ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Risiko­struk­tur­aus­gleich: Gutachter fordern stärkere Ausrichtung an Morbidität

POLITIK

Risiko­struk­tur­aus­gleich: Gutachter fordern stärkere Ausrichtung an Morbidität

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-581 / B-474 / C-446

Rieser, Sabine

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LNSLNS Das jetzige System der Ausgleichszahlungen zwischen den gesetzlichen Krankenkassen soll bis 2007 durch einen morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich (RSA) ersetzt werden. Dann würden sich die Zahlungen auch danach richten, wie viele und welche Kranken eine Kasse versichert. Außerdem sollen neue steuernde Anreize zur bestmöglichen Versorgung von Kranken eingebaut werden. Das hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) in der vergangenen Woche in Berlin angekündigt. Grundlage ihrer Entscheidung ist ein Gutachten der Forschergruppe IGES, Cassel und Wasem* zu den Wirkungen des RSA.
Schmidt erläuterte, sie wolle nun Einzelheiten mit den Spitzenverbänden der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) abstimmen. Bereits im April will die Ministerin einen Referentenentwurf vorlegen. Im Herbst soll das entsprechende Gesetz im Bundestag verabschiedet werden.
Defizite im Wettbewerb
Die IGES-Gutachter kommen in ihrer Schlussanalyse zu keinem wesentlich anderen Ergebnis als im Zwischenbericht (DÄ, Heft 45/2000): Der RSA gleiche Unterschiede zwischen den Kassen aus, die sich zum Beispiel durch unterschiedliche Einkommen der Versicherten ergeben. „Gleichwohl sind gewisse Defizite im bestehenden Kassenwettbewerb unübersehbar“, finden die Wissenschaftler. Viele Kassen räumten dem Ausgabenmanagement und der Kundenorientierung einen hohen Stellenwert ein, nicht jedoch Aktivitäten zur gezielten Verbesserung der Gesundheitsversorgung, insbesondere von chronisch Kranken.
Deswegen schlagen die Gutachter unter anderem vor, in Zukunft den Beitragsbedarf, der jeder Kasse im RSA aufgrund der bisherigen Kriterien zugerechnet wird, auf der Grundlage direkter Morbiditätsindikatoren zu ermitteln. Während des Übergangs würden sie einen Hochrisikopool einführen, mit dessen Hilfe etwa 80 Prozent der Ausgaben für besonders teure Kranke zwischen allen GKV-Kassen ausgeglichen werden. Als Grenzbetrag werden rund 20 000 DM an Krankheitsausgaben genannt.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Empfehlungen begrüßt. Im Rahmen der Reform müssten die Wettbewerbsnachteile der Kassen beseitigt werden, die einen höheren Anteil kranker Versicherter aufwiesen, forderte Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, der Erste Vorsitzende der KBV. Er verlangte zugleich, die Ärzteschaft müsse beteiligt werden, wenn geeignete Morbiditätskriterien für den RSA festgelegt werden.
Richter-Reichhelm hatte wenige Tage zuvor auch das Konkurrenz-Gutachten von Lauterbach und Wille** als „Schritt in die richtige Richtung“ bezeichnet. Das ist kein Widerspruch, denn auch sie sind der Auffassung, dass der bisherige RSA zu wenige versichertenbezogene Größen berücksichtigt und keine Anreize für eine Verbesserung der Versorgungsqualität bietet. Lauterbach und Wille halten jedoch nichts von einem Hochrisikopool, sondern schlagen vor, in den RSA umgehend eine Wechslerkomponente einzubauen. Begründung: Wechsler verursachten 50 bis 60 Prozent geringere Leistungsausgaben als Nichtwechsler, denn bislang suchten sich meist junge, gesunde Versicherte eine neue Kasse (dazu „Nachgefragt“).
Offenbar weil die Differenzen der Gutachter-Teams überschaubar erscheinen, hatte sie die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin um ein Konsenspapier gebeten. Darin rücken aber beide nicht von ihren unterschiedlichen Verfahrensvorschlägen ab. Noch größer sind die Meinungsunterschiede bei den GKV-Spitzenverbänden. Die Betriebskrankenkassen geißeln jeglichen Ausbau des RSA als wettbewerbsfeindlich. Der AOK-Bundesverband, neben dem der Ersatz- und der Innungskrankenkassen Auftraggeber von Lauterbach und Wille, liebäugelt längst mit den IGES-Vorschlägen, weil er sich davon den meisten Nutzen erhofft.
Die Ärzteschaft verfolgt die Entwicklung aufmerksam. Richter-Reichhelm lobte zwar den Vorschlag, besondere Versorgungsprogramme aufzulegen. Fragwürdiges dürfe jedoch nicht finanziert werden. Zudem hätten sich die Krankenkassen bislang stets geweigert, zusätzliche Leistungsangebote außerhalb der Budgets zu finanzieren. Sabine Rieser

* Prof. Dr. Dieter Cassel,Duisburg, Prof. Dr. Jürgen Wasem, Greifswald, IGES-Institut für Gesundheits- und Sozialforschung, Berlin (Gutachten: www.bmgesundheit.de)
** Prof. Dr. Dr. Karl W. Lauterbach, Köln, Prof. Dr. Eberhard Wille, Mannheim (Gutachten: www.igke.de)
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