ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Norwegen: Indirekt vom Personal subventioniert

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Norwegen: Indirekt vom Personal subventioniert

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-598 / B-502 / C-479

Breithardt, Ole-A.

Zu Meldungen über Kapazitätsengpässe im Operationssektor Norwegens und einer „Patientenbrücke“ nach Deutschland:
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LNSLNS . . . Wieso bedürfen norwegische Patienten der Behandlung im Ausland? Norwegen zählt vor allem aufgrund seiner profitablen Öl- und Erdgasvorräte zu den reichsten Ländern der Welt mit einem statistisch höheren Lebensstandard und einer höheren durschnittlichen Lebenserwartung als Deutschland. Der Standard der medizinischen Versorgung ist sehr gut. Das öffentliche Gesundheitswesen mit einer allgemeinen Pflichtversicherung ist, ähnlich wie in Großbritannien, traditionell restriktiv, so müssen Zahnbehandlungen Erwachsener vollständig selbst gezahlt werden, es gibt eine vergleichsweise hohe Selbstbeteiligung, und die Verdienstmöglichkeiten für Ärzte sind begrenzt. Aufgrund begrenzter Studienkapazitäten besteht ein chronischer Ärztemangel, der durch Studierende im Ausland und durch ausländische Ärzte ausgeglichen wird. Noch ausgeprägter ist der Bedarf an Krankenschwestern und Physiotherapeuten. Andererseits ist aber auch die Arbeitszufriedenheit hoch, bedingt durch eine relativ geringe Überstundenbelastung, gute Fortbildungsmöglichkeiten und hohe Arbeitsplatzsicherheit. Für alle Berufsgruppen gilt ein vergleichsweise guter Stellenschlüssel, der auch hier zu einer durchschnittlich geringeren Arbeitsbelastung im Vergleich zu deutschen Krankenhäusern führt. Krankenpflege und Physiotherapie sind Studienfächer und werden an Hochschulen vermittelt. Überstunden sind begrenzt und werden angemessen bezahlt. Im Krankenhaus ist ein geregelter Dienstschluss keine Seltenheit, und das Recht hierauf wird allgemein anerkannt. Diese Situation führte in der Vergangenheit zu langen Wartezeiten bei elektiven Operationen, nicht selten müssen Patienten auf eine Hüft-TEP nach der Indikationsstellung über zwei bis drei Jahre warten. Im November 2000 befanden sich knapp 290 000 Patienten auf einer Warteliste für eine geplante Operation oder stationäre medizinische Behandlung/Abklärung bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 4,4 Millionen! Im Gegensatz hierzu sind die deutschen Verhältnisse bekannt: das Gesundheitswesen ermöglicht in der Praxis eine immer noch unbegrenzte Maximalversorgung der Bevölkerung mit geringer individueller Selbstbeteiligung unter dem Opfer einer hohen (unbezahlten) Überstundenbelastung für ärztliches Personal und berufsfremder „Nebentätigkeiten“ für das Pflegepersonal. Wartezeiten sind kaum akzeptiert, und eine Begrenzung medizinischer Leistungen steht bislang kaum ernsthaft zur Diskussion. Es gilt als Selbstverständlichkeit, dass der Arzt aufgrund seiner moralisch-ethischen Verpflichtung praktisch immer erreichbar und zur Stelle ist. In dieser für das hiesige Krankenhauspersonal zunehmend unerträglichen Situation erscheint die organisierte „Luxus“-Behandlung norwegischer Patienten wie ein Hohn. Die vom Personal indirekt subventionierten Selbstzahlerpreise in Deutschland scheinen trotz relativ hoher Transportkosten eine Auslandsbehandlung für Norwegen attraktiv zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass in den beteiligten deutschen Krankenhäusern zumindest die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeitrichtlinien beachtet werden – eine angemessene Vergütung der Überstunden und Nachtdienste ist wohl kaum zu erwarten . . .
Dr. med. Ole-A. Breithardt, Schurzelter Straße 514, 52074 Aachen
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