ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Europa: Zum Arzt über die Grenze

POLITIK

Europa: Zum Arzt über die Grenze

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-585 / B-489 / C-464

Naundorf, Frank

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LNSLNS Im Dreiländereck bei Aachen ist die grenzüberschreitende
medizinische Versorgung für 3,7 Millionen Menschen bereits Normalität. Es gibt sogar eine eigene Versichertenkarte.

Seit etwa zehn Jahren versuchen die grenznahen Gemeinden mit Unterstützung der Europäischen Union, die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung zu verbessern. Da die Sozialversicherungen nationalem Recht unterliegen, gestaltet sich der Prozess schwierig. In der Euregio Maas–Rhein ist inzwischen jedoch eine eigene Krankenversichertenkarte im Umlauf.
Um dahin zu kommen, musste ein weiter Weg zurückgelegt werden. Auf dem Programm stand zunächst der Abbau von bürokratischen Hemmnissen. Im April 1997 gelang mit dem Modellprojekt „Zorg op Maat“ (ZOM), übersetzt „Versorgung nach Maß“, ein wichtiger Schritt nach vorn. Niederländische Versicherte und Grenzgänger konnten sich von deutschen Fachärzten versorgen lassen. Das Projekt erfüllte die Erwartungen der Initiatoren, insbesondere zeigten sich die Patienten zufrieden.
Der zweite große Schritt fand Anfang 2000 statt. Mit dem Projekt „Integration Zorg op Maat“ (IZOM) erhielten nun auch deutsche und belgische Versicherte das Recht, sich auf der anderen Seite der Grenze behandeln zu lassen. So wie Willem P. (der Name wurde von der Redaktion geändert). Mit einer akuten Netzhautablösung suchte er seinen Hausarzt in Vaals auf, der eine Überweisung zum deutschen Augenarzt ausstellte. Mit diesem Schein in der Tasche konnte er sich an eine Geschäftsstelle der AOK Rheinland, der Betriebs- oder Ersatzkrankenkassen wenden, wo er einen Abrechnungsschein, zwei Rezeptvordrucke und einen Patientenpass erhielt. Damit ging Willem P. zu einem Aachener Augenarzt, der die Netzhaut laserte. In den Patientenpass trug der deutsche Facharzt Diagnose und weitere Therapie ein. Auf diese Weise war auch der niederländische Kollege über den Fortgang der Behandlung informiert.
„Die IZOM-Versorgung läuft ohne Probleme“, bestätigt Dr. Wolfgang Claßen, HNO-Arzt in Aachen. Doch Routine sei der Gang zum Arzt auf der anderen Grenzseite noch nicht. Dies liege auch an der unzureichenden Information. So seien es oft „bekannte Gesichter“, die kämen; früher seien diese als Privatpatienten behandelt worden, jetzt zeigten sie die IZOM-Papiere vor. !
Grund für den Gang über die Grenze sind in vielen Fällen die langen Wartezeiten auf fachärztliche Behandlungen in den Niederlanden, vor allem in der Gynäkologie, der Augenheilkunde und der Orthopädie. Auf Operationen zum Beispiel, die in vielen deutschen Praxen ambulant erbracht werden, müssen die Niederländer mitunter ein halbes Jahr warten. Bei den deutschen Ärzten sind die Niederländer gern gesehene Patienten. Dazu trägt bei, dass die erbrachten Leistungen zwar genauso wie die von deutschen Versicherten über die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein abgerechnet werden, diese aber außerhalb des Budgets vergütet werden.
Bereits 4 000 Versicherte haben
eine „GesundheitsCard“
Weiter zusammengewachsen ist die Versorgung in der Euregio durch die GesundheitsCard international. Damit können Versicherte der niederländischen CZ Groep seit September 2000 ambulante fachärztliche Leistungen inklusive Arzneimittel auch in Deutschland in Anspruch nehmen. „Ich bin davon überzeugt, dass diese kleine Karte ein großer Vorteil ist“, sagte Wilfried Jacobs, Vorsitzender der AOK Rheinland, deren Versicherte sich mit der GesundheitsCard wiederum in den Niederlanden behandeln lassen können – ohne Antrag oder Auslandskrankenschein. Seit Juli 2000 haben die beteiligten Kassen gut 4 000 Karten ausgestellt, drei Viertel für Versicherte in den Niederlanden.
Trotzdem könne man noch nicht von einem alternativen Versorgungsfeld sprechen, meint Claßen. Doch das IZOM-Modell lässt sich nach Ansicht des Aachener Arztes entwickeln. Mit der GesundheitsCard sei grundsätzlich der richtige Weg beschritten. Während in Aachen die Weiterentwicklung diskutiert wird, startete 80 Kilometer nördlich ein neues Projekt. Seit September 2000 setzt auch die Euregio Rhein–Waal auf Zorg op Maat. Bislang konnten die niederländischen Patienten sich lediglich augenärztlich behandeln lassen. Im April wird die Versorgung auf alle fachärztlichen Bereiche ausgeweitet. Frank Naundorf
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