ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Handys: Entwarnung – vorerst

AKTUELL: Akut

Handys: Entwarnung – vorerst

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-573 / B-481 / C-457

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Dass Handys elektromagnetische Wellen unterhalb des Mikrowellenbereichs emittieren, kann bei durchschnittlichen Physikkenntnissen schon zu denken geben. Dabei wird leicht übersehen, dass die Energie mit deutlich weniger als ein Watt zu gering ist, um das Gehirngewebe messbar aufzuheizen. Auch bei „Vieltelefonierern“ dürfte die Körpertemperatur in der Nähe der Antenne – wenn überhaupt – nur um 0,1 °C ansteigen. Dennoch fällt es vielen Menschen schwer, bei diesem Thema einen „kühlen Kopf“ zu bewahren. Dies ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Auch in anderen Ländern wurde schon bald nach der Einführung der Geräte über gesundheitliche Risiken diskutiert. Es gab Berichte über Vieltelefonierer, die an einem Hirntumor gestorben waren. Und hatten Forscher nicht durch elektromagnetische Wellen bei transgenen Mäusen Lymphome erzeugt? Selbst das Wall Street Journal begann, sich ernsthaft Sorgen um seine Leserschaft zu machen. Alle dürfen jetzt – erst einmal – aufatmen. Denn die Evidenz von drei Studien zeigt, dass Vieltelefonierer nicht häufiger an Hirntumoren oder überhaupt an Krebs erkranken.

Bewiesen ist dies jedenfalls für jene 420 095 Dänen mit Handyverträgen der Jahre 1982 bis 1995. Sie sind sogar seltener an Krebs verstorben als ihre gleichaltrigen Nicht-Handy-Besitzer
(J Natl Cancer Inst 2001; 93: 166–7). Bronchialkarzinome und andere Tabak-induzierte Krebserkrankungen traten bei ihnen seltener auf als erwartet. Sollte dies daran liegen, dass man sich mit dem Handy in einer Hand schlecht eine Zigarette anzünden kann? Auch das National Cancer Institute der USA hat sich mit dem Thema befasst. Patienten mit Hirntumoren wurden befragt, ob (wenn ja, seit wann und wie häufig) sie ein Handy oder Autotelefon benutzt haben. Sie taten es nicht häufiger als sorgfältig ausgewählte Personen der Kontrollgruppe
(N Engl J Med 2001; 344: 79–86; vgl. auch „Referiert“ in diesem Heft). Entwarnung kommt auch vom renommierten Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York: Auch hier ermitteln die Epidemiologen für Handytelefonierer eine „Odds ratio“ von 0,74 auf Hirntumoren, also eine protektive Wirkung (JAMA 2000; 284: 3001–7). Leider statistisch nicht signifikant.

Die Hersteller dürfen deshalb nicht mit den günstigen Wirkungen des Handys auf die Gesundheit werben, zumal ein Handy am Steuer das Unfallrisiko erhöht. Auch die Warner müssen nicht verstummen. Denn natürlich sind Einwände gegen die Ergebnisse möglich. Auszuschließen ist nicht, dass die Tumoren nicht doch erst mit zeitlicher Verzögerung in zehn oder zwanzig Jahren auftreten. Rüdiger Meyer
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