Supplement: Reisemagazin

Jordanien: Wo die Berge glühen

Dtsch Arztebl 2001; 98(9): [24]

Uhlmann, Ulrich

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LNSLNS Einen Polizisten zu finden, der mit freundlicher Geste zu einer Tasse Tee oder Kaffee einlädt, das ist wohl nur in Arabien möglich – zum Beispiel bei der Wüstenpolizei im jordanischen Wadi Ramm. Meist bärtige Gesellen in langen braunen Hemdgewändern mit rot-weiß gewürfeltem Kopftuch, mit quastengeschmücktem roten Ledergürtel und silbernem Dolch sorgen für Ordnung und Hilfe in den schwer zugänglichen Beduinengebieten. Schon manchen Touristen haben sie aus Not befreit, aber auch Rauschgiftschmugglern das Handwerk gelegt, denn die saudische Grenze ist nicht weit.
Hier, im Wadi Ramm, zeigt sich das wahre Gesicht Jordaniens: eine Wüstenlandschaft, umgeben von bizarren Inselbergen aus Sandstein. Mal breit, mal schmal, verführen Seidentäler mit wilden Felsgebilden zum waghalsigen Klettern, und weite, ebene Sandflächen laden zu Jeep- und Kameltouren ein.
In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts lieferte das Wadi Ramm die spektakuläre Kulisse zum Kino-Hit „Lawrence von Arabien“. Der heute politisch umstrittene britische Agent, der 1917/18 mithalf, den Arabischen Aufstand unter Prinz Faisal gegen die 400-jährige Türkenherrschaft zu organisieren, beschreibt es in seinen Erinnerungen so: „Die einzelnen Massive waren gekrönt von hochgewölbten Gipfeln, gleich Gruppen von Domkuppeln . . . Damit vollendete sich der Eindruck einer byzantinischen Architektur um diesen unvergleichlichen Ort, . . . gewaltiger, als ihn Fantasie sich vorzustellen vermochte.“
Einen unvergesslichen Eindruck von der Hochebene des Wadi Ramm, dem zweitgrößten Trockental der Arabischen Halbinsel, vermittelt ein Ballonflug, vorbei an bis zu 750 Meter hohen, senkrechten Felswänden in bunten Farben. In der Ferne sind einsame Beduinenzelte zu entdecken, zu denen eine vergessene Reifenspur hinführt. Tamariskenbüsche und einige wenige Schafe und Ziegen künden davon, dass in Bergnähe eine Quelle sprudelt. Aus der Höhe lässt sich am besten beobachten, wie ein nach winterlichen Regenfällen wasserführender Flusslauf im Wüstensand versickerte. Zuerst ist noch dichtes Buschwerk an den Ufern zu erkennen, danach vereinzeltes Gesträuch, dann ein Gestrüpp, und schließlich endet alles im Nichts.
Im kleinen, unansehnlichen Ort Ramm, dem Ausgangspunkt aller Wüsten-Entdeckungen, ist schnell ein Führer zur Hand, der seine Dienste anbietet. Ahmed al-Abed berichtet vom Leben der
Howeitat-Beduinen: Etwa 400 von ihnen sind hier ansässig in kleinen Häusern mit Wassertank auf dem Dach, mit Kühlschrank und Fernseher, oft zu winzig für die vielköpfigen Familien. Ganz haben die Howeitat
ihr Nomadenleben aber nicht aufgegeben, denn vor der Haustür ist auch das althergebrachte Zelt aufgeschlagen. Sind die Wintermonate vorbei, geht es mit Schafen und Ziegen, mit Maultieren und Kamelen in die Stammesgebiete, immer auf der Suche nach Wasser und neuen Weideplätzen. Haupteinnahmequelle der Beduinen ist der sanfte Tourismus und der Verkauf von Erzeugnissen alter Handwerkskunst.
Als „achtes Weltwunder“ wird Petra, eine Autostunde vom Roten Meer entfernt, oft bezeichnet. Daran ist nichts übertrieben. Schaut der Betrachter auf die riesige Felswand, kann er mit Mühe die Schlucht, den geheimnisvollen „Siq“ sehen, einen gewaltigen Riss im Gestein, der
ins Innere eines Bergmassivs führt. Zwischen hundert Meter hohen, überhängenden Felsen, oftmals nur drei Meter breit, führt der 30-Mi-
nuten-Weg mitten in einen Talkessel, wo um die Zeit Christi die Nabatäer, ein fleißiges arabisches Volk, lebten. Wer es besonders bequem haben möchte, für den stehen für die Erkundungsreise 500 Pferde am „Pferdebahnhof“ bereit – arabische Geschäftstüchtigkeit.
Aus dem letzten Schatten des „Siq“ kommend, erblickt der Besucher im Sonnenlicht das große Bauwerk Petras, das Schatzhaus (vermutlich ein Königsgrab). Aus massivem Felsgestein herausgeschlagen, erreicht es mit seinen Säulen eine Höhe von 50 Metern. Weiter geht es zu Hunderten in den Stein gemeißelten Höhlen, Tempeln, Königsgräbern, Bädern und Torbögen – eine Welt der Vergangenheit. Von Stunde zu Stunde verändern sich dabei die Farben des herumliegenden Felsgesteins – bis die Berge in der Abendsonne glühen.
Noch bis 1987, so erzählt Sheik Ali Motlak Salim, wohnten in den Ruinen von Petra, in den Felshöhlen, 500 Familien unter fast urzeitlichen
Bedingungen mit ihren Schafen, Ziegen und Kamelen. Sie wurden in das benachbarte Dorf Wadi Musa umgesiedelt und leben heute im bescheidenen Wohlstand des Tourismus-Geschäfts. Immerhin so gut, dass sich Sheik Ali in diesem Jahr seine vorerst zweite Frau leisten kann.
Unerwartet tauchen sie östlich von Amman wie eine Fata Morgana aus der menschenleer-weiten, flachen und steinübersäten Wüste auf:
die Schlösser der Omayyaden. Qasr Kharane zum Beispiel – ein 35 × 35 Meter umfassender zweigeschossiger Kalksteinbau mit Rundbastionen, Ställen, Lagerräumen und Innenhof mit Zisterne. Im Jahr 710 ist das Bauwerk entstanden. Oder Qusair Amra im Wadi Butm, nur wenige Kilometer entfernt – ein ebenerdiger Prachtbau mit Audienzhalle, Thronnische und Badehaus. Sehenswert sind die gut erhaltenen Fresken mit Jagdszenen, Tänzern, Musikern, badenden Frauen und Bildern aus dem Alltag von Handwerkern.
Die Geschichte der Wüstenschlösser ist in Geheimnisse gehüllt. Waren es Karawansereien oder höfische Zuflucht vor Cholera und Pest? Waren es Verhandlungsstätten mit aufmüpfigen Stämmen oder Lustpaläste mit Weib, Wein und Gesang? Oder entsprangen die Prunkbauten einfach der Sehnsucht der islamischen Herrscher aus Damaskus nach ihrer Beduinenheimat?
Amman, die quirlige Hauptstadt auf einst sieben Hügeln, zählte circa 1900 etwa 2000 Einwohner. Der rasante Aufschwung begann 1948 mit dem ersten Nahostkrieg. In der Folge kamen viele wohlhabende Palästinenser und Libanesen in das Königreich. Amman wurde zum levantinischen Handelszentrum.
Zogen in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts noch Kamelkarawanen durch die Stadt, brandet in ihr heute der Verkehr wie in jeder westlichen Großstadt. Nur ist sie wohl nicht für Fußgänger geschaffen, denn eine Straßenüberquerung erinnert an Harakiri. Ein ständiges Hupkonzert, die Straßenverkehrsordnung unterstützend, quält die Ohren, und halbmeterhohe Bordsteinkanten regen zu sportlichen Höchstleistungen an. Ulrich Uhlmann


Blick aus dem „Siq“ auf das „Schatzhaus“ der Nabatäer (vermutlich ein Königsgrab) in Petra. Aus massivem Felsgestein herausgeschlagen, erreicht es mit seinen Säulen eine Höhe von 50 Metern.


Felsenkette im Wadi Ramm, dem Wüstengebiet im Süden Jordaniens. Über Jahrtausende war das Trockental „Pausenziel“ für Handelskarawanen, die weiter zur Arabischen Halbinsel reisten. Bekannt wurde es in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts als Originalkulisse für den Film „Lawrence von Arabien“.


Reise-tipps
Ein- und Ausreise: Visum bei der Botschaft von Jordanien oder beim Grenzübertritt (Flughafen)
Veranstalter: DiNa-Reisen Dr. E. Bustami, Schillerstraße. 63, 63533 Mainhausen; Telefon: 0 61 82/2 88 34.
Reisezeit: März bis Mitte Juni sowie September bis Oktober.
Literatur: Marco Polo „Jordanien“, 12,80 DM; Polyglott „Jordanien“, 14,90 DM; HB Bildatlas „Jordanien“, 15,80 DM; Beck’sche Reihe „Jordanien“, 24 DM;
Baedeker „Jordanien“, 29,80 DM; APA Guides „Jordanien“, 44,80 DM.
Infos: Informationsbüro Jordanien, Weserstraße 4, 60329 Frankfurt/Main;
Telefon: 0 69/92 31 88-0.
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