ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Maul- und Klauenseuche: Verhängnisvolle Infektion

POLITIK: Medizinreport

Maul- und Klauenseuche: Verhängnisvolle Infektion

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-588 / B-477 / C-449

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Für Klauentiere stellt das Picornavirus weltweit eine
ständige Bedrohung dar; Infektionen des Menschen
hingegen sind selten und ungefährlich.

Während der letzte Ausbruch der Maul- und Klauenseuche (MKS) in Deutschland mehr als zwölf Jahre zurückliegt, werden die südlichen Länder Europas – ausgehend von der Türkei – ständig von einem neuen Aufflackern dieser Viruserkrankung bedroht. In vielen Ländern Asiens (Taiwan, Südkorea, Japan), Afrikas und Südamerikas (Kolumbien, Bolivien, Peru, Ekuador, Venezuela, Brasilien) ist die MKS nach wie vor heimisch.
Das Risiko einer Einschleppung der MKS durch den Tierhandel und Tierprodukte nach Deutschland wird zwar durch Einfuhrverbote verringert; jedoch könnte das Virus zunächst unerkannt in Länder eingeschleppt werden, aus denen Klauentiere oder Produkte von diesen Tieren eingeführt werden. Außerdem besteht die Möglichkeit einer Einschleppung des Erregers durch den Personenreiseverkehr und die verbotene – in der Praxis aber nicht wirksam unterbundene – Mitführung von Lebensmitteln aus MKS-verseuchten Ländern.
Im asiatischen Teil der Türkei (Anatolien) ist die Maul- und Klauenseuche mit den Typen O und A seit Jahren heimisch. Die türkischen Veterinärbehörden haben ein MKS-Impfgebiet in Form einer Pufferzone im westlichen Teil Anatoliens eingerichtet, um ein Übergreifen der Seuche auf den europäischen Kontinent zu verhindern. Jedoch tritt auch in der Pufferzone die Krankheit immer wieder auf, unter anderem, weil ständig neue MKS-Stämme in die Türkei eingeschleppt werden, gegen welche die eingesetzten Impfstoffe nicht wirken. Eine besonders akute Gefahr für Europa besteht immer dann, wenn die MKS im europäischen Teil der Türkei ausbricht. Die Kontrolle des Tierhandels vom asiatischen zum europäischen Teil der Türkei bereitet große Schwierigkeiten.
Verbesserte Bekämpfungsmaßnahmen führten zusammen mit der jährlichen vorbeugenden Impfung aller Rinderbestände Mitte der 60er-Jahre zu einem starken Rückgang der Ausbruchszahlen. Im Jahr 1991 wurde die Impfung in der EU eingestellt, da sie ihre Aufgabe – die in Europa auftretenden MKS-Stämme zu tilgen – erfüllt hatte und weil sie gegen „exotische“ MKS-Stämme kaum Schutz geboten hätte. Stattdessen wurden für den Notfall internationale oder nationale Impfbanken aufgebaut. Diese enthalten tiefgefrorene Antigene verschiedener MKS-Stämme, aus denen im Falle der Seucheneinschleppung binnen Tagen für Wiederkäuer und Schweine geeignete Impfstoffe formuliert werden können.
Klinisches Bild bei Tieren
Die Maul- und Klauenseuche ist eine fieberhafte Viruserkrankung von Klauentieren wie Rind, Schaf, Ziege, Büffel, Wildwiederkäuer und Schwein. Sie führt zur Bildung von Bläschen (Aphthen) und Erosionen an Schleimhäuten und unbehaarten Teilen der Haut, insbesondere – nomen est omen – im Bereich des Mauls und der Klauen. Obwohl die Erkrankung bei erwachsenen Tieren in der Regel nicht zum Tod führt, kommt es bei Rindern zu einem lang anhaltenden Leistungsabfall. Jungtiere können infolge einer Myokarditis sterben.
Beim Schwein treten nach einer Inkubationszeit von meist ein bis drei Tagen Bläschen an den Sohlenballen, im Klauenspalt und am Kronsaum, teilweise auch an der Rüsselscheibe auf. Häufig sind die Bläschen zum Zeitpunkt der Untersuchung nur noch als Schorf erkennbar. Die Tiere zeigen einen „klammen Gang“ oder bewegen sich bei starken Schmerzen nur noch rutschend fort. In der Regel tritt für drei bis vier Tage Fieber zwischen 40 bis 41 °C auf. Da in einem Schweinebestand nur wenige Tiere betroffen sein können, ist eine intensive Bestandskontrolle erforderlich.
Erstes Anzeichen einer MKS-Infektion beim Rind ist Fieber; auch die Milchleistung kann abfallen. Die Tiere speicheln, die Maulschleimhaut ist gerötet, und die Futteraufnahme geht zurück. Dann entwickeln sich auf der Maulschleimhaut, an den Klauen und eventuell am Euter Bläschen, die nach dem Platzen rasch abheilen. Beim Schaf sind die Krankheitszeichen schwächer ausgeprägt als beim Rind oder fehlen ganz. Nach einer Inkubationszeit von zwei bis 14 Tagen beobachtet man vorwiegend Lahmheiten.
Möglichkeiten der Diagnostik: Wegen des hohen Ansteckungsrisikos mit dem MKS-Virus dürfen Gewebe-, Blut- sowie Nasentupferproben nur in den Hochsicherheitslaboratorien der Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere (BFAV) in Tübingen bearbeitet werden.
Die erste und schnellste Methode zur Diagnose ist der ELISA-Test, der Virusantigen in Gewebeproben nachweist; die Ergebnisse liegen innerhalb eines Tages vor. Der Test wird in Verdachtsfällen stets mit der Virusanzüchtung kombiniert. Der Virusnachweis wird an der BFAV meist als Zellsuspensions-Plaquetest durchgeführt. Bis zum Auftreten von Plaques dauert es ein bis drei Tage, dann folgt die Identifizierung und Typendifferenzierung des Virus. Der Nachweis virusspezifischer Nukleinsäure erfolgt mittels Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR). Neue Aufgaben für die Serologie ergeben sich aus der Möglichkeit, infizierte von lediglich geimpften Beständen zu unterscheiden. Der Trick dabei: Heutige inaktivierte MKS-Vakzinen erzeugen Antikörper praktisch nur gegen bestimmte Eiweiße – die Strukturproteine – des Virus, während infizierte Tiere meist auch Antikörper gegen Nicht-Strukturproteine ausbilden. Diese können durch geeignete Tests nachgewiesen werden. Zurzeit wird in deutsch-italienischer Zusammenarbeit untersucht, ob sich auch durch die Bestimmung von IgA-Antikörpern im Speichel von Rindern geimpfte von infizierten Tieren unterscheiden lassen.
Infektion des Menschen
Obwohl die MKS eine hochkontagiöse Viruskrankheit ist, sind Infektionen des Menschen außerordentlich selten, da der Mensch nur wenig empfänglich ist. Zur Erkrankung des Menschen sind große Virusmengen oder eine erhöhte Virulenz des Erregers notwendig. Hautverletzungen scheinen die Erregerhaftung zu begünstigen.
Erkrankungen des Menschen wurden bei früheren Ausbrüchen nur vereinzelt beobachtet. Die Betroffenen hatten – durch Tierhaltung oder beim Schlachten – immer direkten Kontakt zu infizierten Tieren gehabt. Eine Weiterverschleppung von Mensch zu Mensch ist nicht bekannt. Bei den MKS-erkrankten Personen entwickelte sich nach zwei bis acht Tagen, begleitet von einer leichten fieberhaften Allgemeinerkrankung (Mattigkeit, Übelkeit, Kopf- und Gliederschmerzen), eine Primäraphthe an der Eintrittspforte des Erregers. Im weiteren Verlauf können sich Bläschen an den Lippen sowie in der Mund- und Rachenhöhle bilden, die sehr schmerzhaft sind. Diese Symptome sind jedoch selten, da sich Aphthen in der Regel an Händen und Füßen bilden. Vorzugsweise werden die Fingerspitzen befallen.
Nach Ausbildung von stecknadelkopf- oder pfenniggroßen Aphthen trocknen die Blasen ein, und es entstehen Erosionen. Alle Hautaffekte heilen aber innerhalb von fünf bis zehn Tagen vollständig ab. Da beim Menschen Organmanifestationen am ZNS oder am Herzmuskel (Myokarditis) ausbleiben, ist der Verlauf unkompliziert.
Differenzialdiagnostisch sind Syndrome von Bedeutung, die mit Bläschenbildung einhergehen – wie Stomatitis aphthosa, Herpesvirus-Infektionen, Hand-Fuß-Mund-Krankheit durch Cocksackie-Viren der Gruppen A und B, Pemphigus vulgaris und Erythema exsudativum multiforme.
Um die Diagnose zu sichern, ist es unbedingt erforderlich, den Erreger sowohl direkt nachzuweisen als auch Antikörper im Serum zu bestimmen, da der Erregernachweis bei menschlichen MKS-Infektionen nicht immer gelingt. Für den direkten Nachweis des Virus ist die Einsendung von Blasendecken oder Blaseninhalt notwendig. Zum Antikörpernachweis wird die Untersuchung von zwei Blutproben im Abstand von zwei bis drei Wochen empfohlen; die erste Entnahme im akuten Stadium, die zweite Entnahme zwei bis drei Wochen später. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn


Recherche basiert auf Informationen von :
– Dr. med. vet. Bernd Haas, Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere, Institut für Immunologie, Paul-Ehrlich-Straße 28, 72076 Tübingen.
– Dr. med. vet. Matthias Kramer, Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere, Institut für Epidemiologie, 16868 Wusterhausen.
– Rolle M./Mayr A.: Medizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre für Tierärzte, Biologen und Agrarwissenschaftler, Ferdinand Enke-Verlag, Stuttgart.
– Epidemiologisches Bulletin, RKI, Nr. 9/2001.


Computer-Darstellung des Maul- und Klauenseuchevirus (MKS-Virus) – ein unbehülltes Picornavirus mit einem Durchmesser von 20 bis 25 nm. Es sind sieben antigenetisch vollständig verschiedene Serotypen bekannt. Innerhalb der einzelnen Typen existieren zusätzlich Subtypen. Die MKS-Viren sind sehr mutationsfreudig. Foto: AP

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