ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2001Arzttum: Verwaltungsmedizin

POLITIK: Die Glosse

Arzttum: Verwaltungsmedizin

Dtsch Arztebl 2001; 98(11): A-669 / B-545 / C-513

Stula, Martin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Ein schlechter Mensch bin ich. Einer von denen, die ihr Leben lang nur belohnt wurden. Brustgestillt, satte Kindheit in einer Mittelstandsfamilie, gute Schule mit Klassenreise nach Rom. Eine kämpferische Pubertät mit einem Ladendiebstahl und vier Joints. Abitur ohne Mühe, und dem Biolehrer eine Stripperin in den Bio-Kurs der zwölften Klasse geschickt. Das Medizinstudium von den Eltern bezahlt, einschließlich WG-Zimmer. Eine vom Leben belohnte Freundin (und noch eine während meines Auslandsstipendiums in Yale). Und jetzt das . . .
Halt! Ich bin nicht krank (Aids, multiple Sklerose oder ähnliche gesundheitliche Schicksalsschläge, die mitunter den Ausschluss aus dem Verein „Gesellschaft“ bedeuten), habe weder suizidalen Liebeskummer noch Schulden durch übermäßiges Telefonieren mit dem Handy.
Ich habe einfach einen Beruf angefangen und jammere Ihnen jetzt etwas vor. Klar, das wissen Sie auch: Der Arztberuf ist schwer. Viel Arbeit und Stress. Ständig Entscheidungen zwischen Leben und Tod. Wenig Schlaf und harte Chefs. Logisch, dass so einer wie ich anfängt zu jammern. Aber Sie irren. Ich bin nicht Arzt – und werde es wohl auch nie werden: Ich bin AiP.
Eigentlich darf ich gar nicht arbeiten, denn der Status des AiP gleicht einem Berufsverbot. Da ich keine vollständige Berufszulassung habe, erfüllt schon das morgendliche Blutabnehmen auf der Station den Straftatbestand der Körperverletzung. Genau genommen der „gefährlichen Körperverletzung“, denn ich hantiere ja mit spitzen Gegenständen. Während dieser Runde gewohnheitsmäßiger Delinquenz reichen mir sowohl Schwestern als auch Patienten die ersten Unterlagen zu, die ich im Laufe des Tages bearbeiten muss: Fahrtkostengenehmigungen, Krankenhaustagegeld-Bescheinigungen, Bestätigungen für Lebensversicherungen und Aufenthaltsbestätigungen für die Krankenkassen. Ich lege das Zeug in die Ecke der Station, in der ich den Papierkram erledige.
Dann mache ich erst mal Visite. Da der andere AiP, mit dem ich mir die Station eigentlich teile, für den Chef eine Studie betreut und abgezogen wurde, bin ich allein und muss, der Ärzteschwemme sei Dank, den Stationsalltag allein bewältigen. Ich weiß zwar nicht so recht, ob mein Visitensystem richtig ist, aber bis jetzt habe ich die Patienten immer durchgeschleust. Ich gehe rein, frage, wie es geht, tue so, als ob ich aus der kurzen Untersuchung etwas machen oder gar richtige Entscheidungen fällen kann, sage einige aufmunternde Worte und gehe wieder. Unzufriedene Patienten werden an den Oberarzt verwiesen, der „sicher morgen“ kommt. Ich schreibe Anordnungen und Medikamente auf, die dem Chef gefallen. Nun, ich weiß nicht, warum diese gegeben werden sollen und nicht andere. Hinterfragen ist bei meinem Chef tödlich. Zumindest möchte ich meinen Job behalten.
Mein Chef sagt zu uns AiP immer: „Wenn ich etwas über Medizin wissen will, frage ich doch auch nicht den Pförtner.“ Den Spruch verstehen Sie nicht, stimmt’s? Ich habe auch lange gegrübelt. Allmählich habe ich gemerkt, dass unser Chef die Zeichen der Zeit erkannt hat. Er weiß, dass er zu einer aussterbenden Berufsgruppe gehört: den Ärzten. Er hilft uns, dies zu verstehen und zu akzeptieren. Er nimmt uns dieses die Erkenntnis verhindernde Gefühl der Berufung, er nimmt es uns und macht den Beruf zum Job.
Wozu sollen wir noch echte Medizin erlernen, wenn die Zukunft doch so viele Fachleute für Verwaltungsmedizin benötigt? Dafür sind wir doch perfekt: Ein bisschen vorgebildet und ad-
äquat (also schlecht) bezahlt. Dass ich nicht eher draufgekommen bin!
Und Sie? Wollen Sie, dass ich weiter meinen Tagesablauf vor Ihrem geistigen Auge abspulen lasse? Also, die Scheine von vorhin müssen ausgefüllt werden. Anforderungen für Routineuntersuchungen müssen geschrieben werden, Totenscheine, Versicherungspapiere, Kostenübernahmeanträge . . . Gut – Sie haben Recht. Zwischendurch darf ich einen vorgefertigten Anamnesebogen ausfüllen (für eine eigenständige Patientenbefragung sind wir nicht qualifiziert genug), darf Infusionen anlegen, die ich (nach Rücksprache) in der Patientenkurve verordnet habe. Außerdem darf ich sonst noch so einiges machen, wozu die Krankenschwestern keine Lust mehr haben und für das sich kein anderer im Krankenhaus gefunden hat.
Auch die Patienten haben die Zeichen der Zeit längst erkannt. Die Schlauen fragen nach dem Oberarzt. Die anderen lassen mich zumindest ihre Krankenhaustagegeld- und Kuranforderungen erledigen. Patienten, die krankheitsbedingt keinen Verwaltungsservice mehr von mir einfordern können, verlege ich auf eine andere Station. Ich hoffe immer, dass dort ein AiP arbeitet, der meinen Stand der Erkenntnis noch nicht besitzt. Wenn der dann anruft und den Patienten zurückverlegen will, verweise ich ihn an meinen Oberarzt (den man natürlich nie erreicht). Ich werde ein guter Fachmann für Verwaltungsmedizin!
Aber wie Sie ja wissen, bin ich doch nicht zufrieden. Nein, ich beschwere mich nicht über meine Bezahlung. Ich habe versucht, mich weiterzubilden, mich nach Dienst mit Patienten zu beschäftigen, sie sorgfältig zu untersuchen und nach ihren Symptomen zu befragen. Ich habe Ärzte bezahlt, damit sie mir grundlegende Fertigkeiten in modernen Untersuchungsmethoden vermitteln. Aber wozu? Ich kann das alles nicht anwenden! Meine Zeit bleibt ausgefüllt von Akten, Formularen und der Organisation von Verwaltungsvorgängen. Mein Erfolgserlebnis: ein ordentlicher, abgearbeiteter Schreibtisch am Ende des Tages. Das ist mir nicht genug. Bin ich wirklich ein schlechter Mensch? Dr. med. Martin Stula
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema