ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 1/2001Studie zu E-Health: Der emanzipierte Verbraucher kommt

Supplement: Praxis Computer

Studie zu E-Health: Der emanzipierte Verbraucher kommt

Dtsch Arztebl 2001; 98(11): [23]

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Wie wirkt sich das Internet auf Entscheidungen von Ärzten und Patienten und auf ihr Verhältnis zueinander aus? Eine Studie der Boston Consulting Group gibt
Einblicke in den Gesundheitsmarkt von morgen.
Patienten und Ärzte nutzen das Internet anders als die „typischen“ Web-Surfer. Die meisten gesundheitsbezogenen Web-Angebote berücksichtigen jedoch die eigenen Gesetzmäßigkeiten dieses Bereichs nicht genügend. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Patients, Physicians, and the Internet – Myth, Reality, and Implications“ der Boston Consulting Group (BCG), Hamburg. Für die Untersuchung wurden 1 000 Patienten und 250 Ärzte in Deutschland und Schweden befragt. Von den Patienten waren 700 Internet-Nutzer, wogegen die übrigen keine Internet-Erfahrung hatten. Bei den Ärzten waren rund die Hälfte Internet-Nutzer.
Patienten: Suche nach speziellen Informationen
Patienten sind nicht an allgemeinen Gesundheitsinformationen im Web interessiert, wie sie beispielsweise Gesundheitsportale für Laien bieten, sondern sie suchen in der Regel gezielt und aus einem konkreten Anlass fundierte und detaillierte Informationen über ihre spezielle gesundheitliche Situation oder ihr Kankheitsbild. An der Möglichkeit, Wellness-Produkte oder Arzneimittel über das Internet zu bestellen, besteht hingegen kaum Interesse (Grafik 1, 2).
Vier von fünf der befragten Patienten (78 Prozent) gaben an, sie würden das Internet nutzen, um vertrauenswürdige medizinische Hintergrundinformationen zu erhalten. Die Glaubwürdigkeit der Information spielt dabei eine wesentliche Rolle: Die Informationsangebote von Universitätskliniken und medizinischen Verbänden und Gesellschaften werden für weitaus glaubhafter gehalten als diejenigen kommerzieller Anbieter und Pharmaunternehmen (Grafik 3). Eine Bindung an bestimmte Gesundheits-Websites ist jedoch nicht erkennbar; Bookmarks zum schnellen Wiederfinden entsprechender Angebote werden kaum gesetzt.
Überwiegend besteht keine Neigung, für allgemeine medizinische Informationen im Internet viel zu bezahlen. Diese Einstellung ändert sich erst, wenn der Internet-Nutzer erkrankt – und vor allem dann, wenn er schwer erkrankt. Die Zahlungsbereitschaft nimmt mit der gebotenen Spezifizität der Information zu. So würden 40 Prozent der Befragten beispielsweise zwischen zehn und 50 Euro für eine einmalige Beratung bei der Krankenhauswahl bezahlen.
Ärzte: Aufgeschlossen, aber auch kritisch
Ärzte wollen zwar das Internet als Quelle für medizinische Fachinformationen und für Beratungszwecke nutzen – dies jedoch in der Regel nach dem Patientenkontakt und nicht während ihrer Arbeit mit den Patienten. Auch sind sie nicht bereit, viel Zeit zu investieren, den Umgang mit neu-en Technologien und dem Internet zu lernen. Die Ärzte gaben an, dass sie insbesondere an Angeboten zur Unterstützung spezifischer Diagnosen interessiert seien, beispielsweise an Online-Bilddatenbanken zur Dermatologie. Diese Dienste müssten allerdings einfach zu nutzen sein, die gewünschte Information schnell liefern, zu mehr als 99 Prozent zuverlässig sein und gegenüber anderen Informationsdienstleistungen Vorteile bieten.
Zertifizierte Fortbildung über das Internet halten 41 Prozent der Ärzte für wichtig und 28 Prozent für sehr wichtig. Auf die Frage, wer solche Fortbildungsseminare anbieten sollte, wurden an erster Stelle Universitätskliniken (80 Prozent) und medizinische Fachgesellschaften und Verbände (71 Prozent) genannt; lediglich 34 Prozent halten die Pharmaindustrie hierfür geeignet.
Mehr als 60 Prozent der Ärzte wünschen, dass das Internet ihre Informationsrecherche beschleunigt. 50 Prozent interessieren sich für die Kostenersparnis, die Optimierung des Verwaltungsaufwands und für den Austausch mit Kollegen. Die Nutzung von Online-Einkaufsquellen (E-Procurement) wird stark von damit verbundenen Einsparmöglichkeiten abhängig gemacht: Nur wenn gegenüber herkömmlichen Bezugsquellen mindestens zehn Prozent eingespart werden kann, würden Ärzte per Mausklick einkaufen. Dies gilt gleichermaßen für den Einkauf von Spezialgeräten wie von Verbrauchsmaterial.
Als Hindernisse für eine Internet-Nutzung betrachten die Ärzte vor allem den zusätzlichen Lern- und Zeitaufwand, der zunächst in den Umgang mit webbasierten Diensten zu investieren ist (70 Prozent), die Informationsüberflutung (57 Prozent) und die mangelnde Vertrauenswürdigkeit der Informationen (50 Prozent). Darüber hinaus bestehen Sicherheitsbedenken im Hinblick auf Datenmissbrauch bei finanziellen Online-Transaktionen und Lücken im Schutz von Patientendaten (Grafik 5).
Die Umfrage ergab ferner, dass Ärzte nicht ohne Weiteres ihr funktionierendes Praxis-EDV-System gegen ein modernes, kommunikationsfähiges System eintauschen wollen, auch wenn Letzteres viele Vorteile aufweisen würde. Sie befürchten den relativ hohen Zeitaufwand beim Einarbeiten in ein neues System und die Folgen mangelnder Systemstabilität.
Erfolgreiche Online-Services für Ärzte müssen daher genau auf den Workflow der Arztpraxis abgestimmt und mit der vorhandenen Praxis-EDV logisch verzahnt sein (siehe auch Grafik 6).
Verhältnis Arzt – Patient
Patienten und Ärzte wünschen nach Krankheitsbildern unterteilte Informationen. Sie wollen umfassend, neutral
und qualifiziert informiert werden und setzen vor allem auf Forschungsinstitute und Universitätskliniken als vertrauenswürdige Informationsquellen. Die Zukunft nicht spezialisierter Gesundheitsportale erscheint vor diesem Hintergrund eher ungewiss: Die Verbraucher spürten bereits eine Überversorgung mit kostenfreien allgemeinen Gesundheitsinformationen, weshalb ein erfolgreiches Online-Portal mehr bieten müs-
se, heißt es in der Studie. Umfassende und tiefgehende Informationen über sämtliche Krankheiten bereitzustellen, sei jedoch weder praktikabel noch efizient. Mehr Chancen werden daher spezialisierten Websites eingeräumt.
Die Studie prognostiziert, dass die Patienten durch das Internet darin bestärkt werden, Entscheidungen im Hinblick auf ihre Krankheit und ihre Therapie aktiv zu beeinflussen. Sie entwickeln sich zu emanzipierten Verbrauchern im Gesundheitsbereich, etwa bei der Auswahl eines Arztes oder Krankenhauses.
Anhaltspunkte dafür, dass das Internet als „Störfaktor“ das Verhältnis von Arzt und Patient beeinträchtigt, sind hingegen nicht erkennbar. Ganz im Gegenteil lautet ein Fazit der Studie: Die Ärzte, die den Wert des Internets für ihre Patienten akzeptieren, bauen letztlich eine engere und qualitativ bessere Bindung zu diesen auf.
Heike E. Krüger-Brand

Informationen: Boston Consulting Group, Andreas Poensgen, Chilehaus A, Fischerwiete 2, 20095 Hamburg, Telefon: 0 40/30 99 61 05, Fax: 0 40/30 99 63 50,
E-Mail: poensgen.andreas@bvg.com


Grafik 1: E-Health – was ist für Sie als Patient am wichtigsten?
in %
Aktualität der Forschungsergebnisse
Expertenrat
Hintergrundinformation
Bewertung von Krankenhäusern
Fundierte Fachinformationen
Bewertung von Ärzten
Auswahl von Krankenhäusern
Auswahl von Ärzten
Quelle: BCG/DÄ


in %
Bestellmöglichkeiten von
Wellness-Produkten
Bestellmöglichkeit
von Medikamenten
Gesundheitsportale
für Ärzte und Patienten
Links zu anderen Gesundheits-
und Wellness-Themen


in %
Gruppe von
Universitätskliniken
Medizinische Verbände
Universitätsklinik
Gesetzliche
Kran­ken­ver­siche­rung
Private
Kran­ken­ver­siche­rung
Pharmaunternehmen
Kommerzielle Anbieter Quelle: BCG/DÄ


in %
Missbrauch von
Abrechnungsdaten
Missbrauch von
Patientendaten
Missbrauch von
Daten über das
Online-Verhalten
Schaden am
Computersystem
Quelle: BCG/DÄ


in %

Zeitaufwand
Informationsflut
Mangelndes Vertrauen
Kosten
Sprachbarriere



in %
Verbesserte Sicherheit
nach außen
Regelmäßige Updates
Höhere
Funktionssicherheit
Niedrigerer Preis
Integrierter
Internet-Zugang
Funktionsumfang
Verbesserte Anwender-
freundlichkeit
Quelle: BCG/DÄ
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