ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 1/2001Norwegen/Lofoten: Verwunschene bizarre Eilande

Supplement: Reisemagazin

Norwegen/Lofoten: Verwunschene bizarre Eilande

Dtsch Arztebl 2001; 98(9): [8]

Sobik, Helge

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LNSLNS Wenn die Sonne am frühen Morgen im 40-Grad-Winkel an den Berghängen emporgezurrt wird, schieben sich die letzten Saurier schwerfällig durch die grünen Täler davon, ziehen sich zurück aus den Weidegründen der Nacht in ihre schattigen Verstecke, um tagsüber nicht entdeckt zu werden. Kobolde koordinieren das Geschehen, und Elfen ziehen einen unsichtbaren Vorhang vor die Höhleneingänge: Auf den Lofoten verschmelzen die Sagen, Legenden und Fantasien vor dem
inneren Auge zu einem Bild. Vieles wäre in dieser Landschaft möglich – der Sprung zurück in die weite Vergangenheit ebenso wie das Eintauchen in eine Märchenwelt. Die Kulisse wie aus einer anderen Zeit macht es möglich: Berge wie der zerfurchte Panzerrücken eines schlafenden Drachens, zartgrün schillernde Hochebenen, schwarze Binnenseen wie Augen aus den Tiefen der Erde, jäh direkt an der Küste senkrecht in den Himmel ragende Felswände, das immerwährende Wechselspiel mit dem Meer. Jeder Blick über das Land zwischen Steira und Leknes, zwischen Napp, Ramberg und Reine hoch oben vor der Küste Nordnorwegens reizt die Gedanken und feuert sie an zu neuen Spiegelungen aus den Tiefen der Fantasie.
Mit den Fischern auf Du und Du
Die Lofoten – Inseln, die anscheinend nicht von dieser Welt sind; Eilande, am Rande der Zivilisation, bizarr geformte Urzeitinseln außerhalb des üblichen Blickfelds – im Nordatlantik, vier stürmische Fährstunden von der norwegischen Polarkreis-Metropole Bodø entfernt: Inseln, deren Häfen trotz der Lage nördlich des Polarkreises nicht zufrieren. Der Golfstrom beschert den Lofoten mildes Wetter: Wintertemperaturen an den Küsten nur bis minus fünf, Sommertemperaturen von bis zu zwanzig Grad Celsius – und das auf derselben Breite wie Mittelgrönland, nördlicher noch als Island.
24 500 Menschen halten es das ganze Jahr auf den Inseln aus. Auf ein Vielfaches dieser Zahl bringen es die Touristen, die in der kurzen Sommersaison zwischen Mitte Juni und Anfang August kommen, um eines der Enden der Welt zu erleben. Mehr als die Hälfte darunter sind Norweger auf Inlandsurlaub. Sie kommen mit dem Wohnmobil, zum Zelten oder mieten sich eine Fischerhütte mit Meerblick.
Die Lofoten-Hauptstadt Svolvaer hat sich auf diese Besucher eingestellt: Hier legen einige Fähren an, hier gibt es die meisten Quartiere, Supermärkte und Souvenirshops; hier haben Autovermieter ihre Stationen, und sogar ein Kino gibt es. Das Dosenbier im Supermarkt kommt aus Tromsø; ein Walross ziert das Etikett. Der Käse
ist hellbraun und schmeckt nach Karamel. Marmelade aus gelben Moltebeeren gibt es im Halbkilo-Eimer, im Kühlregal liegt sauber portioniertes Rentierfleisch nicht weit von Lachs und arktischem Saibling. Lebensstandard und Preisniveau sind so hoch wie überall in Norwegen.
Je weiter man Svolvaer Richtung Süden hinter sich lässt, desto einsamer wird das Lofoten-Szenario, desto urtümlicher, desto tiefer geht es in diese verwunschene Landschaft hinein, die die Gedanken quer durch alle Dimensionen reisen lässt. Vorsicht ist vor jeder Kurve geboten, denn oft nehmen Schafherden die Pisten in Beschlag und trotten gemächlich über den Asphalt – und das ohne Respekt vor Autos.
Die Strände der Lofoten sind so kieselig, als würde die Küste jede Nacht von plötzlich auftauchenden und genauso schnell wieder verschwindenden Gletschern aufs Neue geschliffen. Das Wasser schillert an windstillen Tagen so unwirklich grün wie in den Tropen und ist so klar, dass man glaubt, die Fischerboote von Henningsvaer auf der Insel Austvågöy und Å auf Moskenesöy würden darauf schweben. Bis zu den Seesternen auf dem Meeresgrund kann man ungetrübt hinabsehen.
Ahnen der heutigen Lofoten-Bewohner sind die Wikinger – eine Erkenntnis, die man erst 1985 gewann, als ein Bauer beim Pflügen bei Borg auf Vestvågöy auf Reste einer Siedlung stieß. Archäologen legten daraufhin den ältesten und nördlichsten bislang bekannten Herrschersitz der Wikinger frei und rekonstruierten das 83 m lange Haupthaus aus dem 8./9. Jahrhundert originalgetreu.
Straße im Nichts
Obwohl die Straße im Nichts endet, die die Lofoten wie
eine Klammer zusammenhält, hat sie einen klangvollen Namen: die Europastraße E 10. An ihrer tiefsten Stelle verläuft sie 55 Meter unter dem Meeresspiegel durch den Tunnel, der die beiden Lofoten-Inseln Vestvågöy und Flakstadöy miteinander verbindet – genau dort, wo die Wellen am höchsten sind und die Querung per Fähre in der Vergangenheit oft verhinderten. Dort, wo sich selbst die Fischer vor der Härte der Nappstraumen-Gezeitenströmung fürchten. 65 Kronen Gebühr kostet die Passage je Richtung – immer die Gewissheit im Sinn, dass über dem Kopf vier Millionen Liter Wasser gurgeln.
In Serpentinen windet sich die Straße danach durch zweieinhalb Milliarden Jahre alte Gebirgsformationen, scheint sich schutzsuchend an den nackten Fels der Berge zu klammern und unter den Windböen ducken zu wollen. Auf waghalsig konstruierten Brücken kreuzt sie tiefe Schluchten. Mulmig wird einem dann, man sieht, wie sich die Kåkern-Hängebrücke an ihren Stahlseilen unter dem Gewicht eines Lastwagens durchbiegt.
Die Fahrt auf der E 10 lüftet das Rätsel, mit dem sich Philosophen seit Jahrhunderten beschäftigen. Was ist am Ende der Welt? Die Antwort: ein Fußballplatz. Plötzlich läuft die Straße am Ortsrand des Dorfes Å in einen breiten Parkplatz aus, von dem aus ein schmaler Fußweg zum Fußballfeld über den Klippen führt. Wer es kreuzt, steht dort, wo die Wellen wie seit Urzeiten gurgeln. In derselben Melodie wie zu Beginn der Zeiten, in einer Kompositon aus Schönheit und Schauer wie damals, als die Saurier noch lebten – ein Ort, an dem es nicht möglich ist, die Gedanken zu bändigen: Sie reisen davon, getragen vom Wind, beflügelt von einer Stimmung, die nur auf den Lofoten aufkommt.
Helge Sobik


Lofoten:
Henningsvaer, ein beschaulicher
Fischerort


Reise-tipps
Anreise: Mit SAS (Telefon: 0 18 03/23 40 23)
über Oslo nach Bodø ab 988 DM. Von dort weiter mit der Fluggesellschaft Widerøe nach Leknes oder Svolvaer auf den Lofoten. Mietwagen vor Ort ab rund 135 DM/Tag. Wer mit dem eigenen Auto anreisen will: Fährpassage Kiel–Oslo mit „Color Line“ pauschal für fünf Personen mit Kabinenunterbringung und Pkw ab 728 DM; auf der Strecke vom norddänischen Hirtshals ins norwegische Kristiansand für einen Pkw mit bis zu fünf Insassen ab 157 DM ebenfalls bei Color Line (Telefon: 04 31/7 30 03 00). Lofoten-Pauschalangebote zum Beispiel bei DER-Tour und Wolters-Reisen.
Weitere Informationen: Norwegisches Fremdenverkehrsamt, Mundsburger Damm 45, 22087 Hamburg, Telefon: 01 80/5 00 15 48.
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