Supplement: Reisemagazin

Tunesien: 1001 Nacht am Mittelmeer

Dtsch Arztebl 2001; 98(9): [16]

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LNSLNS Steile kopfsteingepflasterte Gassen führen hinab in den siebten Himmel. Vorbei an schneeweißen und wie Schachteln übereinander gestapelten Häuschen mit hellblauen Türen und Fensterläden, vom Leuchtturm hoch über dem Ort hinunter in die Altstadt von Sidi Bou Said: dorthin, wo vor 86 Jahren die beiden deutschen Künstler August Macke und Paul Klee gesessen und aquarelliert, geträumt und das Leben genossen haben. In ihren Skizzenblöcken hielten sie den arabischen Alltag fest, der an ihnen vorbei-zog – all die orientalische Urtümlichkeit, die Farbenpracht, die Fremdheit hier vor den Toren der tunesischen Hauptstadt am Golf von Tunis. Sinnesreize, als wäre gerade das Farbfernsehen erfunden worden.
Vorort von Tunis:
Sidi Bou Said
„Die Leibhaftigkeit des Märchens!“ notierte der begeisterte Paul Klee in seinem Tagebuch. „Ich und die Farbe sind eins. Sie hat mich. Für immer!“ Jahre später sollte der Nordafrika-Trip der beiden als „Tunisreise“ in die Kunstgeschichte eingehen. Die hier entstandenen Arbeiten hängen längst in den bedeutendsten Museen und Privatsammlungen Moderner Kunst –- zahlreiche Aquarelle der Tunisreise von 1914, die die beiden erst nach Sidi Bou Said und dann weiter nach Hammamet und Kairouan geführt hat.
Immer schon hat Sidi Bou Said, heute ein Villenvorort von Tunis, Künstler angezogen – neben Macke und Klee auch Flaubert und Guy de Maupassant. Wenn die Sonne unterging, saßen sie auf der blumenumrankten Terrasse des „Café des Nattes“, genossen erfrischenden Pfefferminztee mit Pinienkernen, rauchten Wasserpfeife, blickten über die schneeweißen Dächer des Ortes hinweg Richtung Golf von Tunis und schickten ihre Gedanken auf Reisen. Sie hörten den Ruf des Muezzins vom Minarett der benachbarten Moschee. „Allahu akbar – Gott ist groß“ schallt es von dort heute ganz genau wie vor fast einem Jahrhundert vom Minarett, wenn die Sonne im Mittelmeer versinkt und das Land mit einem glutroten Schleier überzieht. Fünfmal binnen 24 Stunden wird so zum Gebet gerufen – inzwischen lautsprecherverstärkt zwar, aber mit demselben Klang nach orientalischem Zauber, nach fremder Welt wie vor 86 Jahren.
Die Zeit ist stehen geblieben
Die Gassen von Sidi Bou Said sind noch immer kopfsteingepflastert. Das Café sieht aus wie damals und ist inzwischen Anziehungspunkt der Tagesausflügler, die auf den Spuren der „Tunisreise“ durch den herausgeputzten maurischen Bilderbuch-Ort spazieren. Als wäre die Zeit vollends stehen geblieben, knien zwei alte Männer mit Gesichtern wie Relieflandkarten im Schein einer Funzel auf Strohmatten im Innenraum des Café des Nattes, rauchen Wasserpfeife und pusten Qualmringe in die Luft. Durch die Ritzen der hellblauen Fenstergitter fällt ein Streifen Tageslicht in den dunklen Raum hinein. Die beiden paffen, plauschen und genießen. Kein Wort ist mit europäischen Ohren aus den kehligen arabischen Lauten herauszuhören, nicht einmal eine Satzgrenze. Zeitlose Szenarien!
Nichts lässt erahnen, dass das quirlige, hektische Zentrum der Großstadt Tunis nur 20 Fahrminuten entfernt ist. Nichts liegt ferner als ein Gedanke an den zehn Fahrminuten entfernten internationalen Flughafen, an vierspurige Straßen, den Prachtboulevard Avenue Habib Bourguiba in Tunis, an Einkaufsrummel und eiliges Gefeilsche im Gassenwirrwarr der Medina der Hauptstadt.
Am schönsten ist es in Sidi Bou Said nach Sonnenuntergang, wenn es in den Gassen leer geworden ist – wenn die meisten Tourbusse wieder zurück in die Mittelmeer-Badeorte gefahren sind. Dann, wenn wieder alles so ist wie zu Beginn des Jahrhunderts – wenn alle wieder Zeit zum Plausch haben, sei es im Café des Nattes oder ein paar Straßen weiter im Café Sidi Chaabane mit freiem Blick auf den Golf von Tunis.
In Sichtweite hat der tunesische Präsident Zine el Abdin Ben Ali seinen Palast, und direkt daneben residierten Punier und Römer: Sie alle wussten, wo es sich gut leben lässt. Nur ein kleiner Teil der Ruinen der einstigen Weltstadt Karthago ist bereits ausgegraben worden – darunter ein Amphitheater und die direkt an den Präsidentenpalast grenzenden Ruinen der Antoninus-Pius-Thermen.
Kornkammer Roms
Einst war das heutige Tunesien die reiche „Kornkammer Roms“. Vielerorts hinterließen die Römer ihre Spuren – Tempel in Thuburbo Majus und Dougga, das zweitgrößte Kolosseum des Römischen Reichs in El Djem, dazu fast überall kleinere Ausgrabungsstätten. Das Material für ihre Prachtbauten gewannen sie schon vor über zwei Jahrtausenden im Steinbruch von El Haouaria auf der fruchtbaren Cap Bon-Halbinsel.
Wer die touristisch erschlossenen Urlaubsorte Hammamet und Nabeul am Ansatz der Cap Bon-Halbinsel Richtung Spitze des Kaps verlässt und Kurs auf Kelibia nimmt, kommt schnell in eine andere Welt: Plötzlich werden die Straßen schmaler und holperiger. Plötzlich fehlen die großflächigen Hinweisschilder, die eben noch den Weg rechts ab zum nächsten und gleich danach zum übernächsten Hotelkomplex gewiesen haben. Plötzlich fehlen die Souvenirshops voller Kupferteller und Plüschkamele am Wegesrand.
Cap Bon ist eine Welt ohne Leuchtreklame, ohne mehrsprachige Händlersprüche und ohne Swimmingpools. Das Kap gilt als die fruchtbarste Region Tunesiens. Hier gedeihen Zitrusfrüchte und Granatäpfel. Der Duft von Jasmin und Oleander liegt in der Luft. Blumen werden zur Parfumherstellung angebaut, und sogar die Hälfte des tunesischen Weins stammt aus dieser Region. Nahezu unbeeinflusst vom Tourismus nimmt das Leben hier noch seinen Lauf wie seit Jahrhunderten.
Der schönste Strand des Landes erstreckt sich hier. Südseeweiß ist er, kilometerlang, völlig menschenleer und noch ein Geheimtipp. An der Ras Mostefa-Landzunge gleich hinter dem Fischerort Kelibia beginnt diese unberührte Landschaft mit bis zu 30 m hohen Dünen.
Den besten Blick über Ras Mostefa hat man von der Festung von Kelibia aus: erst schneeweiße Häuser vor dem Hintergrund des türkisblauen Meeres, dann dunkelbraune Klippen und dahinter jene Südseestrände. Das ist der Stoff, aus dem Urlaubsträume sind.
Helge Sobik

Orientalisches Flair umfängt den Besucher der Altstadt von Kairouan.

Reise-tipps
Anreise: Neben vielen Charterfluggesellschaften verbindet Tunis Air mehrere deutsche Städte im Liniendienst mit Tunis. Tickets ab rund
750 DM. Zur Einreise ist der Reisepass erforderlich. Geld: Ein Dinar
entspricht derzeit 1,56 DM.
Unterkunft: Alle großen Veranstalter (zum Beispiel: TUI, ITS, Neckermann, Tjaereborg, Jahn Reisen . . .) bieten Pauschalarrangements mit Unterbringung in den Ferienhotels der tunesischen Mittelmeerküste an – eine Woche Vier-Sterne-Hotel-Urlaub mit Halbpension und Flug bereits für rund 900 DM.
Auskunft: Tunesisches Fremdenverkehrsamt, Goetheplatz 5 in
60313 Frankfurt/Main, Telefon: 069/2 97 06 40.
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