ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2001Morbus Parkinson: Embryonales Gewebe enttäuscht

AKTUELL: Akut

Morbus Parkinson: Embryonales Gewebe enttäuscht

Dtsch Arztebl 2001; 98(11): A-654 / B-549 / C-525

Koch, Klaus

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LNSLNS Parkinson-Patienten profitieren kaum von der Transplantation embryonalen Gewebes, einigen könnte die Gewebeübertragung ins Gehirn sogar langfristig eher schaden: Das ist das ernüchternde Fazit der methodisch bislang zuverlässigsten Studie, in der die derzeit übliche Transplantationstechnik erprobt wurde. Die für Parkinson typischen Bewegungsstörungen sind die Folge eines langsamen Absterbens dopaminproduzierender Zellen in der Substantia nigra. Weil Medikamente nach einigen Jahren meist ihre Wirkung verlieren, gilt die Übertragung „neuer“ dopaminproduzierender Zellen weltweit als beste Hoffnung, um das Fortschreiten der Krankheit zumindest zu verlangsamen. Bislang haben mehrere Forscher weltweit durchweg von guten Erfahrungen mit der Transplantation von Zellgewebe berichtet, das aus abgetriebenen Embryonen stammt. Das Konzept der Studie, das die Gruppe um Curt Freed von der Universität Colorado in Denver und Stanley Fahn von der Columbia-Universität in New York im New England Journal of Medicine (2001; 344: 710) veröffentlicht hatte, sorgte schon im Vorfeld für Diskussionen.

Während 20 Patienten das Gewebe von jeweils vier abgetriebenen Embryonen ins Gehirn implantiert wurde, hatte man bei weiteren 20 Patienten in einer „Schein“-Operation lediglich die Schädelknochen angebohrt, aber kein Gewebe übertragen. Die Patienten hatten zudem zugestimmt, das Los entscheiden zu lassen, in welche Gruppe sie kommen. Sowohl die Patienten als auch die Ärzte, die dann deren Zustand beurteilten, wurden im Unklaren gelassen. Ohne dieses Wissen konnten die Ärzte nach einem Jahr nur kleine Unterschiede zwischen den Gruppen feststellen. Der Zustand der Patienten über 60 Jahre hatte sich nach einem Jahr leicht verschlechtert, gleichgültig welcher Gruppe sie angehörten. Lediglich jüngere Patienten, die ein Transplantat erhalten hatten, fühlten sich nach einem Jahr signifikant besser als die schein-operierte Gruppe. Vor allem morgens, vor der Einnahme der Medikamente, waren Rigidität und Bradykinesie gelindert, auf Tremor hatten die embryonalen Zellen allerdings keinen Einfluss. Auf der Basis dieser Ergebnisse haben nach dem ersten Jahr auch 13 weitere Patienten aus der ursprünglich nur zum Schein operierten Gruppe ein Transplantat erhalten. Während der folgenden zwei bis drei Jahre entwickelten sich aber bei fünf der insgesamt 33 transplantierten Patienten schwere Dystonien und Dyskinesien.

Die Komplikation war offenbar Folge einer zu hohen Dopamin-Produktion durch die embryonalen Nervenzellen. Alle fünf Patienten waren bei Operation jünger als 60 Jahre. Weil nach diesen Ergebnissen einerseits ältere Patienten keinen großen Vorteil von der Transplantation haben, andererseits einer von sieben jüngeren Patienten nach dem ersten Jahr mit schweren Komplikationen rechnen muss, haben die Ärzte den verbleibenden Patienten von der Transplantation abgeraten. Offen ist, ob sich mit embryonalen Stammzellen oder anderen Transplantationstechniken bessere Ergebnisse erzielen lassen. Klaus Koch
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