ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2001Ungewollte Kinderlosigkeit: Adoption als Alternative

THEMEN DER ZEIT

Ungewollte Kinderlosigkeit: Adoption als Alternative

Dtsch Arztebl 2001; 98(11): A-674 / B-550 / C-518

Hornstein, Otto P.; Holzhauer, Heinz

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die soziale Elternschaft wird nur noch selten in Betracht gezogen. Es werden die Gründe erörtert und geprüft, wie die Bereitschaft zur Adoption und zur Freigabe gefördert werden kann.

Wegen der ethisch und rechtlich kontroversen Diskussion um die genetische Präimplantationsdiagnostik (PID) generationsfähiger, aber mit genetischen Risiken belasteter Paare sind die Alternativen – bewusster Verzicht auf eigene Kinder oder Adoption fremder Kinder – fast aus dem ärztlichen Blickfeld geraten. Beide Alternativen werden – nach dem Vorwort zum Entwurf einer Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer zur PID – von Paaren mit hohen genetischen Risikofaktoren „häufig nicht akzeptiert“ (1). Es ist zu fragen, ob Ärzte solche Optionen den betroffenen Paaren vorschlagen, seit eine biotechnisch praktikable, in ihrer ethischen und gesellschaftlichen Tragweite bisher aber nur unzureichend reflektierte „Zeugung in vitro auf Probe“ in den reproduktionsmedizinischen Zentren methodisch verfügbar ist. Es ist den Gründen nachzugehen, die in den letzten Jahrzehnten zur Geringschätzung der Adoption geführt haben.
Adoptionen von Waisenkindern aufgrund von Kriegsfolgen waren in Deutschland nach 1945 ein verbreitetes Motiv, das sich kurzfristig in den 70er- Jahren auf Waisenkinder aus außereuropäischen Katastrophengebieten ausdehnte, seither aber abgenommen hat. Obwohl 1976 ein grundlegend novelliertes Adoptions- und Adoptionsvermittlungsrecht in der Bundesrepublik eingeführt wurde (§§ 1741 – 1772 BGB) (2), sind die jährlichen Zahlen an Adoptionen rückläufig; 1998 haben sie einen neuen Tiefstand erreicht: 7 119 intra- und extrafamiliäre Adoptionen. Dieser Rückstand geht besonders zulasten von Fremdadoptionen (45 Prozent) gegenüber den relativ gleich gebliebenen Familienadoptionen (Kindesannahme von Stiefvater, -mutter oder Verwandten). Seit einigen Jahren steigt die Quote der Adoptionen von Kindern aus dem Ausland: 1998 lag sie bei 26,5 Prozent (absolut: 1 889 Kinder).
Adoptionswillige Paare stehen vor der Schwierigkeit, dass zurzeit auf 14 Paare im Durchschnitt lediglich ein gesundes Adoptivkind kommt. Behinderte Neugeborene sind im Inland nur selten zu vermitteln. Die Möglichkeit, Kinder aus dem Ausland zu adoptieren, kann den Mangel nicht ausgleichen, da die administrativen Hürden hoch sind und nicht selten hohe Kosten anfallen. Beides könnte verringert werden, wenn Deutschland die bereits in 36 Staaten geltende Haager Adoptionskonvention (3) von 1993 – im November 1997 unterzeichnet – ratifiziert.
Haager Adoptionskonvention muss ratifiziert werden
Der Staat hat das Recht und die Pflicht, die Freigabe von Kindern zur Adoption an Vorschriften zu binden, um Missbrauch zu verhindern (4). Die leiblichen Eltern und die Adoptivfamilie müssen strenge Voraussetzungen erfüllen, bevor das eigentliche Verfahren in der Zuständigkeit des Vormundschaftsgerichts beginnt (5). Das Wohl des Kindes ist Leitgedanke jeder Adoptionsvermittlung.
Von reproduktionsmedizinisch tätigen Ärzten, aber auch von Allgemein- und Sozialmedizinern muss erwartet werden, dass sie Rat suchende Paare mit Kinderwunsch sachgemäß beraten können (6). Hierbei ist es in den letzten Jahrzehnten zu Informationsdefiziten und Versäumnissen gekommen (7).
Die Bereitschaft zur Adoptionsfreigabe eines Kindes durch die leibliche Mutter/Eltern hat aus folgenden Gründen abgenommen:
c Die hohe Zahl von Abtreibungen und die Abtreibungsbereitschaft in der Gesellschaft;
c das Unverständnis der Gesellschaft für Kindesfreigabe zur Adoption („warum erst austragen und dann doch abgeben“);
c die zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz des Status allein erziehender Mütter oder Väter.
Bis in die 70er-Jahre trugen die traumatischen Erfahrungen der Nachkriegsgesellschaft dazu bei, dass sich Frauen in Schwangerschaftskonflikten leichter für das Leben des Kindes und gegen eine Abtreibung entschieden. Die sich als Notgemeinschaft bewährende Familie ließ ungewollt Schwangere nur ausnahmsweise im Stich und gewährleistete über Familienpflege oder Verwandtenadoption die Integration des Kindes und der Mutter. Abtreibung galt fast generell noch als verwerflich, Adoption als gesellschaftlich tragfähige Konsenslösung. Es gab – und gibt auch derzeit – Einrichtungen, die Schwangeren eine diskrete Geburt mit Unterbringung des Kindes in einem Heim bis zur Familienpflege oder Fremdadoption ermöglichen.
Bis in die 80er-Jahre war bei der an-drologischen Beratung von therapieresistent infertilen Männern, nach gynäkologischer Abklärung möglicher Ursachen bei der Partnerin, die Adoption ein anerkannter Weg, um den Kinderwunsch zu erfüllen (6). Mit Einführung der In-vitro-Fertilisation (IVF) der Eizelle – seit den 90er-Jahren auch durch intrazytoplasmatische Spermiuminjektion (ICSI) – ist das Interesse an Adoptionen bei den Reproduktionsmedizinern erheblich zurückgegangen. !
Im Vergleich zur medikamentösen, statistisch relativ erfolgsarmen, Behandlung der polyätiologischen Oligo-Astheno-Teratozoospermie (OAT-Syndrom) ermöglicht die IVF einen direkten instrumentellen Zugang zum Befruchtungsvorgang; sie wird seither vielfach zur therapeutischen Standardmethode erhoben. Beim Therapeuten besteht häufig die Gefahr des „blinden Flecks“ für mehrdimensionale, besonders sozio-psychogene Probleme des sterilen Paares. Für den technisch versierten Reproduktionsmediziner endet der selbst gesetzte therapeutische Auftrag mit der versuchten Erzeugung eines Embryos mit anschließendem uterinen Transfer, gefolgt von pränataler Diagnostik. Im Bereitwilligkeitskonflikt mit dem eigenen Kompetenzverzicht liegt das größte emotionale Hemmnis bei hoch spezialisierten Ärzten, Adoptionen in ihr therapeutisches Kalkül zu ziehen.
In der Gesellschaft bestehen gegen Adoptionen Vorurteile. Besonders auf dem Land kann eine Kindesadoption immer noch als „Blamage“ für den Mann angesehen werden. Nicht selten wird – zu Unrecht – die Unterschiebung „minderwertiger“ Kleinkinder durch das Jugendamt befürchtet. Ist dieser Argwohn auch auszuräumen, so können doch die peniblen Einblicke der adoptionsvermittelnden Fachpersonen in die Verhältnisse des Paares als Ärgernis empfunden werden. Daran scheitert manches primäre Adoptionsbegehren – was für das Kind manchmal auch ein Glück sein kann.
Die neuerdings von den Adoptionsvermittlungsstellen zunehmend favorisierte „offene“ Adoption stellt zwar zusätzliche Anforderungen an die Adoptiveltern, wirkt sich aber auf das seelische Wohl des Kindes und der leiblichen Mutter meist günstig aus. Da das Recht auf Kenntnis der biologischen Abstammung vom Bundesverfassungsgericht mit Grundrechtqualität ausgestattet ist (Urteil vom 31. Januar 1989) (8), entfällt bei „offenen“ Adoptionen die bei Inkognito-Adoptionen häufige Unsicherheit über den Modus und Zeitpunkt der Kindesaufklärung über seine genetische Herkunft. Die künftigen Adoptiveltern lernen die Mutter kennen, diese kann die neuen Lebensbedingungen ihres Kindes erfahren und dadurch Trennungsschmerz leichter überwinden.
Die rechtliche Konsequenz, dass bei einer Adoption die Rückgabe ausgeschlossen ist, rechtfertigt es eo ipso, an die erzieherischen Fähigkeiten der künftigen Eltern strenge Maßstäbe zu legen. Bei genetisch fremden Kindern fehlt der sonst durch biologische Verwandtschaft gleichsam genuine Abstand als gegenseitiger Schutz vor dyssozialen, zum Beispiel inzestuösen Beziehungen. Es gibt jedoch keine sozialstatistischen Hinweise, dass die Rate sexuellen Missbrauchs von Adoptivkindern erhöht ist.
Ärzte, die zur Adoption raten, sollten klare Vorstellungen über die familiären Bedingungen und soziale Belastbarkeit haben. Nachdrücklich warnt der Bundesverband der Pflege- und Adoptiveltern vor falschen Intentionen (9). Mitleid ist ein gefährliches Motiv für eine tragfähige Adoption. Auch ist ein Adoptivkind kein präsumptives Objekt zur Bewältigung ungelöster Partnerschaftskonflikte.
Der Diskussionsentwurf zur PID-Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer fordert, dass sich „die Beratung auf Aufklärung durch den Humangenetiker und den Gynäkologen . . . auf mögliche Alternativen erstrecken muss, wie zum Beispiel Adoption oder Verzicht auf eigene Kinder“ (1). Viel spricht dafür, die Hausärzte in die primäre Entscheidungs- und Konsiliarebene einzubeziehen. Sie kennen die individuelle und familiäre Biografie ihrer Patienten.
Zweifellos erfordert das staatliche Adoptionswesen noch Verbesserungen, um größere Wirksamkeit zu entfalten (10, 11). Unabdingbar – in Befolgung der im Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 28. Mai 1993 geforderten Schutzpflicht des Staates für das Leben der Ungeborenen – sind nachhaltige sozialpolitische Maßnahmen zur Verringerung der hohen Abtreibungsquoten und zur Förderung der individuellen Bereitschaft zur postpartalen Abgabe. Es gibt Stiftungen, die ideelle und finanzielle Hilfe für Schwangere in sozial begründeten Konfliktfällen anbieten, zur Austragung des Kindes motivieren und auch dessen Nachsorge unterstützen wollen. Sie verdienen wirksame gesellschaftliche und staatliche (zum Beispiel auch steuerliche) Förderung.
Künftig ist die gesetzlich verpflichtende Einbeziehung des Erzeugers, möglichst auch naher Verwandter, des Ungeborenen in die Schwangerschaftskonfliktberatung erforderlich, um der werdenden Mutter günstige Perspektiven für das Leben ihres Kindes zu öffnen. Die Bundesregierung wird in Hinblick auf aktuell notwendige Verbesserungen des zwischenstaatlichen Adoptionswesens aufgefordert, die schon in 27 Staaten (zum Beispiel in Frankreich, Spanien und den skandinavischen Staaten) ratifizierte Haager Konvention ebenfalls zu bestätigen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 674–676 [Heft 11]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Otto P. Hornstein
Danziger Straße 5
91080 Uttenreuth
Anzeige
1. Bundes­ärzte­kammer: Diskussionsentwurf zu einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik. Dt Ärztebl 2000; 97: A 505-507 (Heft 9).
2. Holzhauer H. In: Erman, Bürgerliches Gesetzbuch, Handkommentar, Kommentierung des Adoptionsrechts §§ 1741 - 1772 (2000).
3. Hague Convention of 29 May 1993 on Protection of Children and Co-Operation in respect of Intercountry Adoption. Hague Conference on Private International Law (Listing by Permanent Bureau, October 11, 1999).
4. Adoptionsvermittlungsgesetz: Text der geltenden Fassung bei Erman, Bürgerliches Gesetzbuch, Handkommentar (August 2000), vor § 1741.
5. Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter: Empfehlungen zur Adoptionsvermittlung. Überarbeitete Auflage (1994).
6. Doepfmer R.: Adoption. In: Jadassohns Handbuch Haut- und Geschlechtskrankheiten (Ergänzungswerk, Hrsg. A. Marchionini), Bd. VI/2, Andrologie. Springer Verlag, Berlin, Göttingen, Heidelberg (1960).
7. Hornstein O P.: Ausweg: Adoption. In: Präimplantationsdiagnostik: Auftakt des öffentlichen Diskurses. Dt Ärztebl 2000; 97: A 1125-1135 (Heft 17).
8. Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 31.1.1998, BverfGE 79, 256.
9. Bundesverband der Pflege- und Adoptiveltern (Hrsg.): Informationen für Adoptionsbewerber, Köln, 1994
10. Hattenhauer, H.: Kindeswohl und Kindesrecht. In: Deutsches Kinderhilfswerk (Hrsg.), Dokumentation „UN-Konvention über die Rechte des Kindes“, München 1990.
11. Hattenhauer H: Adoption – Hilfe in Schwangerschaftskonflikten? Schriftenreihe Juristen-Vereinigung Lebensrecht e.V. 1997; 14: 35-57.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema