der Stadt, das Doppelstandbild Goethes und Schillers. Dem Theater gegenüber befindet sich das Wittumspalais, in dem die Herzogin Anna Amalia zu ihren Tafelrunden einen „höchstgebildeten Kreis“ von Literaten und Künstlern versammelte, wo – so Goethe – „jeder auf seine Weise sich und andere unterhielt“. Der Ostflügel des Gebäudes beherbergt das Wieland-Museum. Günther Dressler

Goethes Wohnhaus am Frauenplan


Auskünfte: Tourist-Information Weimar: Markt 10, 99421 Weimar, Telefon: 0 36 43/2 40 00, Fax: 24 00 40, E-Mail: tourist-info@weimar.de, Internet: www. weimar.de. Besucher-Information der Stiftung Weimarer Klassik: Frauentorstraße 4, 99423 Weimar, Telefon: 0 36 43/54 51 02, Fax: 41 98 16, E-Mail: info@weimar-klassik.de
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