POLITIK

Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-581 / B-474 / C-446

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DÄ: Einer Ihrer Vorschläge lautet: Krankenkassen, die ihren chronisch kranken Versicherten spezielle Disease Management-Programme anbieten, sollen dafür Geld aus einer Art solidarischen Rückversicherung aller Kassen erhalten. Versicherte sollen sich dann freiwillig in solche Programme einschreiben können. Wer überprüft, dass sie dazu nicht genötigt werden, weil das der Kasse Geld bringt? Oder dass umgekehrt bei der Einschreibung zu großzügig verfahren wird?
Lauterbach: Die Krankenkasse bestimmt nicht, wer eingeschrieben wird. Das kann nur der behandelnde Arzt dem Patienten empfehlen. Anhand der ihr vorliegenden Daten weiß die Kasse gar nicht, welcher Versicherte für die Einschreibung infrage käme, kann also auch niemanden direkt ansprechen. Somit muss sie ein Qualitätsangebot offerieren, um die Versicherten zu überzeugen. Wie sich in den Vereinigten Staaten gezeigt hat, werden die Kassen am schlechtesten fahren, welche schwache Programme bieten und sich durch indirekten Druck auf Versicherte ins Gerede bringen. Alle in Deutschland angebotenen Programme sollen darüber hinaus nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin akkreditiert werden.

DÄ: Beide Gutachterteams halten einen morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich (RSA) für notwendig: Die Ausgleichszahlungen zwischen den Kassen sollen sich auch danach richten, wie viele und welche Kranken eine Kasse zu versichern hat. Welche Folgen hätte das für die Ärzte?
Lauterbach: Die Ärzteschaft verlangt eine stärkere Berücksichtigung der Morbiditätsunterschiede von Versicherten bei der Verteilung von Budgets. Ein morbiditätsorientierter RSA unterstützt dieses Anliegen durch eine gemeinsame Datenbasis. Sehr wünschenswert wäre es, die Vergütung der Ärzte stärker auf Qualitätskriterien auszurichten. Auch dies kann nur sinnvoll aufgebaut werden, wenn die Morbiditätsstruktur der behandelten Patienten einheitlich erfasst wird.

DÄ: Glauben Sie, dass es rasch zu einer politischen Lösung kommen wird?
Lauterbach: Ich hoffe sehr, dass es in den nächsten Wochen zu einem Gesetzentwurf kommt. Die vorliegenden Vorschläge würden zu einem deutlich besseren Behandlungsangebot für chronisch Kranke führen und den Ärzten völlig neue Möglichkeiten zur Strukturierung der Versorgung dieser Patienten bieten. Die Alternative sind kurzfristige Beitragssatzerhöhungen der Kassen, die derzeit im Risikoselektionswettbewerb junge gesunde Mitglieder verlieren. Langfristig wäre die Konsequenz, dass wir reiche Kassen für Gesunde und arme Kassen für Kranke hätten.

Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl W. Lauterbach, Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln Foto: Oliver Schmauch
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