ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2001Bilharziose: In vielen Ländern Afrikas endemisch

Supplement: Reisemagazin

Bilharziose: In vielen Ländern Afrikas endemisch

Dtsch Arztebl 2001; 98(9): [30]

Franz, Corinna

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LNSLNS Ein stark juckendes, rotes Exanthem an den Füßen bis zu den Knö-
cheln – das Abkühlen der Füße in einem Bach nach einem längeren Fußmarsch im Norden Südafrikas hatte Folgen: Solche Symptome sind die erste Reaktion des Immunsystems nach einem Kontakt mit Pärchenegeln, den Schistosomen. Nach Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation sind rund 200 Millionen Menschen mit Schistosomiasis (Bilharziose) infiziert und etwa 500 bis 600 Millionen Menschen von einer Infektion bedroht. Betroffen sind vor allem die Einwohner der Endemieländer. Aber auch Touristen können sich infizieren, vor allem jene, die auf eigene Faust das Land erkunden.
Die Krankheit ist, richtig erkannt, gut zu heilen. Unbehandelt kann sie jedoch zu schweren Verläufen und – je nach Erreger – sogar zu Blasenkrebs, Leberzirrhose oder zum Tod führen.

Verbreitung Humanpathogene Schistosomen sind auf fast dem gesamten afrikanischen Kontinent (einschließlich Madagaskar, Sansibar und Mauritius) verbreitet. Darüber hinaus tritt Bilharziose im Nahen Osten, auf der arabischen Halbinsel, in Lybien, der Ostküste Südamerikas, der Karibik sowie in Südost- und Ostasien auf (China südlich des Jangtse, Thailand, Laos und Kambodscha entlang dem Mekong, indische Westküste).
Lebenszyklus Schistosomen haben einen komplizierten Lebenszyklus mit einem Wirtswechsel. Der Mensch wird von Zerkarien infiziert, den Larven der Pärchenegel, die im Süßwasser der Verbreitungsgebiete vorkommen. Diese dringen innerhalb von Sekunden bis Minuten in die Haut ein. Es gibt eine ganze Reihe von Schistosoma-Arten; fünf davon sind humanpathogen. Sie unterscheiden sich in ihren tropischen und subtropischen Verbreitungsgebieten und in den Krankheitsbildern.
Viele der eingedrungenen Zerkarien sterben in der Haut ab. Diese rufen dann die beschriebenen Hautreaktionen hervor, die nach drei Tagen wieder abklingen. Besonders tierpathogenen Schistosomen gelingt es kaum, sich weiter im Körper zu verbreiten, sodass eine Infektion zum Beispiel mit Vogelschistosomen mit dem Exanthem bereits wieder beendet ist.
Die in der Haut überlebenden Larven verlieren ihren Schwanz und wandern (als Schistosomula) in die Blutbahn. Sie wachsen zunächst in der Lunge, reifen in der Leber zu erwachsenen Egeln heran und paaren sich dort. Dabei bleibt das Weibchen dauerhaft in der Bauchfalte des etwas dickeren Männchens – daher der Name „Pärchenegel“. In dieser Wanderphase kommt es ein bis zwei Wochen nach Infektion zu unspezifischen Sympto-men, die sich bis zu zwei Monaten äußern können: Schüttelfrost, Fieber, Schweißausbrüche, Husten, Diarrhöen. Dazu kann eine bis zu dreißig-prozentige Eosinophilie auftreten, Lymphknoten, Milz und Leber können anschwellen. Wie schwer ein Mensch in dieser Phase erkrankt, hängt von der Anzahl und der Art der Parasiten ab. S. japonicum ruft besonders schwere Verläufe hervor, die unbehandelt zum Tod führen können.
Schließlich setzen sich die Parasitenpaare in den Blutgefäßen der jeweiligen Zielorgane fest, also in den Wänden des Darmes oder des Urogenitalsystems. Auf die Eiablage in kleinen Venen reagiert das Immunsystem mit Granulombildung. Diese führt zum einen zu Veränderungen im Gewebe und pathologischen Erscheinungen (Blasengeschwüre, Diarrhöe) bei den Patienten, und zum anderen ermöglicht sie den Transport der Eier durch die Darm- beziehungsweise die Blasenwand. Von dort werden sie in die Umgebung ausgeschieden. Am Darm abgelegte Eier werden häufig in die Leber geschwemmt, was dann zu einem entsprechenden Krankheitsbild bis hin zu Leberzirrhose führen kann.
Aus den freigesetzten Eiern schlüpfen Mirazidien. Dies geschieht nur in Wasser mit nicht zu hohem Salzgehalt bei geeigneten Temperatu-
ren (18 bis 35° C) und pH-Bedingungen. Die schnell beweglichen Mirazidien infizieren bestimmte Schneckenarten und entwickeln sich dort
in der Leber und den Geschlechtsorganen weiter. Nach drei Wochen bis mehreren Monaten werden zahlreiche reife Zerkarien freigesetzt, die dann wieder Menschen infizieren können. Der Kreislauf schließt sich.

Diagnose Die Diagnose erfolgt durch Untersuchung von Urin und Fäzes beziehungsweise Blasen- oder Darmschleimhaut. Dort können fünf bis zwölf Wochen nach der Infektion Eier gefunden werden, die auch eine Bestimmung der Art zulassen. Antikörpernachweise im Blut sind nicht artspezifisch; sie eignen sich für den Nachweis einer frischen Infektion, bei der noch keine Eier gefunden werden. Ein positiver Antikörpertest sagt jedoch nichts darüber aus, ob die Würmer noch leben und Gefahr durch Eiablage besteht.

Differenzialdiagnose Differenzialdiagnostisch abgegrenzt werden müssen
- bei Zerkariendermatitis: Dermatitis anderer Ätiologie, zum Beispiel Allergie;
- bei Darmschistosomiasis: Typhus abdominalis, Amöbenruhr, Malaria, Brucellose;
- bei Leberbilharziose: Hepatosplenomegalie, Leberzirrhose anderer Genese (Malaria, viszerale Leishmaniasis, Alkohol);
- bei Blasen- und Urogenitalbilharziose: venerische Erkrankungen, Blasenkarzinom, chronische Nierenerkrankungen, Hämaturie.

Therapie Die Therapie erfolgt mit Praziquantel als dem Mittel der Wahl. Es wirkt gegen alle Schistomiasis-Arten, allerdings nur gegen die ganz jungen und die adulten Stadien. Resistenzen sind bisher nicht bekannt. Die Dosis ist artspezifisch und abhängig vom Körpergewicht. Eine einmalige Verabreichung reicht in der Regel aus; bei S. japonicum empfiehlt sich eine Wiederholung am nächsten Tag.
Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass Arthemeter gegen die juvenilen Stadien (Schistosomula) wirkt, sodass in Zukunft möglicherweise ein weiteres Mittel zur Verfügung steht.

Prophylaxe Der Kontakt mit Süßwasser in Endemiegebieten ist strikt zu meiden. Schon Spritzwasser genügt, um eine Infektion hervorzurufen. Bekämpfungsprogramme zielen neben der Behandlung Betroffener auf bessere hygienische Verhältnisse, zum Beispiel dem Bau sanitärer Anlagen, um die Verunreinigung von Süßwasser mit Fäkalien zu verhindern. Impfstoffe sind bisher noch nicht erhältlich, eine Vakzine gegen S. haematobium ist jedoch bereits in der klinischen Phase II. Zwei weitere Kandidaten gegen S. mansoni werden entwickelt.
Dr. Corinna Franz


Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme des Pärchenegels


Klinisches Bild der Darmbilharziose: riesige Leber- und Milzschwellungen


Gefahr auch in China, Laos und Kambodscha: Bilharziose in Flüssen
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