ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Embryonenschutz: Unter falscher Flagge?

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Embryonenschutz: Unter falscher Flagge?

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-598 / B-502 / C-479

Haverich, Axel

Zu dem Kommentar „Englische Verführung“ von Norbert Jachertz in Heft 3/2001:
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LNSLNS Mit scharfen Worten kritisiert Jachertz die in der FAZ getätigte Meinungsäußerung zur Stammzellenforschung von Sewing, dem Chef des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer. Er habe nicht „die Meinung der verfassten Ärzteschaft“ wiedergegeben und „segele unter falscher Flagge“. Ziel der Forschung mit (pluri-, nicht toti-potenten!) humanen Stammzellen ist die Entwicklung von Therapien für bisher nicht behandelbare Krankheiten. Dies ist wohl zunächst ein akzeptables, ja respektables Ansinnen eines Arztes. Dasselbe gilt für Konzepte des therapeutischen Klonens, mit dessen Hilfe klinisch dringend benötigtes Gewebe, keine Embryonen hergestellt werden sollen. Ebenfalls eine Absicht, die ein Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der verfassten deutschen Ärzteschaft wohl (auch öffentlich) äußern darf, vielleicht sogar muss (?).
Gegen diese (zukünftigen) Heilmethoden, deren Erforschung unter Verwendung embryonaler Stammzellen in den USA, in England und Frankreich auch mittels therapeutischen Klonens mittlerweile politisch akzeptiert sind, steht das deutsche Embryonenschutzgesetz. Dieses spricht jeder befruchteten humanen Eizelle, gleich welchen Stadiums und wo immer sich diese befindet, den vollen Umfang der Menschenwürde zu. Gleichzeitig verschreibt und implantiert die „verfasste deutsche Ärzteschaft“ Millionen von Frauen Spiralen zur Kontrazeption, die nichts anderes tun, als solche „Embryonen“ unter dem Schutz der gesellschaftlichen Akzeptanz zu töten. Gleichzeitig vollzieht die „verfasste deutsche Ärzteschaft“ unter dem Schutz des Gesetzgebers jährlich über 200 000 Abtreibungen an Embryonen in weitaus fortgeschritteneren Entwicklungsstadien.
Wer segelt hier unter falscher Flagge? Der Diskurs macht doch unmissverständlich deutlich, dass die Definition der „Würde des Embryos“ dringend neu bedacht werden will. Eine abstufende Einschätzung des „moral status of the embryo“, wie von der Europäischen Kommission definiert, stellt wohl die einzig intelligente und praktikable Lösung dar. Ein Umdenken in diese Richtung scheint dringend geboten und folgt nicht der „englischen Verführung“, sondern dem Stand der medizinischen Wissenschaft. Auf der Insel wurde seit langem und sehr sorgfältig diskutiert, ob auf diese Weise (hoffentlich) verfügbare Behandlungsverfahren für englische Patienten in Großbritannien entwickelt werden sollen oder ob man sie importiert beziehungsweise Kranke im Ausland behandeln lässt.
Prof. Dr. med. Axel Haverich,
Klinik für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie, MHH, Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
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