ArchivDeutsches Ärzteblatt36/1996Medizinhistorischer Rundgang: „Bader, Ärzte, Hospitäler“

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Medizinhistorischer Rundgang: „Bader, Ärzte, Hospitäler“

Wilp, Rita

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LNSLNS Normalerweise erfahren Touristen bei einer Stadtführung, welche Plätze besonders geschichtsträchtig sind oder welche berühmten Söhne und Töchter die Stadt hervorgebracht hat. Ganz anders lief ein solcher Rundgang jetzt in Göttingen ab. Bei der ersten medizinhistorischen Stadtführung zeigte Stadtführerin Christel Roesky Touristen und einheimischen Interessierten die zahlreichen Stätten ärztlichen Wirkens vom Mittelalter bis in die jetzige Zeit.


Ein Stück Wiese und eine Kuh
Bei der ungewöhnlichen Stadtführung, die unter dem Motto "Bader, Ärzte, Hospitäler" stattfand, ist zum Beispiel zu erfahren, warum im Mittelalter in den Göttinger Badehäusern noch blutige Operationen stattfanden oder warum Professoren für ihre Lehrtätigkeit in Göttingen ein Stück Wiese und eine Kuh bekommen sollten. Gleich nach der Gründung der Universität im Jahr 1733 versuchten die Stadtväter, möglichst gute Lehrkräfte zu verpflichten. Um die Professoren nach Göttingen zu locken, versprachen sie ein hohes Gehalt, und als besonderes Schmankerl boten sie den Wissenschaftlern manchmal sogar ein Stück Wiese und die dazugehörige Kuh an.
Auch ohne diese verlockenden Angebote kam 1736 Professor Albrecht von Haller aus dem schweizerischen Bern nach Göttingen, wo er Anatomie, Botanik und Chirurgie lehrte. Das ärztliche Treiben habe damals noch keinen guten Ruf gehabt, sagt Christel Roesky. "Unartige Kinder trieb man ins Bett mit den Worten: Ins Bette oder ich hol den Professor von Haller, der schnaadet Dich den Bauch auf." Von Haller hatte es sich zum Ziel gesetzt, dieses Mißtrauen der Menschen in die Medizin abzubauen. Er ließ ein anatomisches Theater errichten und legte einen botanischen Garten an, der damals noch Medizingarten hieß. Hier zupfte er sogar selbst Unkraut, verteilte Mist auf die Beete und grub die Erde um. Der Mediziner gehörte zu den bedeutendsten Lehrern der noch jungen Universität und gab medizinische Lehrbücher heraus. Außerdem gründete er die Akademie der Wissenschaften und setzte sich für die Schaffung eines Gebärhospitals, des sogenannten Accouchierhauses, ein.
Im Accouchierhaus, der Entbindungsanstalt und ersten Frauenklinik in Göttingen, brachten vor allem alleinstehende und arme Frauen gegen Entgelt ihre Kinder zur Welt. Der Direktor der Klinik, Professor Friedrich Benjamin Osiander, unterrichtete dort seine Studenten von 1792 bis 1822 in der Kunst der Geburtshilfe und bildete auch Deutschlands erste Frauenärztin aus, Charlotte Heiland. Der Mediziner setzte zu Studienzwecken vor allem die berühmt gewordene "Osiander-Zange" ein, um Kinder vor den Augen der Studenten auf die Welt zu bringen. Heute tönt aus dem Accouchierhaus kein Babygeschrei mehr. Vielmehr lagern dort rund 1 200 Musikinstrumente des musikwissenschaftlichen Seminars der Göttinger Universität.
Zu den Höhepunkten der medizinischen Geschichte in Göttingen gehörten die Badehäuser. Im Mittelalter führten die Bader in diesen Häusern und auch auf Jahrmärkten blutige Operationen, Aderlässe, Zahnextraktionen und Amputationen durch. Ärzten war dieses blutige Handwerk nicht gestattet, und die Bevölkerung hielt auch nicht viel von chirurgischen Eingriffen. Göttinger Bürger urteilten damals über die Chirurgie: "Na, hören Sie mal. Das ist keine Wissenschaft, das tut in Göttingen der Abdecker." Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich jedoch die Funktion der Badehäuser, und sanftere medizinische Methoden hielten Einzug.
1820 erbaute der Stadtbaumeister und Bauunternehmer Christian Friedrich Rohns das "Rohnssche Badehaus" in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ratsherrenteich, damit für den Betrieb des Hauses auch immer genügend frisches Wasser vorhanden sei. Das zwölfeckige Haus hatte im unteren Stockwerk zehn Badezimmer, in denen Holzbadewannen standen, die mit Zinkblech ausgeschlagen waren. Im oberen Stockwerk waren Ruheräume und die Wohnung des Bademeisters eingerichtet. Männer und Frauen badeten getrennt und erholten sich in Fichtennadel- und Schwefelbädern. Auch Kalt- und Warmwasserbehandlungen gehörten zum Repertoire der medizinischen Therapie. Zu den prominenten Kunden im Rohnsschen Badehaus zählte auch der Sekretär Goethes, Johann Peter Eckermann, der in einer längeren Kur dort, so überliefert es die Literatur, sein Rheuma los wurde.


Hospitalbau
1850 erhielt Rohns einen neuen Auftrag der Universität. Er sollte ein großes Hospital bauen, das alle Fachrichtungen der Medizin beherbergen könne. In diesen Klinischen Anstalten Göttingens fanden die Klinik für Innere Krankheiten und Augen- und Ohrenkranke, die Chirurgische Klinik und die pathologische Anatomie einen neuen Platz. Doch schon bald platzte das Hospital aus allen Nähten. Bereits ab 1862 wurden Teile der Klinischen Anstalten ausgelagert und immer wieder erweitert. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Kliniken in die Humboldthalle verlegt. 1975 schließlich entstand das heutige Universitätsklinikum in Göttingen. Angesichts des zarten Alters von nur 21 Jahren spielte dieses Krankenhaus jedoch keine tragende Rolle beim medizinhistorischen Rundgang. Rita Wilp

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