ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Krebsforschung: Im Sog des Fälschungsskandals

POLITIK

Krebsforschung: Im Sog des Fälschungsskandals

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-587 / B-491 / C-466

Koch, Klaus

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LNSLNS Nach der Herrmann-Affäre werden nun auch dem prominenten Freiburger Krebsforscher Roland Mertelsmann gravierende Regelwidrigkeiten als Arzt und Forscher vorgeworfen. Die Affäre ist noch nicht abgeschlossen.

Jetzt hat es ihn also doch getroffen. Mit Prof. Dr. med. Roland Mertelsmann soll nun auch einer der prominentesten deutschen Krebsmediziner Konsequenzen aus der Verwicklung in die Betrugsaffäre um die Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach zu spüren bekommen. Prof. Dr. Wolfgang Jäger, Rektor der Universität Freiburg, hat dem baden-württembergischen Kultusminister vorgeschlagen, ein Disziplinarverfahren gegen Mertelsmann einzuleiten, „um den Umfang seiner persönlichen Verantwortung zu ermitteln“. Zudem wird der Vorstand des Freiburger Klinikums Mertelsmann „bitten“, „bis zum Abschluss des Verfahrens keine Funktion in der patientenbezogenen klinischen Forschung wahrzunehmen“.
Die harschen Forderungen leiten sich aus den Schlussfolgerungen ab, zu denen eine Kommission unter Leitung des Strafrechtlers Prof. Dr. Albin Eser vom Freiburger Max-Planck-Institut für Strafrecht gekommen ist. Jäger hatte die Eser-Kommission im Sommer letzten Jahres erneut eingesetzt, nachdem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ihre Untersuchung von etwa 350 Publikationen veröffentlicht hatte, an denen Herrmann beteiligt war. Dieser Bericht hatte auch Mertelsmann belastet. Über einige Jahre hinweg sei der Direktor der Freiburger Universitätsklinik „hinsichtlich seiner publikatorischen Aktivitäten fast identisch mit dem Forscher Herrmann“ gewesen, schilderte die DFG damals.
Nun hat sich die Freiburger Kommission gezielt mit Mertelsmanns Rolle beschäftigt. Zwar bleibt die Kommission bei der Einschätzung, dass keinem derzeit in Freiburg tätigen Wissenschaftler „eine aktive Mitbeteiligung an Fälschungen“ vorzuwerfen sei. Anders beurteilt die Kommission aber die Frage, „hinsichtlich möglicher Mitwisserschaft an Manipulationen und Fehldarstellungen“. Mertelsmann war Herrmanns wichtigster Co-Autor; 131 Arbeiten hatten die beiden zusammen publiziert. Aber: Auch auf 58 von 94 gefälschten oder fälschungsverdächtigen Arbeiten steht Mertelsmanns Name. Während der Untersuchung habe der Hämatologe zwar jegliche Mitwisserschaft von Unregelmäßigkeiten bestritten, das sei aber „nicht glaubwürdig“, sagt Eser.
Wenn Mertelsmann Lug und Trug in diesem Ausmaß tatsächlich nicht bemerkt haben will, müsse er zumindest nötige Kontrollmaßnahmen entweder verabsäumt oder nicht ernst genommen haben. Auch das sei für einen Leiter einer der größten Forschungsabteilungen an der Freiburger Klinik ein gravierender Verstoß.
Ähnlich harsch fällt die Kritik aus, die die Kommission aus der Untersuchung von fünf Veröffentlichungen gezogen hat, die Mertelsmann ohne Herrmann publiziert hat. Das Ergebnis: Keine der fünf untersuchten Arbeiten war ganz ohne Unregelmäßigkeiten, allerdings waren bei dreien die Mängel „weniger schwerwiegend“, sagt Eser.
Vehemente Kritik musste sich Mertelsmann allerdings zu zwei in „Blood“ (1994; 84: 1421) und im „New England Journal of Medicine“ (NEJM 1995; 333: 283) veröffentlichten Arbeiten gefallen lassen. Hier rügte die Kommission „gravierende“ Regelwidrigkeiten. Das beginnt bei der Aufklärung der Patienten, die nur lückenhaft dokumentiert sei. Hinzu komme, dass Daten der Patienten nicht ordentlich erhoben worden waren. Datenlücken habe man dann „nach Erfahrung“ aufgefüllt.
Eigenartig: Einige Zahlen der sieben Jahre alten Studie zur Machbarkeit von Stammzelltransplantation, die im NEJM publiziert worden war, hatten die Forscher erst im November 2000 nachgeliefert; angeblich hatten sie die Daten in den Akten der Hausärzte der Patienten gefunden. !
„Die Forscher wussten, dass ihre Daten unvollständig waren“, sagt Eser. Gerade deshalb hätten sie sie auf eine Art und Weise ergänzt, die nicht mit wissenschaftlichen Prinzipien vereinbar ist. „Man meinte, das sei belanglos, weil es die Aussage nicht verfälsche“, sagt Eser. Fraglich ist aber, ob die so geschönte Arbeit im NEJM abgedruckt worden wäre, wenn die Autoren ihre Qualitätsprobleme mit der Datenerhebung offen gelegt hätten. So wurden Journal und Leser über die Qualität getäuscht.
In einer schriftlichen Stellungnahme wehrte sich Mertelsmann gegen die Untersuchung: Das Verfahren sei „nicht rechtsstaatlich und nicht fair“ gewesen. Mertelsmann selbst war für das DÄ bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen. Ob sein Widerspruch nutzt, scheint zweifelhaft. Jäger sieht den Ruf des einstigen Stars unter den deutschen Krebsforschern schwer beschädigt: „Die härteste Strafe ist die von ihm selbst verursachte Diskriminierung in der Scientific Community.“
Der Bericht wird auch an der Universität Tübingen aufmerksam gelesen werden. Die beiden kritisierten Arbeiten hatte Mertelsmann zusammen mit Prof. Dr. med. Lothar Kanz und Dr. Wolfgang Brugger publiziert, beide sind vor einigen Jahren von Freiburg nach Tübingen gewechselt. Prof. Dr. oec. publ. Eberhard Schaich, Rektor der Tübinger Universität, sieht jetzt allerdings „keinen Anlass, ein Verfahren wegen des Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten in Gang zu setzen“. Er sehe zwar, dass in den Arbeiten Mängel passiert seien, glaube aber, dass die Auseinandersetzung allein mit dem Mittel des wissenschaftlichen Diskurses ausgetragen werden sollte, sagt Schaich. Zwischen den Vorwürfen gegen Kanz und Brugger einerseits und denen gegen Mertelsmann andererseits liege ein „großer Unterschied“.
Diese Unterscheidung wird nicht überall geteilt. Bereits im Dezember hatte der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie Mertelsmann, Kanz und Brugger zur Rede gestellt und hart kritisiert (Textkasten). Schaich sagt, er habe dieser Erklärung schriftlich widersprochen: „Es geht nicht, dass eine Gesellschaft ihre Mitglieder vorverurteilt.“ Klaus Koch
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