ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2001Die Willensfreiheit des Menschen

VARIA: Geschichte der Medizin

Die Willensfreiheit des Menschen

Dtsch Arztebl 2001; 98(11): A-704 / B-574 / C-540

Deneke, J. F. Volrad

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LNSLNS Vom Ursprung einer Philosophie der Freien Berufe

Humanismus und Frührenaissance entwickelten sich im ausgehenden Mittelalter in den aufblühenden Stadtkulturen Italiens. Den Aufbruch der humanistischen Philosophie hat man sich nicht plötzlich vorzustellen. Wie die ersten Blüten des Humanismus in dichterischen Visionen in Erscheinung treten, so bereiten sich neuzeitliche Gedanken auch in der kirchentreuen theologischen Philosophie vor. Nikolaus Cusanus (1401–1464) durchbricht mit seinem Wissen vom Nichtwissen – der „De ducta ignorantia“, entstanden 1440 – und erst recht mit seiner Identifikation Gottes mit dem Unendlichen das scholastische Denken anderthalb Jahrhunderte vor Giordano Bruno (1548–1600) und zweihundert Jahre vor Descartes. Die Erkenntnis des gelehrten Nichtwissens des Nikolaus Cusanus kann genauso gut als Tor zur neuzeitlichen Philosophie bezeichnet werden wie Descartes’ „cogito, ergo sum“ oder die Renaissance des antiken Ideals „werde, der du bist!“.
Philosophie als
Freier Beruf
Hier beginnt auch die Entwicklungsgeschichte der neuzeitlichen Freien Berufe, ihrer Berufung, ihres Selbstverständnisses und der wissenschaftlichen Forschung über ihr Wesen und ihre Bedeutung.
Wie existenzielle Risiken zum Wesen freier Berufsausübung gehören, so ist Philosophie als Freier Beruf im geistigen Kampf mit der Kirche im Humanismus und in der Renaissance und noch Generationen danach nicht ungefährlich. Die Inquisitio haeretica pravitatis spürt die ketzerische Verderbtheit auf, und es ist nicht von ungefähr, dass die griechische Wortwurzel der Häresie auch „die erwählte Meinung“ bedeuten kann, die vom Dogma freie Meinung.
Weg zur geistigen
Selbstvervollkommnung
Ein populärer Humanist wie Pietro Pomponazzi (1462– 1525), der mit seinem Traktat über die Unsterblichkeit der Seele den erbitterten Meinungsstreit über die Unsterblichkeit auslöst, muss seine offen geäußerte Meinung gegen das Dogma der Unsterblichkeit durch ein ebenso öffentliches, zeitgeschichtlich konventionelles Bekenntnis zur kirchlichen Lehrmeinung der Unsterblichkeit ergänzen, um nicht Opfer der Inquisition zu werden. Noch Descartes, der als eigentlicher Begründer der neueren Philosophie gilt, verzichtet auf die Herausgabe eines größeren Werkes über „die Welt“, als ihn die Nachricht von der Verurteilung Galileis und seiner Schrift zur Verteidigung der kopernikanischen Lehre erreicht.
Dies ist die zeitgeschichtliche Situation, in der als Nukleus der erste neuzeitliche Freie Beruf in das Blickfeld der Sozialgeschichte tritt: die Philosophen und Humanisten selbst. Ein beachtlicher Teil lebt vom Beruf des Philosophen und trägt zugleich das volle existenzielle Risiko der Berufung.
Und genau dies ist auch die Zeit, in der ein erster Keim der wissenschaftlichen Forschung über Wesen und Bedeutung der Freien Berufe aufbricht: Die 1486 von Giovanni Pico della Mirandola veröffentlichte, jedoch nie gehaltene Rede „De hominis dignitate“. Pico weist in dieser zu ihrer Zeit aufsehenerregenden Publikation darauf hin, dass der Mensch das einzige Wesen ist, das nicht nach einem Typus (Urbild) erschaffen wurde und dessen Würde in der Freiheit gründet, sich selbst zu vollenden.
Das Verständnis des Menschen als zur Entscheidungsfreiheit geborenes, nicht determiniertes Wesen belegt Giovanni Pico (geboren am 24. Februar 1463 in Mirandola) mit nicht weniger als 900 Thesen, die er in Rom zur Disputation stellt. Damit demonstriert er das Wesen der Philosophie als Disputation zur Suche nach Wahrheit und als Weg zur geistigen Selbstvervollkommnung des Menschen.
Würde und Erhabenheit
des Menschen
Seine Oratio „De hominis dignitate“ ist konzipiert als Einführung in eine große Disputation, wie es sie nach Art und Umfang und mit einem so ehrgeizigen Ziel bisher noch nicht gegeben hat. Die Oratio entwirft das neue Menschenbild als Schöpfung Gottes in der Diktion des von der kirchlichen Herrschaft geprägten Zeitgeistes, formuliert als Ansprache Gottes an Adam:

„Wir haben Dir keinen festen Wohnsitz gegeben, Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit Du den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die Du selbst dir ausersiehst, entsprechend Deinem Wunsch und Entschluss habest und besitzest. Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest bestimmt und wird innerhalb von uns vorgeschriebener Gesetze begrenzt. Du sollst Dir deine ohne jede Einschränkung und Enge, nach Deinem Ermessen, dem ich Dich anvertraut habe, selber bestimmen. Ich habe Dich in die Mitte der Welt gestellt, damit Du Dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt. Weder haben wir Dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit Du wie Dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigeren, zum Tierischen entarten; Du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn Deine Seele es beschließt.“

Im durchscheinenden christ- katholischen Gewand ist hier der zur Wahlfreiheit des Weges zur persönlichen Vollendung geborene Mensch dargestellt. Nur Menschen sind befähigt, „geläutert, dann erleuchtet und schließlich vollendet“ zu werden. (Zitate nach Norbert Baumgarten, hrsg. von August Buck, Hamburg, 1990)
Wie bei der Veranstaltung von Disputationen im 15. Jahrhundert üblich, folgt der programmatischen Einführung eine thematische Aufgliederung des vorgesehenen Disputationsverlaufs. Der genialen Konzeption Picos entsprechend, breitet seine Oratio in ihrem zweiten Teil das ganze Panorama der intellektuellen und ethischen Chancen zur Selbstvollendung der in Freiheit sich zu mensch-
licher Würde entwickelnden Person aus.
Die Veröffentlichung der Thesen und ihre Einführung 1486 in Rom führen zunächst zum Verbot der Disputation durch Papst Innozenz VIII. und später zur Verurteilung aller Thesen. Nach Kerkerhaft wegen Häresie findet Pico in Lorenzo de Medici einen schützenden Gönner. Die Exkommunikation wird erst 1493 aufgehoben. Schon im 32. Lebensjahr stirbt Pico am 17. November 1494, einer der erstaunlichsten und gebildetsten humanistischen Philosophen der Renaissance. Er gilt als „Vater“ der modernen Anthropologie. Sein Menschenbild der Sonderstellung des Menschen ist noch immer das vorherrschende Menschenbild auch im Existenzialismus und in den ersten philosophischen Thesen des neuen Jahrhunderts der Robotik, Gentechnik und Nanotechnologie nach Entschlüsselung des menschlichen Genoms.
Das Menschenbild Picos ist eine treffsichere Skizze des evolutionären Schubes, der den Menschen zum Menschen macht:

„Das durch Vernunft zur Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung befähigte Lebewesen, dem Wahl-, Willens- und Handlungsfreiheit gegeben ist, wohin auch immer es sich spezialisieren, entwickeln und vollenden will, zu vegetativem, animalischem, menschlichem oder göttlichem Leben mit all diesen Anlagen begabt.“

In dieser Freiheit, sich selbst zu vollenden, gründen Würde und Erhabenheit des Menschen.
Auch Pietro Pomponazzi räumt dem Menschen eine Sonderstellung ein, indem er ihm in seinem „Tractatus de immortalitate animae“ 1516 aufgrund der „doppelten Natur“ des Menschen eine Mittelstellung, eine Ambivalenz zuerkennt zwischen dem, was sterblich, und dem, was unsterblich ist (Pietro Pomponazzi, Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele, übersetzt und mit einer Einleitung herausgegeben von Burkhard Mojsisch, Hamburg, 1990). Aber in Wesen und Bedeutung dieser doppelten Natur erkennt und anerkennt er nicht die Schlüsselfunktion der Willensfreiheit für die Würde des zur Selbstvollendung wie für die Würdelosigkeit des zur Bestialität befähigten Menschen. Damit bleiben die Seele wie die moralische Vernunft von Pomponazzi in seinem Hauptwerk unerklärt.
Die Naturphilosophie des Humanismus konfrontiert den Menschen, das Ich, mit dem Universum. In der Faszination der unendlichen Weltweite und deren Mitte im menschlichen Ich bleibt noch unentdeckt, wohl kaum geahnt, dass Werden, Wandel und Vollendung des Individuums, des individuellen Singular, nur sein kann, wenn und weil mitmenschlicher Dual und Plural sind, und zwar wegen des unerforschlichen Wunders der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung in dieser Dreifaltigkeit: Individuation, Paarung und generative wie spezialisierende – arbeitsteilige, berufliche – Sozialisation. Tatsächlich aber ist hier der Grund gelegt für das im Zeitalter der technischen Revolution von Nano-, Gen- und Computertechnologie des 21. Jahrhunderts überproportional wachsende Bedürfnis der Menschen nach professioneller Mitmenschlichkeit, wie sie exemplarisch in den schöpferischen und Dienstleistungstätigkeiten der Freien Berufe programmiert ist.
Eine Generation nach Giovanni Pico della Mirandola anerkennt Paracelsus in einer von Gott in der Natur vorgegebenen Bandbreite den Gedanken der Willens- und Entscheidungsfreiheit des Menschen, den Arzt damit zum Helfer und Diener Gottes berufend. Die Übereinstimmung mit der vocatio seines Zeitgenossen Martin Luther ist offenkundig. Die vocatio des Arztes ist bei Paracelsus wie die der Priester in allen hierarchischen Religionen überhöht, da die Medizin für Paracelsus „die umfassende Gesamtwissenschaft, fußend auf Physik, Chemie, Physiologie, mündend in Philosophie und Theologie“ ist (G. Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, 22. Aufl., Stuttgart 1991).
Philosophie der Freiheit
und Selbstverantwortung
Der als Begründer der neuzeitlichen Anthropologie gerühmte Giovanni Pico della Mirandola setzt in diesem Sinne ein erstes Zeichen für eine Philosophie der Freiheit und Selbstverantwortung in der sozialpflichtigen Berufstätigkeit.
Die englische Philosophie des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts baut
insbesondere mit Milton (1608–1674) und John Locke (1632–1704) eine Brücke zur Freiheitsphilosophie des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und der französischen Revolution, die ihrerseits die freiheitliche Staatsphilosophie Wilhelm von Humboldts initiiert, die mit dem Freiheitsverständnis in Kants Kritik der praktischen Vernunft zu den frühen Quellen der wissenschaftlichen Forschung über Wesen und Bedeutung der Freien Berufe im 19. Jahrhundert gehört.

Literatur beim Verfasser
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. J. F. Volrad Deneke
Axenfeldstraße 16, 53177 Bonn

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