ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2001Klinische und therapeutische Besonderheiten kutaner Lymphome

MEDIZIN

Klinische und therapeutische Besonderheiten kutaner Lymphome

Dtsch Arztebl 2001; 98(11): A-697 / B-568 / C-534

Burg, Günter; Dummer, Reinhard; Kempf, Werner

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zusammenfassung
Kutane Lymphome (CL) gehören zu den häufigsten Vertretern extranodaler Lymphome und repräsentieren in vielerlei Hinsicht eine besondere Gruppe der malignen Lymphome. CL bilden eine heterogene Gruppe neoplastischer Erkrankungen mit einem weiten Spektrum klinischer und histologischer Manifestationen. Die Diagnose beruht auf einer integrativen Synopsis der klinisch-pathologischen Befunde unter Einbeziehung der Resultate von Phäno- und Genotypisierung. Die Prognose kutaner Lymphome ist in der Regel besser als die Prognose nodaler Lymphome gleicher Zytomorphologie, woraus sich wichtige Konsequenzen für das therapeutische Vorgehen ergeben. Für die Erforschung der Pathogenese lymphoproliferativer Erkrankungen stellen die CL Modellerkrankungen dar. Der Beitrag gibt eine Übersicht über die klinischen, diagnostischen und therapeutischen Besonderheiten primärer kutaner Lymphome.

Schlüsselwörter: Lymphom, extranodal, Haut
Summary
Clinical and Therapeutical Features of Cutaneous Lymphomas
Cutaneous lymphomas (CL) are one of the
most common form of extranodal non-Hodgkin´s lymphomas. They are characterized by a broad spectrum of clinical and histologic presentation. The diagnosis of CL is based on clinico-
pathologic correlation and phenotypic as well as genotypic features. Usually, CL exhibit a
better prognosis than their nodal counterparts, i. e. nodal lymphomas with identical cytomorphologic features. Therefore, treatment of CL is often different from treatment of nodal lymphomas. In research CL are very suitable
to investigate the pathogenesis of lympho-
proliferative diseases. This article reviews the clinical, diagnostic and therapeutic aspects of primary CL.

Key words: lymphoma, extranodal, skin


Kutane Lymphome (CL) gehören zur Gruppe der extranodalen Non-Hodgkin-Lymphome, innerhalb derer sie die zweithäufigste Lymphomform darstellen. Die Inzidenz wird auf 0,5 Neuerkrankungen pro Jahr und 100 000 Einwohner geschätzt. Primäre CL entstehen definitionsgemäß in der Haut und bleiben in der Regel über längere Zeit (mindestens sechs Monate) auf das Hautorgan beschränkt, während sekundäre CL kutane Manifestationen von disseminierten, primär nodalen oder extranodalen Lymphomen darstellen. Primäre CL umfassen ein weites, klinisch und histologisch heterogenes Spektrum lymphoproliferativer Neoplasien, wobei 65 Prozent der CL den kutanen T-Zell-Lymphomen
(CTCL), 25 Prozent den kutanen B-Zell-Lymphomen (CBCL) und 10 Prozent weiteren, seltenen Formen von CL zugeordnet werden können. CL und nodale oder extrakutane Lymphome gleicher Zytomorphologie unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer klinischen Manifestation, aber auch in den therapeutischen Maßnahmen und prognostischen Charakteristika. Deshalb sollten Patienten mit CL in enger Zusammenarbeit zwischen einem spezialisierten Zentrum und dem niedergelassenen Arzt behandelt werden. Der folgende Beitrag gibt eine Übersicht über die klinischen, diagnostischen und therapeutischen Besonderheiten primärer CL.
Dilemma der Klassifikation
Bis vor kurzem basierten nahezu
alle gängigen Lymphomklassifikationen (zum Beispiel Kiel-Klassifikation, Working Formulation) hauptsächlich auf zytologischen Kriterien. Diese Klassifikationen berücksichtigten CL nicht als eigenständige Entitäten und konnten den klinischen, therapeutischen und prognostischen Eigenheiten von CL nicht gerecht werden. Von dermatologischer Seite wurden immer wieder zahlreiche Klassifikationsvorschläge gemacht, die jedoch keine breite und dauerhafte Akzeptanz gefunden haben (1). 1997 veröffentlichte die Arbeitsgruppe „Kutane Lymphome“ der European Organization for Research and Treatment of Cancer (EORTC) eine eigens für CL entwickelte Klassifikation, welche zusammen mit der Kiel-, REAL- (Revised European Ameri-
can Lymphoma Classification) und WHO-Klassifikation in Tabelle 1 aufgeführt ist. In Anlehnung an die für nodale und zahlreiche extranodale Lymphome verwendete REAL-Klassifikation beschreiben beide Systeme
nosologische Entitäten, die durch klinische, histo- und zytomorphologi-
sche sowie phäno- und genotypische Merkmale definiert sind. Obwohl die EORTC-Klassifikation für CL zwar der Vielfalt und den Besonderheiten kutaner Lymphome besser gerecht wird als vorangegangene Systeme, hat sie – wie jede „fachspezifische“ Klassifikation – außerhalb dermatologischer und dermatopathologischer Kreise eine begrenzte Verbreitung und Akzeptanz gefunden. Die kürzlich aus der REAL-Klassifikation hervorgegangene neue WHO-Klassifikation versucht die Charakteristika extranodaler, das heißt auch primärer CL, innerhalb einer weiterentwickelten Klassifikation nodaler und extranodaler Lymphome zu integrieren. Deshalb befürworten die Autoren die Anwendung dieser fachübergreifenden Klassifikation als wegweisendes Modell.
Nach praktisch-klinischen Gesichtspunkten können die CL in folgende prognostisch relevante Kategorien eingeteilt werden (Tabelle 2):
c Pseudolymphome (PSL); reaktiver lymphoproliferativer Prozess, welcher sich spontan zurückbildet und durch nichtaggressive Maßnahmen geheilt werden kann,
c Prälymphome und so genannte latente beziehungsweise abortive CL, die nicht permanent rückbildungsfähig sind, jedoch nicht zu einer Einschränkung der Lebenserwartung führen,
c definitive, nicht aggressive oder so genannte niedrigmaligne CL, die langsam progredient sind und zu einer mäßig eingeschränkten Lebenserwartung führen.
c definitive, aggressive oder so genannte hochmaligne CL mit rascher Progredienz und deutlich eingeschränkter Lebenserwartung. Tabelle 3 zeigt die Zuordnung der CL zu den Entitäten der WHO-Klassifikation einerseits und den verschiedenen prognostischen Kategorien andererseits.
Angesichts der häufigen Wechsel im nosologischen Verständnis und der Klassifikation von CL empfiehlt es sich zudem, Patienten an ein spezialisiertes Zentrum für CL zur Diagnosestellung zuzuweisen.
Kutane T-Zell-Lymphome
Im Gegensatz zu nodalen Lymphomen, bei welchen B-Zell-Lymphome überwiegen, machen kutane T-Zell-Lymphome (CTCL) die Mehrheit (65 Prozent) der CL aus. Dabei gelten die Mycosis fungoides (MF) und das Sézary-Syndrom (SS) als Prototypen der CTCL. Die Tumorentwicklung vollzieht sich bei der MF in drei Stadien: Die Läsionen beginnen
als flache, gerötete und schuppende Herde (so genanntes ekzematöses oder Patch-Stadium), die in der Regel weder morphologisch noch phäno- oder genotypisch Zeichen eines neoplastischen Geschehens erkennen lassen und daher in Analogie zu den Adenomen beim Kolonkarzinom oder aktinischen Präkanzerosen als prämykoside Veränderungen einzustufen sind. Nach Jahren kann der Übergang in plattenartige Infiltrate (so genanntes infiltratives oder Plaquestadium) erfolgen. Die morphologischen Veränderungen sind jetzt eindeutig neoplastisch. Es findet sich phänotypisch Antigenverlust und genotypisch Klonalität der Infiltratzellen. Nicht selten sind in diesen Stadien vergrößerte regionale Lymphknoten zu finden, die jedoch meist Ausdruck einer dermatopathischen Reaktion sind. Die Bildung von Tumorknoten charakterisiert das weit fortgeschrittene Stadium (Tumorstadium), in welchem es zum extrakutanen Befall von Lymphknoten und viszeralen Organen kommen kann. Der stufenweise Verlauf der Erkrankung über ist schematisch in der Grafik wiedergegeben.
Das SS manifestiert sich bereits initial mit einer generalisierten Rötung und Schuppung der meist ödematös verdickten Haut (Erythrodermie), welche von einem meist therapierefraktären Pruritus begleitet wird. Außerdem bestehen eine generalisierte Lymphknotenvergrößerung, palmoplantare Hyperkeratosen, Nageldystrophien und im Blutausstrich lassen sich atypische lymphoide Zellen (Sézary- oder Lutzner-Zellen) mit stark gekerbten, so genannten zerebriformen Kernstrukturen nachweisen. Histologisch kann das SS von der MF nicht unterschieden werden.
Da CTCL in den Anfangsstadien gutartige entzündliche Dermatosen wie Ekzeme, Psoriasis oder sekundäre Erythrodermien imitieren können, wird die Diagnose in vielen Fällen erst nach einer erheblichen Latenz gestellt. Eine zeitgemäße Diagnostik beinhaltet dabei die Durchführung von Hautbiopsien (einschließlich der Asservierung von Frischgewebe für immunhistochemische und molekularbiologische Verfahren), bedarfsweise eine ausgedehnte Phänotypisierung der Infiltrate und
die Applikation molekularbiologischer Untersuchungen zum Nachweis einer klonalen T-Zell-Population mit spezifisch rearrangierten T-Zell-Rezeptor-Genen. Die genannten Untersuchungsverfahren werden vor allem an größeren Zentren angeboten, die über ausreichende Erfahrung in der Durchführung und Auswertung dieser komplexen Methoden verfügen. Eine frühzeitige Erfassung eines kutanen lymphoproliferativen Prozesses ist wichtig und erfordert eine Synthese von klinischem Bild, histologischen Befunden sowie den Resultaten der oben genannten Verfahren, welche nur in enger Zusammenarbeit zwischen dem erfahrenen Kliniker und dem mit molekularbiologischen Techniken vertrauten Dermatopathologen beziehungsweise dermatologisch geschulten Pathologen erzielt werden kann.
Obwohl zur Stadieneinteilung die TNM-Einteilung die am weitesten verbreitete Methode darstellt, spiegelt sie nur unbefriedigend den biologischen Verlauf und die Prognose bei vie-
len CTCL-Formen wider. Der kürzlich beschriebene „tumor burden index (TBI)“ reflektiert die Tumorausdehnung am Hautorgan besser und ist der TNM-Stadieneinteilung bezüglich seiner prognostischen Aussagekraft überlegen (7). Bei jedem Patienten mit
CTCL sollte jedoch neben laborchemischen beziehungsweise hämatologischen Untersuchungen (Blutbild, Blutchemie) ein ausgedehntes Staging mit Ultraschall von Abdomen und Lymphknoten, Thorax-Röntgen zur Erfassung oder Ausschluss extrakutaner Manifestationen durchgeführt werden. Eine Untersuchung des Knochenmarks erübrigt sich bei CTCL mit ausschließlicher Hautmanifestation.
Die Therapie von CTCL in den Anfangsstadien besteht in einer Lokalbehandlung, die entweder potente Steroide oder topisch applizierte Chemotherapeutika (Stickstofflost oder „nitro-
gen mustard“, häufig in Nordamerika und skandinavischen Ländern praktiziert) beinhaltet. Als Alternative bietet sich eine Behandlung mit UVA-Licht (in Kombination mit Psoralenen als „PUVA“ (PUVA, Psoralen-UVA-Lichttherapie) und Retinoiden oder Interferon-alpha an. Die Strahlentherapie wird als Orthovolttherapie zur Behandlung rasch wachsender Tumorknoten oder als Ganzkörperbestrahlung mit schnellen Elektronen eingesetzt. Im Unterschied zu nodalen und zahlreichen extranodalen Lymphomen spielt die systemische Chemotherapie bei
CTCL eine untergeordnete Rolle und wird in der Regel erst in fortgeschrittenen Stadien als palliative Maßnahme angewendet. In Zukunft dürfte die spezifische Vakzinierung gegen Peptide der variablen Region des T-Zell-Rezeptors bedeutend werden.
CD30-positive Lymphome
CD30-positive lymphoproliferative Erkrankungen (LPE) der Haut bilden ein Spektrum, welches die lymphomatoide Papulose (LyP; Abbildung 1), CD30-positive pleomorphe Lymphome (PTZL) und das kutane großzellig-anaplastische Lymphom (ALCL) umfasst. Allen gemeinsam ist die Expression des lymphozytären Aktivierungsmarkers CD30 durch die Tumorzellen, eine Tendenz zur Spontanregression einzelner Tumorherde und eine im Gegensatz zu nodalen CD30-positiven Lymphomen ausgesprochen günstige Prognose. Trotz eines oft jahre- oder jahrzehntelangen Verlaufs ist die Lebenserwartung von Patienten mit LyP nicht eingeschränkt. Dennoch müssen die Patienten lebenslang beobachtet werden, da in fünf bis zehn Prozent der Patienten andere kutane oder nodale Lymphome wie M. Hodgkin, nodale
ALCL oder MF auftreten können. Da es klinische und histologische Überlappungen zwischen den einzelnen CD30-positiven LPE gibt, sollte auch hier eine Diagnose nur in Zusammenschau von klinischem Bild und histologischen Befunden gestellt werden. Die Expression von CD30 ist prognostisch bedeutsam, daher gehört deren Evaluation zur modernen Lymphomdiagnostik jedes pleomorphen und anaplastischen Lymphoms. Es gilt hier vor allem unnötig aggressive und potenziell gefährdende Behandlungsstrategien zu verhindern, zumal gerade große anaplastische Tumorzellen zur Fehlinterpretation eines hochmalignen Prozesses verleiten können. Zur Behandlung solitärer primär kutaner CD30-positi-
ver Tumoren eignet sich die Radiotherapie, während bei der LyP mit einer niedrig-dosierten Methotrexat-Gabe die Bildung neuer Läsionen supprimiert werden kann.
Zytotoxische Lymphome
Die Fortschritte im Bereich der Immunologie und Phänotypisierung von Tumorzellen haben in den letzten Jahren zur Identifizierung von so genannten zytotoxischen Lymphomen geführt. Diese Lymphome stammen von Immunzellen, die ein zytotoxisches Potenzial und/oder einen zytotoxischen Phänotyp aufweisen und folgende Zelltypen beinhal-
ten: CD8-positive T-Zellen, CD3- und CD56-positive natürliche Killerzellen/T-Zellen (NK/T-Zellen) und CD56-positive natürliche Killerzellen (NK-Zellen). Primäre zytotoxische Lymphome der Haut sind selten und können sich unter dem Bild klassischer CL wie der MF oder pagetoiden Retikulose manife-
stieren. Daneben sind jedoch auch spezifische Formen mit ausgeprägt epidermotropen, papulo-nodulären und zur Nekrosebildung neigenden Formen beschrieben worden. Letztere scheinen
einen rasch progredienten, aggressiven Verlauf mit ungünstiger Prognose und oftmals fatalem Ausgang zu haben. Bei einem Teil dieser Lymphome findet sich eine enge Assoziation mit einer Epstein-Barr-Virus- (EBV-)Infektion.
Außerdem scheinen auch subkutane T-Zell-Lymphome überwiegend einen zytotoxischen Phänotyp aufzuweisen. Die Abgrenzung gegenüber entzündlichen Pannikulitiden ist klinisch schwierig, weshalb auch hier die Biopsie und ausgedehnte labortechnische Untersuchungen von zentraler Bedeutung sind. Zur Identifizierung der zytotoxischen Lymphome sind spezielle immunhistochemische Marker und molekularbiologische Methoden notwendig.
Kutane B-Zell-Lymphome
Kutane B-Zell-Lymphome (CBCL) manifestieren sich im Unterschied zu
CTCL meist als knotige derbe kutan-subkutane Infiltrate ohne Ulzeration, die gelegentlich von plattenartigen Infiltraten im Randbereich begleitet werden (Abbildung 2). Aufgrund der zytomorphologischen Zusammensetzung lassen sich Keimzentrums-Lymphome ( FCL, follicle center cell lymphoma; Abbildung 3), Marginalzonen-Lymphome (MZL), Immunozytome (IZ) und diffuse großzellige Formen primärer CBCL (DLCL) unterscheiden. Die genaue nosologische Zuordnung und Klassifikation wird jedoch noch immer kontrovers diskutiert. Die niedrigmalignen Formen der CBCL (FCL, MZL und IZ) weisen eine ausgezeichnete Prognose mit Fünf-Jahres-Überlebensraten von über 90 Prozent auf. Aufgrund der morphologischen Ähnlichkeit werden die niedrigmalignen CBCL auch als so genannte kutane Äquivalente der MALT- (mucosa associated lymphoid tissue-) Lymphome betrachtet und von einigen Autoren in
Anlehnung an diesen Begriff auch als SALT-(skin associated lymphoid tissue-)-Lymphome oder „semimaligne“ Lymphome bezeichnet. Die differenzialdiagnostische Abgrenzung gegenüber den reaktiven B-Zell-Pseudolymphomen (B-PSL) ist in vielen Fällen schwierig. Der molekularbiologische Nachweis einer klonalen B-Zell-Population mit rearrangierten Genen der schweren Kette der Immunglobuline sollte mittels Southern-Blot am Frischgewebe erfolgen, wobei ein positiver Nachweis als Hinweis, aber nicht als Beweis für das Vorliegen eines CBCL zu werten ist. Die endgültige Diagnose hat auch bei CBCL immer zusammen mit den klinisch-pathologischen Befunden zu erfolgen und kann in manchen Fällen nur retrospektiv anhand des Verlaufs (Abheilung, Rezidiv, Progredienz) gestellt werden. Der Nachweis einer positiven immunhistochemischen Reaktion für das bcl-2-Protein bei FCL deutet auf ein primär extrakutanes nodales B-Zell-Lymphom mit sekundärem Hautbefall hin.
Prognostisch heben sich die diffusen großzelligen CBCL, insbesondere im Bereich der unteren Extremitäten (so genannte DLCL of the lower leg) vom Rest der primären CBCL ab. Sie treten vor allem bei älteren Frauen auf, exprimieren das bcl-2-Protein, zeigen eine vergleichsweise schlechte Prognose und können trotz Chemotherapie tödlich verlaufen. Sie sind aber letztlich nicht primär durch ihre Lokalisation, sondern durch das Proliferationsverhalten des maligneren Zelltyps charakterisiert.
Bei einigen Fällen von B-PSL und CBCL lässt sich Borrelien-DNA mittels PCR nachweisen. Gelegentlich können diese Tumoren auch eine Rückbildung nach antibiotischer Behandlung zeigen. In der Regel ist jedoch eine Exzision oder Bestrahlung von CBCL die Therapieform der Wahl. Rezidive sind jedoch auch bei adäquater Behandlung keine Seltenheit. Neuere Therapieverfahren beinhalten die intratumorale Injektion von Chemotherapeutika (zum Beispiel Cisplatin) oder Anti-B-Zell-Antikörpern (Anti-CD20-Antikörper; Rituximab). Bei generalisiertem kutanem oder systemischem Befall ist eine systemische Polychemotherapie angezeigt.
Modellerkrankungen für die Lymphomforschung
Die Tumorentstehung führt auch bei den CL über mehrere Schritte zum Vollbild der Erkrankung. Obwohl immer wieder ein onkogenes Virus als Auslöser von CTCL postuliert wird und in einigen Studien über den Nachweis von Sequenzen des humanen T-lymphotropen Virus (HTLV-1) berichtet wurde, konnte bislang kein konsistenter Zusammenhang zwischen einem bereits bekannten Virus und CL hergestellt werden. Experimentelle Untersuchungen zeigten, dass das Auftreten von Tumorzell-Infiltraten in den Anfangsstadien der CTCL vorwiegend durch verlängertes Überleben der Tumorzellen (beziehungsweise verminderte Apoptoserate) und nicht durch vermehrte Zellteilung (Proliferation) zustande kommt. Interessanterweise sind bereits in frühen CTCL-Stadien mittels molekularer Techniken Tumorzellen im peripheren Blut und den regionalen Lymphknoten nachgewiesen worden, bei gleichzeitig fehlendem Klonalitätsnachweis in den Hautveränderungen. Dies wirft die Frage nach einem primär zirkulierenden Zellklon auf, und die Frage, ob es sich dabei lediglich um zirkulierende Tumorzellen handelt oder bereits um einen frühen systemischen Befall.
In Analogie zu den modernen Vorstellungen über Tumorgenese kann bei der Pathogenese der CL von folgender Hypothese ausgegangen werden, die durch zahlreiche klinische und laborchemische Hinweise gestützt wird. Ein Lymphozytenklon mit chromosomaler Instabilität wird durch ein persistierendes Antigen (Virus, Borrelien oder andere bakterielle Fremdantigene beziehungswei-
se Autoantigene oder virusmodifizierte Autoantigene) permanent stimuliert und zur Proliferation angeregt. Dabei wird bei kutanen Lymphomen eine chromosomale Instabilität initial in der Tumorentstehung postuliert, während bei anderen Tumoren (MALT-Lymphome, Kolonkarzinom) diese erst im Verlauf der Tumorprogression aufzutreten scheint. Dies führt in einigen Fällen zur Akkumulation von Mutationen, die aus einer von der Mikroumgebung abhängigen Zelle schließlich eine Zellpopulation entstehen lassen, die stimulationsunabhängig alle Charakteristika einer neoplastischen Zellpopulation aufweist. Die vermehrte Expression des Enzyms Telomerase, das zur Immortalität der Zellen beiträgt und die Ausschaltung wachstumsregulierender Proteine (p16, p53) sowie die Bindung von Molekülen, die im Zellkern proliferationsfördernde Gene aktivieren (NFkb), sind einige der Bausteine, die pathogenetisch möglicherweise bedeutungsvolle Prozesse in Gang setzen.
Hinweise für die Richtigkeit der Hypothese zur stufenweisen Entwicklung der CL aus reaktiven präneoplastischen Vorstufen ergeben sich aus folgenden Beobachtungen:
c Weder klinisch noch histologisch lassen sich die Frühstadien der CL von ekzematoiden Veränderungen (im Fall der CTCL) oder von lymphatischen Hyperplasien (im Fall der CBCL) unterscheiden.
c Die Symptome können durch nicht aggressive therapeutische Maßnahmen (PUVA für CTCL beziehungsweise Antibiotika bei einigen Fällen von CBCL) in klinisch komplette Remission gebracht werden. Häufig kommt es jedoch zum Rezidiv. Dies könnte ein Hinweis auf einen frühen systemischen Befall mit „minimal residual disease“ sein oder dahin gehend interpretiert werden, dass mit der Therapie die eigentliche Ursache – zum Beispiel ein persistierendes Antigen in den Langerhans-Zellen der Epidermis – nicht beseitigt wird.
c „Tumorzellen“ aus frühen Läsionen lassen sich in vitro nicht anzüchten.
Obwohl die CL im Vergleich zu
den weitaus häufigeren epithelialen Karzinomen (Basaliome, Spinaliome) und Melanomen seltene Hautneoplasien darstellen, sind sie wichtige Modellerkrankungen in der Tumorgeneseforschung, da bereits Hautveränderungen in den prälymphomatösen Stadien vorhanden sind und in ihrem Verlauf verfolgt werden können. Zudem sind CL mittels einfach durchzuführender Hautbiopsien in sämtlichen Krankheitsstadien einer Untersuchung zugänglich. Da es sich bei den CL um eine relativ seltene Krankheitsgruppe handelt, können Fortschritte in der Erforschung dieser Erkrankungen und Prüfungen potenziell wirksamer Therapieformen nur durch interdisziplinäre und internationale Kooperation großer Zentren erreicht werden. Diesem Ziel hat sich die International Society for Cutaneous Lymphomas (ISCL) verschrieben

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 697–703 [Heft 11]

Literatur
 1. Burg G, Braun-Falco O: Cutaneous lymphomas. Berlin: Springer 1983.
 2. Burg G, Kempf W, Haeffner AC et al.: Cutaneous lymphomas. Curr Probl Dermatol 1997; 9: 137–204.
 3. Burg G, Müller B, Dummer R, Kempf W, Kamarashev J: Virtual microsope – cutaneous lymphoma. CD-Rom, Bern: Hans Huber Verlag 2000.
 4. Cerroni L, Kerl H, Gatter K: An illustrated guide to skin lymphoma. 1998; Vienna, London: Blackwell Science.
 5. Dummer R: Kutane Lymphome. In: Garbe C: Qualitätssicherung in der Onkologie. Diagnostische und therapeutische Standards in der Dermatologischen Onkologie 1998; 65–75.
 6. Duncan LM: Cutaneous lymphoma. Understanding the new classification schemes. Dermatol Clin 1999; 17: 569–592.
 7. Hess Schmid M, Bird P, Dummer R, Kempf W, Burg G: Tumor burden index as a prognostic tool for cutaneous T-cell lymphoma (CTCL): a new concept. Arch Dermatol 1999; 135: 1204–1208.
 8. Kempf W, Dummer R, Burg G: Approach to difficult lymphoproliferative lesions of the skin. Am J Clin Pathol 1999; 111 (suppl 1): 84-93.
 9. Sander CA, Flaig MJ: Morphologic spectrum of cutaneous B-cell lymphomas. Dermatol Clin 1999; 17: 593–599.
10. Willemze R, Kerl H, Sterry W et al.: EORTC classification for primary cutaneous lymphomas: a proposal from the cutaneous lymphoma study group of the European organization for research and treatment of cancer. Blood 1997; 90: 354–371.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Günter Burg
Dermatologische Klinik
Universitätsspital Zürich
Gloriastrasse 31, 8091 Zürich, Schweiz
E-Mail: burg@derm.unizh.ch

Weitere Informationen im Internet
www.usz.unizh.ch/iscl/isclhome.htm


Stufenweise Entwicklung kutaner Lymphome über so genannte „biologische Breakpoints“

´Tabelle 1CC´
Gegenüberstellung der Lymphomklassifikationen
EORTC WHO/REAL Kiel-Klassifikation
Primäre kutane T-Zell-Lymphome (TCL)
Mycosis fungoides (MF) MF Kleinzellig, zerebriform
MF mit follikulärer Muzinose Nicht spezifiziert Nicht spezifiziert
Sézary-Syndrom (SS) SS Kleinzellig, zerebriform
Pagetoide Retikulose (PR) Nicht spezifiziert Nicht spezifiziert
Elastolytisches Lymphom Nicht spezifiziert Nicht spezifiziert
(granulomatous slack skin)
Großzellige T-Zell-Lymphome, CD30-positiv Anaplastisches Großzellig, anaplastisch
großzelliges
Lymphom
  Anaplastische, immunoblastische CD30+
  und pleomorphe Formen
Lymphomatoide Papulose CD30+-lympho- Nicht spezifiziert
proliferative
Erkrankung der
Haut
Klein- und mittelgroßzellige pleomorphe Peripheres TCL, Pleomorph, kleinzellig
kutane T-Zell-Lymphome nicht spezifiziert
Großzellige T-Zell-Lymphome, CD30-negativ Peripheres TCL, Pleomorph, großzellig
nicht spezifiziert
  Immunoblastische und pleomorphe Formen Immunoblastisch
Subkutanes Pannikulitis-artiges SPTZL Nicht spezifiziert
T-Zell-Lymphom (SPTZL)
Primäre kutane B-Zell-Lymphome (BCL)
Keimzentrumszell-Lymphom Keimzentrums- Zentroblastisch-
(FCCL, follicle center cell lymphoma) lymphom zentrozytisch
Immunozytom (IZ) bzw. MZL (niedrig- Monozytoid
Marginalzonen-Lymphom (MZL) malignes BCL) B-Zell
vom MALT-Typ
Großzelliges B-Zell-Lymphom Diffuses Zentroblastisch
des Unterschenkels großzelliges BCL
Intravaskuläres großzelliges B-Zell-Lymphom Nicht spezifiziert Nicht spezifiziert
Plasmozytom Plasmozytom Plasmozytom
EORTC, European Organization for Research and Treatment of Cancer
REAL, Revised European American Lymphoma Classification

´Tabelle 2CC´
Biologische Kategorien kutaner Lymphome
Semimaligne Maligne Lymphome
„abortive“ Indolente Aggressive
Lymphome Formen
Klinischer Verlauf
(Spontanheilung) + – –
Potenzieller
systemischer Befall – + ++
Heilung – – –
Durchschnitt-
liche Über-
lebenszeit Normal 5 Jahre 2 Jahre
Potenziell
tödlicher Ausgang –/(+) + (möglich) ++
Transformation
(zu weniger
differenzierten
Formen) –/(+) + ++
Klonalität –/(+) + +
Chromosomale
Veränderungen
(genetische
Instabilität) –/(+) + ++
– kommt nicht vor
+/++ häufig/sehr häufig zu beobachten

´Tabelle 3CC´
Zuordnung der kutanen Lymphome zur WHO-Klassifikation und verschiedenen prognostischen Kategorien
REAL-/WHO-Lymphom-Klassifikation Prognostische Kategorien primärer kutaner Lymphome (CL)*1
(gekürzt) Semimaligne, abortive CL*2 Progressive, indolente, Progressive, aggressive,
niedrigmaligne CL*3 hochgradigmaligne CL*4
Vorläufer T-Zell-lympho- Lymphoblastisches TCL*7
blastische Leukämie/
Lymphom
Periphere T-Zell- und
NK-Zell-Neoplasien
  Mycosis fungoides Parapsoriasis Mycosis fungoides (MF) Transformation von MF oder SS
  Sézary-Syndrom Pagetoide Retikulose Sézary-Syndrom (SS) in höhergradiges Lymphom
Lymphomatoide Papulose Pleomorphes kleinzelliges Lymphom
Syringolymphoide Hyperplasie Granulomatous slack skin
  Anaplastisches Solitäres CD30+-Lymphom Disseminiertes mittel- bis großzelliges
  großzelliges Lymphom pleomorphes Lymphom (CD30 +/–)
  Primäres kutanes Disseminiertes anaplastisches Lymphom
  CD30+-T-Zell-Lymphom (CD30+/–)
  Angioimmunoblast AILD*7 AILD*7
  T-Zell-Lymphom (AILD)
  NK/T-Zell-Lymphom Zytotoxisches TCL (CD 8+)
  NK-Zell-Leukämie Echtes NK-Zell-Lymphom (CD56+)
Provisorische
Entitäten
Subkutanes Subkutanes TCL Subkutanes TCL
(panniculitisartiges) T-Zonen-Lymphom*7
T-Zell-Lymphom Juveniles granulomatöses Intravaskuläres TCL (ehemalige maligne
kutanes TCL Angioendotheliomatose vom T-Zell-Typ)
Vorläufer Lymphoblastisches BCL*7
B-lymphoblastische
Leukämie/Lymphom
Periphere
B-Zell-Lymphome
Persistierende reaktive
lymphoide Hyperplasie
(„Pseudolymphom“)
Marginalzonen-Lymphom Lymphom vom MALT-Typ
Keimzentrumszell-Lymphom FCCL*5
(FCCL, follicular center cell
lymphoma)
Immunozytom Immunozytom
Mantelzell-Lymphom Mantelzell-Lymphom
Diffuses großzelliges Diffuses großzelliges B-Zell-Lymphom*6
  B-Zell-Lymphom   – zentroblastisch
  – immunoblastisch
  – anaplastisch
Provisorische Entitäten T-Zell-reiches B-Zell-Lymphom Intravaskuläres CL (ehemalige maligne
  Angioendotheliomatose vom
  B-Zell-Typ)
*1 vorwiegend prognostische Merkmale *4 Überlebenszeit: < 5 Jahre *7 primäre Hautmanifestation fraglich BCL, B-Zell-Lymphom
*2 Überlebenszeit nicht eingeschränkt *5 häufige Lokalisation: Kopf-/Hals-Region MALT, Mukosa-assoziiertes lymphatisches Gewebe
*3 Überlebenszeit: 5–10 Jahre *6 häufige Lokalisation: Unterschenkel TCL, T-Zell-Lymphom REAL, Revised European American Lymphoma Classification

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema