ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2001Schule: Das „Green-Card-Syndrom“

POLITIK: Kommentar

Schule: Das „Green-Card-Syndrom“

Dtsch Arztebl 2001; 98(11): A-666 / B-558 / C-533

Tretter, Felix

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LNSLNS Oder: Die Deutschen, ein Volk mit hoher „Akalkulie-Prävalenz“?

Die aktuelle Situation, dass in Deutschland zu wenige inländische Fachkräfte für die Informationstechnologie (IT) zur Verfügung stehen, wirft viele Fragen auf. Ohne die komplexe Materie der Green- Card-Problematik im nötigen Umfang zu betrachten, wird hier nur der Fokus auf das Teilproblem der mangelnden Kompetenz in Mathematik gelenkt, denn Mathematik kann als Fachdisziplin für das im IT-Bereich besonders nötige logische Denken gelten. Nicht nur auf universitärem Niveau, sondern auch auf Fachhochschulenniveau ist Mathematik ein Basisfach für Elektro- und Elektronikingenieure, Informatiker und ähnliche Berufe. Viele Studenten dieser Fächer fallen in Mathematikprüfungen durch, nicht wenige geben ihr Studienfach deshalb auf. Man könnte daher fast an eine zunehmende Epidemie einer Rechenschwäche (Akalkulie) denken, es gibt aber näher liegende Einflüsse.
Zunächst ist jedoch zu klären, warum es sinnvoll erscheint, auch Mediziner auf das Thema Mathematikkompetenz hinzuweisen: Hausärzte und auch Kinderärzte kennen viele Eltern, die besorgt sind, dass ihre Kinder die naturwissenschaftlichen Fächer in der Schule nicht schaffen, vor allem in „Mathe“ befürchtet man Übles. Der Wunsch nach Weckaminen für das Lernen und nach Beruhigungsmitteln für Prüfungen – nicht nur in „Mathe“ – ist oft nicht zu überhören. Die soziale Bedeutung von Mathematikkompetenzen als Schlüsselkompetenz für die Zukunft bringt mit sich, dass in der Schule erfahrene Defizite in diesem Bereich zur Minderung des Selbstwertgefühls (Selbstwirksamkeitserwartungen) beitragen können. Somit ergeben sich auch aus psychotherapeutischer Sicht gewisse Risiken für psychopathologische Entwicklungen (Depression, Angst, Sucht), eine These, die noch genau zu untersuchen wäre.
Insgesamt betrachtet ist es daher auch für Ärzte nützlich, einige Überlegungen zum Thema Mathematik anzustellen, vor allem wenn man an den Nutzen der Mathematik für die in der Medizin so bedeutenden bildgebenden Verfahren denkt und sich auch darauf besinnt, dass die Medizin zu großen Teilen eine angewandte Naturwissenschaft ist.
Aus praktischer Sicht ist die Frage nach der Mathematikkompetenz eng mit dem Funktionieren des Schulunterrichts von Mathematik verknüpft. So zeigt die so genannte TIMMS-Studie, dass deutsche Schüler im mathematischen Lösen von Problemen im Europavergleich ziemlich schlecht sind, wenngleich sie gut rechnen können. Die Mehrzahl der Schüler fühlt sich auch im Mathematik-Unterricht dumm, Unterrichtetes wird schnell vergessen und so weiter. Es erheben sich daher Zweifel, ob der Mathematikunterricht passend gestaltet wird, besser gesagt, ob „Mathematik effektiv und/oder effizient kommuniziert“ wird. Das bedeutet, dass die Didaktik und die Interaktion der Lehrer mit den Schülern verbesserungswürdig sind, was in der Schulpraxis auch zunehmend beachtet wird, etwa in Form der eher interaktiven und weniger direktiven Unterrichtsstile.
Der Begriff „Kommunikation der Mathematik“ kennzeichnet nun den Prozess zwischen Sender (Lehrer), Medium (zum Beispiel Formeln auf der Tafel) und Empfänger (Schüler). Schlechte Kommunikation der Mathematik bedeutet dann, dass wenigstens in einem dieser drei Bereiche Defizite vorliegen können:
Frage 1: Sind die Schüler zu wenig begabt ?
Es ist davon auszugehen, dass es zu wenige mathematisch Begabte gibt, manche davon sind außerdem nicht motiviert, sich mit Mathematik zu befassen. Generell ist bei Schülern wenig Interesse an Mathematik und an Naturwissenschaften zu erkennen. Man kann daher, wenn die Motivation der Schüler für die Aneignung mathematischer Kompetenz angehoben wird, auch das vorhandene Begabungspotenzial in Schulklassen anheben. Dies kann, wie Umfragen zeigen, dadurch geschehen, dass die Schüler den Eindruck bekommen, dass Mathematik ein universelles Werkzeug ist, das unter anderem
c auch Schülern helfen kann, Alltagsprobleme zu managen (zum Beispiel Berechnen von Ort-Zeit-Beziehungen bei Reisen, Umrechnen von Währungen, bei Bankfragen, beim Einkaufen und so weiter).
c Unterhaltung durch mathematische Rätsel (zum Beispiel Vierfarbenproblem) liefert,
c ein Training im logischen Denken vermittelt,
c ästhetische Figuren generieren hilft (fraktale Geometrie).
Diese verschiedenen Valenzen von Mathematik sprechen unterschiedliche Begabungs- beziehungsweise Motivationsschwerpunkte bei Schülern an, was gezielt genutzt werden sollte. Zwar wissen wir noch verhältnismäßig wenig über die psychologischen Prozesse, die beim „Verstehen“ von Mathematik und beim Lösen von Problemen auftreten, doch ist anerkannt, dass das intuitive Herangehen an mathematische Probleme sehr wichtig ist. Bemerkenswert sind auch die Barrieren für Mädchen im Mathematikunterricht – wobei festgestellt wird, dass Mathematikkurse, die speziell für Mädchen abgehalten werden, zu besseren Abiturnoten führen.
Das dort Gezeigte beruht ja meist auf Lehrbüchern. Diese sind für die verschiedensten Schulstufen im Hinblick auf das Ziel „Probleme mathematisch lösen“ nicht zufriedenstellend gestaltet. Man lernt vielmehr „mathematische Probleme lösen“.
Frage 2: Reicht die Tafel
als Medium der Schulmathematik?
Es mangelt grundlegend an überzeugenden Demonstrationen der Prinzipien des mathematischen Denkens. Visualisierungen sind selten, Herleitungen von Formeln setzen häufig Vorwissen voraus, Layout und Textgestaltung sind wenig zufriedenstellend. Standard setzen wohl auch hier englische beziehungsweise amerikanische Lehrbücher. Neue Möglichkeiten bieten computerisierte Mathematik-Übungsprogramme („Computeralgebra“) oder popularisierte Ökosystem-Simulationen (Räuber-Beute-Systeme).
Frage 3: Welche Lehrer brauchen wir?
Klagen über Lehrer fallen leicht, allzu leicht. Es gilt diese Berufsgruppe, gerade was den Mathematikunterricht betrifft, zu motivieren, den Schülern etwas wirklich Brauchbares zu vermitteln. Man muss Mathematiklehrer suchen, die eine besondere Gabe haben, Mathematik zu vermitteln und ihre Strategien zu verbreiten. Curriculäre Restriktionen müssen überwunden werden.
Was beim gesamten Kommunikationsprozess wohl am leichtesten verbessert werden kann, ist die Gestaltung von Lehrmitteln. Auf der Suche nach rationalen Kriterien der Gestaltung mathematischer Lehrbücher fallen große Forschungsdefizite auf. Man kann aber auch bereits einiges verbessern, vor allem im Hinblick auf die Darstellung praktischer Mathematik, also der Anwendungsrelevanz von Mathematik. Vielleicht muss man auch ein wenig zurück zu den Wurzeln der Arithmetik und Geometrie der Antike, zurück zur Art des Denkens von Pythagoras.
Neue Bildungsinitiativen sind in Deutschland besonders wichtig, die Konzentration auf die Begabtenförderung muss aber durch anwendungsorientierte Bildungsinitiativen ergänzt werden. Ein derartiges Projekt soll auch im Sommer 2001 an der Universität München in Form einer Sommerschule für Gymnasiasten durchgeführt werden, bei dem Gymnasiasten für Mathematik begeistert werden sollen. Dabei soll die psychologische Dimension der Vermittlung von Mathematik wissenschaftlich genauer untersucht werden. Dies ist ein Schritt in die Richtung, Mathematik für jene attraktiver zu machen, die sich dafür interessieren, sich aber dieses Gebiet nicht zutrauen und Berufen, die damit zu tun haben, aus dem Weg gehen.

Literatur beim Verfasser

Anschrift des Verfassers:
Priv.-Doz. Dr. Dr. Dr. Felix Tretter
Bezirkskrankenhaus Haar
85529 Haar/München
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