ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Biomedizin: Kein „Hirtenwort“, sondern Diskussionsanstoß

POLITIK

Biomedizin: Kein „Hirtenwort“, sondern Diskussionsanstoß

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-584 / B-488 / C-448

Richter, Eva A.

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LNSLNS Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat ein Thesenpapier zur Bioethik vorgelegt.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) will die Überarbeitung des Embryonenschutzgesetzes oder die Erarbeitung eines neuen Fortpflanzungsmedizingesetzes begleiten – und zwar ohne ideologische Scheuklappen. Dabei hält die katholische Laienorganisation prinzipiell an ihren Positionen fest, wünscht sich jedoch eine breite gesellschaftliche Debatte. Unter dem hohen Tempo des biomedizinischen Erkenntnisgewinns sowie dem Druck auf die Politiker, die strengen deutschen Standards im Embryonenschutz zu „nivellieren“, gerate der ethische Diskurs zunehmend in die Defensive, warnt das ZdK.
„Nicht nur die Kritiker, sondern auch die Befürworter des biomedizinischen Fortschritts müssen die Gründe für ihr Handeln offen legen“, heißt es im Thesenpapier „Der biomedizinische Fortschritt als Herausforderung für das christliche Menschenbild“, das das ZdK am 1. März in Berlin vorstellte. Darin werden die katholischen Orientierungen benannt und begründet (www.zdk.de). Das ZdK wolle nicht belehren, sondern einen Denk- und Diskussionsanstoß zum „Jahr der Lebenswissenschaften“ 2001 liefern, betonte Dr. Thomas Sternberg, Sprecher des kulturpolitischen Arbeitskreises des ZdK.
Dass es den Katholiken mit der Diskussion Ernst ist, zeigte die öffentliche Vorstellung des Thesenpapiers. Diese war nicht als Frontal-, sondern als Diskussionsveranstaltung konzipiert, zu der Politiker verschiedener Fraktionen, Befürworter, aber auch Gegner der katholischen Position eingeladen waren. Von ihnen mussten die Verfasser des Papiers einige Kritik einstecken. Bereits die mit der Biomedizin verbundenen Visionen seien zu negativ dargestellt, befand Dr. Martin Hrabe de Angelis, München, einer der vier Koordinatoren des deutschen Human-Genom-Projektes. Die Chancen, die die Gentechnik den Menschen bietet, dürften nicht verschwiegen werden. Die katholische Laienorganisation benennt die „Reproduktionsvision“ (Garantie für die genetische Gesundheit der Neugeborenen), die „Steuerungsvision“ (frühzeitiges Erkennen von Krankheiten) und die „Heilungsvision“. Gleichzeitig warnte sie davor, dass hinter diesen Visionen häufig ökonomische Interessen stehen könnten. Ferner bestehe die Gefahr, dass sich unter dem Deckmantel der Gesundheit andere Gesichtspunkte einschleichen, wie eine „effizientere Ressourcenverwertung“ oder der Wunsch nach „Verbesserung der Evolution“.
Dass die Heilung von Menschen die biomedizinische Forschung rechtfertigt, erschien auch der anwesenden ehemaligen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer (Grüne) zu „trivial“: „Heilung ist kein Wert, der anderes irrelevant werden lässt“, sagte die Verfechterin eines restriktiven Embryonenschutzes. Leiden in Kauf zu nehmen, hält Angelis dagegen für problematisch: „Wenn es die Möglichkeit gibt zu heilen, müssen wir dies tun.“ Er warnte davor, dass jetzt das „ethische Ross zu hoch gesattelt wird“. Wo die Menschenwürde beginnt, die es zu schützen gelte, blieb schließlich offen.
Wann beginnt das „Menschsein“?
Die Katholiken gehen davon aus, dass das menschliche Leben „im biologischen Sinn“ und damit die Menschenwürde mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt. Jede Grenzziehung sei willkürlich. Fischer sieht dies ähnlich; man dürfe jedoch keine Norm daraus ableiten; graduelle Abstufungen seien möglich. So ist es straffrei, die Nidation des Embryos in den Uterus während der ersten 14 Tage zu verhindern. Der Berliner Philosoph Prof. Dr. Volker Gerhardt, Vorsitzender der Bioethik-Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft, plädierte dafür, die Grenze für das „Menschsein“ bei der Geburt zu ziehen. Die vorgeburtliche Zeit dürfe jedoch nicht ignoriert werden, schränkte er ein. Für zweckmäßig hält er graduelle Schutzbestimmungen. Diese sähe das Embryonenschutzgesetz bereits vor, betonte Wolf-Michael Catenhusen (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär im Bun­des­for­schungs­minis­terium. Zur Position der SPD äußerte er sich nicht. Man dürfe jedoch nicht jede Art von Forschung an Embryonen erlauben. Um einen gesamtgesellschaftlichen Konsens zu finden, könne man allerdings nicht auf Fundamentalisten eingehen. Dr. med. Eva A. Richter
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