ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2001NAV-Virchow-Bund: Sympathien für die Kostenerstattung

POLITIK

NAV-Virchow-Bund: Sympathien für die Kostenerstattung

Dtsch Arztebl 2001; 98(11): A-662 / B-538 / C-506

Maus, Josef

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LNSLNS Der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands plädiert für eine umfassende Gesundheitsreform.

Der NAV-Virchow-Bund sieht Anzeichen für ein Umdenken in der Gesundheitspolitik. Die jüngsten Signale von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) lassen den Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands auf ein besseres Gesprächsklima bei der Vorbereitung einer grundlegenden Gesundheitsreform hoffen. Bereits im November vergangenen Jahres hatte der NAV-Virchow-Bund ein GKV-Modell mit einer Unterscheidung in Kern- und Zusatzleistungen diskutiert. Jetzt befasste sich eine außerordentliche Bundesversammlung in Köln erneut mit dem Thema. Der Ärzteverband will verschiedene Aktivitäten bündeln und bei der Weichenstellung für eine andere Gesundheitspolitik mitwirken.
Dabei kann das „Kieler Modell“ des Instituts für Gesundheits-System-Forschung von Prof. Dr. med. Fritz Beske nach Auffassung des Verbandes wesentliche Impulse liefern. Beskes Konzept war erstmals im Deutschen Ärzteblatt, Heft 50 vom 15. Dezember 2000, publiziert worden und hat zwischenzeitlich große Resonanz gefunden. Beske erläuterte den Delegierten Einzelheiten des „Kieler Modells“, das der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zu Einsparungen in Höhe von 18,7 Milliarden DM und zusätzlichen Einnahmen von 19 Milliarden DM verhelfen könnte.
Der Kieler Systemforscher listet dezidiert jene GKV-Leistungen auf, die nach seiner Ansicht entweder ausgeschlossen, gekürzt oder aber mit einer höheren Selbstbeteiligung der Versicherten versehen werden sollten. Ferner schlägt Beske eine drastische Erhöhung der Tabak- und Alkoholsteuern (um 70 Prozent) vor. Diese zusätzlichen Einnahmen sollen der GKV zur Verfügung gestellt werden. Im Hinblick auf eine Neubestimmung des Leistungskatalogs schlägt das „Kieler Modell“ die Einführung von Regel-, Satzungs- und Wahlleistungen der Krankenkassen vor – eine Idee, die im NAV-Virchow-Bund einen überzeugten Befürworter findet.
Der Verband der niedergelassenen Ärzte unterstützt auch Beskes Forderung, die GKV von Fremdleistungen zu befreien: „Die Subventionen für die Kran­ken­ver­siche­rung der Rentner, der Arbeitslosen und der Invaliden, für Mutterschutz ganz generell, für die Pille für junge Mädchen und vieles mehr können den immer weniger werdenden Beitragszahlern nicht länger abverlangt werden“, heißt es in einem Beschluss der Delegiertenversammlung. Die Politik habe diese Leistungen gewollt und veranlasst, sie müsse sie deshalb auch über den Staatshaushalt aus dem Steueraufkommen bezahlen. Dies könne schrittweise über einen Zeitraum von zehn Jahren erfolgen, indem der Staat jährlich zehn Prozent dieser Leistungsausgaben übernehme.
Eine durchgreifende Gesundheitsreform muss nach Auffassung des NAV-Virchow-Bundes auch die Einführung der Kostenerstattung anstelle des bisherigen Sachleistungssystems beinhalten. Der Verband glaubt, mit der Kostenerstattung der Entwicklung zu einer „Mehrklassenmedizin“ vorbeugen zu können. Die Kostenerstattung sei europakonform, bewirke mehr Transparenz bei den Abrechnungen und biete dem Arzt eine Grundlage, sein Einkommen besser kalkulieren zu können. Überdies schaffe sie gute Voraussetzungen für die Qualitätssicherung der erbrachten Leistungen.
Auch bei der Umstellung von der Sachleistung auf die Kostenerstattung schlägt der NAV-Virchow-Bund ein mehrstufiges Verfahren vor. Zunächst sollte die Kostenerstattung bei den so genannten Wahlleistungen der Krankenkassen greifen, anschließend bei den Satzungsleistungen und schließlich auch bei den Regelleistungen. Dieses Verfahren hätte zudem den Vorteil, dass begleitende Umfragen und Untersuchungen Aufschluss über die Ak-
zeptanz und die Ausgabenentwick-
lung beim jeweiligen Teilschritt geben
könnten.
Im Hinblick auf die Steuerung der Inanspruchnahme von Leistungen favorisiert der Verband ein Anreizsystem für die Patienten. Die Selbstbeteiligung könne nach der finanziellen Leistungsfähigkeit abgestuft werden. Daneben müsse es geschützte Bereiche geben – beispielsweise bei Suchterkrankungen.
Wie die niedergelassenen Ärzte zur Kostenerstattung stehen, will der NAV-Virchow-Bund über eine eigene Umfrage ermitteln. Der Vorstand will die Brendan-Schmittmann-Stiftung mit einer Erhebung beauftragen, die die Akzeptanz für den angestrebten Systemwechsel ermitteln soll.
Kostenerstattung und Selbstbeteiligung sind in der Schweiz wesentliche Bestandteile des Versicherungssystems. Hanspeter Kuhn, stellvertretender Generalsekretär der schweizerschen Ärzteorganisation FMH, berichtete bei der Bundesversammlung über die Erfahrungen der Schweizer Ärzte mit der Kostenerstattung. Was den direkten Vergleich allerdings erschwert: Es gibt große kantonale Unterschiede in der Höhe der Selbstbeteiligung, und ein eindeutig definierter Leistungskatalog der Kran­ken­ver­siche­rung ist in der Schweiz nicht vorhanden. Kuhn: „Wir haben eine willkürliche Sammlung einmal vor Gericht erstrittener Fälle. Der Rest ist Schweigen beziehungsweise ein Vakuum.“
Weil wenig definiert ist, haben die Schweizer Ärzte zwar ein hohes Maß an Autonomie bei der Behandlung ihrer Patienten. Zugleich werde aber auf diese Weise die Rationierungsfrage „elegant umschifft“, meinte Kuhn.
Patienten zahlen Arztrechnung
Üblicherweise geht in der Schweiz die Rechnung über die erbrachten ärztlichen Leistungen direkt an den Patienten. Der Patient zahlt und erhält eine Erstattung von der Krankenkasse. Bei der Behandlung durch niedergelassene Ärzte ist dies tatsächlich noch die Regel. Die Behandlungskosten in den Krankenhäusern werden hingegen überwiegend direkt den Krankenkassen in Rechnung gestellt.
Etwa ein Prozent der Arztrechnungen wird nicht beglichen. Das ist das
direkte Risiko, das die Ärzte mit der Kostenerstattung eingehen. Doch es gibt auch indirekte Risiken: In der Schweiz gilt eine Selbstbeteiligung der Versicherten von mindestens 230 Franken pro Jahr. Auch höhere Selbstbehalte sind wählbar – bis zu 1600 Franken. Da die Versicherten bis zur Höhe ihres Selbstbehalts ohne Erstattung durch die Krankenkassen zahlen müssen, besteht eine gewisse Hemmschwelle vor dem Arztbesuch. Josef Maus
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