ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2001Hygiene: Widersprüchlich

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Hygiene: Widersprüchlich

Dtsch Arztebl 2001; 98(10): A-599 / B-503 / C-477

Sonntag, H. G.; Kramer, A.; Zastrow, K. D.; Exner, M.; Rudolph, H.

Zu dem Kommentar „Krankenhaushygiene: Forschungsbedarf“ von Prof. Dr. med. Franz Daschner in Heft 50/2000:
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LNSLNS Widersprüchlicher als in dem Kommentar lässt sich Krankenhaushygiene nicht mehr darstellen. Was sonst als mangelnde Hygiene – selbstverständlich unter Zugrundelegung der allgemein gültigen Definition von Hygiene – soll Hauptursache von Krankenhausinfektionen sein? Invasive Maßnahmen und hohes Patientenalter erhöhen zwar das Risiko, sind aber keine Ursache für Krankenhausinfektionen. Auch kann durch Surveillance allein keine einzige Krankenhausinfektion vermieden werden, wenn die Hygieneregeln nicht klar und eindeutig definiert sind, und auch der Hinweis auf MRSA und multiresistente Erreger geht am Grundproblem der Auslösung von Hospitalinfektionen vorbei. Die molekularbiologischen Typisierungsverfahren sind sicher exzellente Instrumente zur Aufklärung von Infektionsursachen und -wegen, aber auch sie sind keine direkte krankenhausinfektionreduzierende Maßnahme.
Das in seiner Evidenz historisch bedingte Hauptkriterium der Hygiene, und insbesondere der Krankenhaushygiene, nämlich die Prävention beziehungsweise Präventionsmaßnahmen, wird im Kommentar unkritisch als nicht evidenzbasiert beiseite geschoben. Inkonsequent ist dann aber auch der Ruf nach mehr Krankenhaushygienikern, denn im Rahmen der geforderten Kosteneinsparung durch Weglassen überflüssiger Hygienemaßnahmen müssten eigentlich die wenigen vorhandenen Krankenhaushygieniker auch noch wegrationalisiert werden.
Die Vielfältigkeit von Empfehlungen zu krankenhaushygienischen Maßnahmen in Deutschland – die Richtlinie des BGA ist unbestrittenermaßen auch eine solche Empfehlung – ist per se doch kein Manko. Ein Problem besteht in der Widersprüchlichkeit von Empfehlungen, die letztendlich zur Verunsicherung der betroffenen Personen an der Basis führt; und hier fehlt in der Aufzählung der „berufenen Institutionen“ ganz sicher das NRZ für Krankenhaushygiene, dessen Empfehlungen mit Sicherheit ebenfalls nicht in jedem Fall evidenzbasiert sind.
Die in der Vergangenheit entwickelten hygienischen Maßnahmen sind, gleichgültig, ob im Einzelfall statistisch abgesichert oder nicht, bisher in ihrer Gesamtheit erfolgreich gewesen: Sie einzeln oder insgesamt mit dem Hinweis auf fehlende Evidenzbasierung infrage zu stellen, ist der falsche Weg. Wenn einzelne Maßnahmen reduziert werden sollen, so muss vorher mit statistisch sicheren Methoden und Zahlen nachgewiesen werden, dass die Erfolge in der Reduzierung der Infektionsrate im Krankenhaus nicht beeinträchtigt werden.
Was wir brauchen, ist die Einbeziehung aller notwendigen – nicht unbedingt evidenzbasierten – Hygienemaßnahmen in alle Funktionsabläufe im Rahmen der täglichen Arbeit am und mit dem Patienten, basierend auf vielfach beschriebenen, bekannten sowie bewährten Grundelementen der Krankenhaushygiene. Letztere müssen in allen medizinischen Ausbildungsberufen gelehrt, subkortikal verinnerlicht und durch in der Krankenhaushygiene spezialisierte Fachkräfte regelmäßig vor Ort überprüft werden. Unabhängig davon ist und bleibt auch die Krankenhaushygiene ein Fachgebiet, das sich aufgrund evidenzbasierter Forschungsergebnisse den immer schneller wachsenden neuen Erkenntnissen in der Medizin stellen muss.
Prof. Dr. med. H. G. Sonntag, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie,
Prof. Dr. med. A. Kramer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene,
Dr. med. K. D. Zastrow, Vorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Hygieniker, Prof. Dr. med. M. Exner, Präsident der Gesellschaft für Hygiene und Umweltmedizin, Korrespondenzadresse: Dr. med. H. Rudolph, Vorsitzender des Deutschsprachigen Arbeitskreises für Krankenhaushygiene, II. Chirurgische Klinik, Diakoniekrankenhaus, 27342 Rotenburg
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